Kapitel 44

126 11 5
                                        

Ich weinte an diesem Tag sehr viel.

Vielleicht sogar mehr, als damals, als ich Harry das erste Mal auf die Schliche gekommen war.
Vielleicht weniger, weil ich im Prinzip die ganze Zeit etwas Schlimmes erwartet hatte.

Es zeigte sich, dass es nicht weniger weh tat, nur weil ich das Gefühl an sich schon kannte. Wenn überhaupt, machte diese vergangene Erfahrung die aktuelle noch schwieriger. Ich fühlte mich so unendlich dumm. Dumm, naiv und ausgenutzt. Wie hatte ich mich wieder auf ihn einlassen können, obwohl die ganze Welt mich vor ihm gewarnt hatte?
Ich konnte einfach nicht verstehen, wie er mich nach allem, was wir gemeinsam durchgestanden hatten, so rücksichtslos verletzten konnte. Es war, als bedeutete ihm all das, was wir gesagt und getan hatten, gar nichts. So, als war es für ihn normal, dass Frauen sich ihm mit beinahe allem, was sie hatten, öffneten; als spielte er ein Spiel.
Ein Spiel, bei dem er es sich zum Ziel genommen hatte, mich nach und nach zu zerstören.

Die ganze Zeit über leuchteten tausende von Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf - unser erstes Gespräch nach der Trennung, die Dachparty, das Wochenende in Vermont, unser zweiter erster Kuss, Silvester - am präsentesten war allerdings der Tag, an dem ich mich von ihm getrennt hatte. Es fühlte sich alles so gleich an, obwohl die Randsituation ziemlich verschieden war. Dieses Mal hatte ich ihn quasi auf frischer Tat ertappt.

Wie konnte er sich mir so öffnen, wie er es getan hatte, mir dabei zusehen, wie ich das Gleiche tat, und mir dann trotzdem eiskalt einen Dolch durchs Herz stoßen?
Andererseits hatte ich mich aber die ganze Zeit schon gefragt, ob er seine Maske vor mir oder vor der Welt trug. Es schien, als war die Antwort darauf mehr als klar geworden. Harry war wohl nicht nur ein exzellenter Sänger, sondern auch ein äußerst begabter Schauspieler.
Vielleicht war dem so. Vielleicht hatte er mir die ganze Zeit über etwas vorgespielt.

Nach einiger Zeit schaltete ich mein Handy aus. Ich konnte dieses ständige Aufleuchten, was den Eingang einer neuen Nachricht von Harry verkündete, nicht mehr sehen. In diesem Moment wollte ich nichts mehr von ihm hören. Keine Erklärungen, keine Entschuldigungen, einfach nichts. Ich musste mit meiner Enttäuschung über ihn und mich selbst klarkommen und mir überlegen, was das hieß - für mich und für uns. Ich wusste nicht, woher ich wissen konnte, ob er die Wahrheit sagte und wie ich ihm diese, wenn er sie denn sprach, glauben sollte. Mit jedem Stück, was er sich leistete, wurden seine Worte ein wenig unglaubwürdiger und ich misstrauischer. Ich konnte nicht einmal behaupten, dass ich wusste, dass er mir so etwas nicht noch einmal antat und davon ausgehen, dass diese ganze Situation nur ein großes Missverständnis war, weil ich eben nichts wusste. Ich wusste nicht, wieso Ella bei Harry war, wieso Harry mir nicht davon erzählt hatte, ob Ed davon wusste, ob ich ihm davon erzählen sollte, welche Beziehung Harry und Ella zu einander hatten und was das für die von Harry und mir heißen sollte.

Was ich allerdings wusste, war, dass ich an diesem Abend noch auftreten musste und es den Fans schuldete, mich rechtzeitig zusammenzureißen. Daher versuchte ich mich, nachdem ich mich vier Stunden lang selbst bemitleidet, geweint und mir den Kopf über Fragen, zu denen mir die Antwort fehlte, zerbrochen hatte, schließlich zusammenzureißen. Zwei Stunden, bevor Steve mich abholen ließ, stellte ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag unter die Dusche und ließ das Wasser einfach auf meinen Körper prasseln, bis mein Haut total schrumpelig war. Danach föhnte ich, auf dem Badezimmerboden sitzend, meine Haare und schmierte mir Make Up ins Gesicht. An diesem Tag tat ich das allerdings nicht nur, um meine Narbe zu verstecken, sondern auch ein wenig, um mich zu verstecken. Auch, wenn die Routine, der ich in diesem Moment nachging, teilweise dazu diente, dass ich mich wieder zeigen konnte, wollte ich nicht gesehen werden. Die Menschen sollten an diesem Abend die Taylor sehen, die sie kannten - die gut gelaunte, fröhliche Performerin. Und zu dieser machte ich mich durch das Make Up, das ich auftrug. Ein zweiter Effekt meiner Routine war die Ablenkung, die mir die Beschäftigung mit meinen Kosmetikartikeln lieferte. Als ich fertig war, zog ich eine hellblaue Skinny-Jeans und, zum ersten Mal seit Tourbeginn, eins meiner eigenen Shirts über und machte mich mit meinen Taschen auf den Weg in die Lobby. Nach dieser letzten Show in Miami reisten wir direkt nach Orlando weiter, weswegen das ganze Team sein jeweiliges Zimmer schon im Vorraus räumen musste. Unten wartete zum Glück bereits das Taxi, was Steve für mich organisiert hatte, und ermöglichte mir einen ziemlich schnellen Aufbruch. Das war mir nur Recht, denn je schneller alles ging, desto weniger Leute konnten mich erkennen.

all you had to do was stayStories to obsess over. Discover now