6. Kapitel

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Dr. Jones, der einzige Arzt im Dorf, hatte Luka McLucas schon nach wenigen Minuten für tot erklärt.

Neela hingegen war kurze Zeit später wieder aufgewacht. Ihr ging es zwar gut, doch sie konnte sich an die letzten Stunden nicht mehr erinnern.

Der Arzt nahm an, dass sie vor Schreck ohnmächtig geworden und im Fallen mit dem Kopf an eine der Boxentüren geschlagen war.

Doch es gab noch eine zweite Variante, die Mark für deutlich wahrscheinlicher hielt: Der Täter hatte Neela mit einem harten Gegenstand niedergeschlagen, als sie in den Stall gekommen war.

Wenn das stimmte, konnte es sein, dass Neelas Erinnerung der Schlüssel zur Verhaftung des Mörders war. Doch da Neela sich an nichts mehr erinnerte und er auch den Beweggrund des Täters, sie nicht gleich erschossen zu haben, nicht kannte, schwieg er darüber.

Harvey hatte sich von seinem Schock erholt und beschlossen, für seine Schwester stark zu sein.

Mark selbst wünschte nur noch, der Tag wäre endlich vorbei. Das einzig Gute war, dass Neela sich auch nicht mehr an den Kuss auf der Veranda oder ihren Streit zu erinnern schien. Wobei auch das ein vernichtend kleiner Punkt auf der Positivliste dieses Tages war.

Mark war noch immer erschüttert, als er eine Stunde später über den Hof der McLucas lief.

Viele Männer waren aus den anliegenden Anwesen gekommen, als sie die Schüsse gehört hatten, deren Geräusch über das flache Land sehr weit getragen wurde.

Überall liefen sie mit ihren Taschenlampen herum und versuchten zu helfen oder den Mörder zu finden. Typisch texanisch waren sie alle selbst die kürzesten Strecken mit dem Wagen gekommen.

Die Pferde, die Neela in den Stall hatte bringen wollen, waren schnell gefunden und versorgt worden. Jetzt, eine Stunde später, war sich Mark nicht mehr sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, in dem Mordfall von Brendshires Sheriff zu ermitteln.
Er hatte nicht den nötigen emotionalen Abstand.

Außerdem kannte ihn hier jeder. Er müsste sich mehr anstrengen als je zuvor. Aber auf keinen Fall hätte er nach Kenia gehen und den Fall den beiden Hilfssheriffs Brendshires überlassen können.

Die letzte Stunde hatte seine Zukunftspläne durcheinandergewirbelt. Als er vor wenigen Minuten noch einmal mit seinem Chef, Ian, gesprochen hatte, hatte der natürlich versucht, ihn zu überreden, ihm dann aber vier Wochen Zeit für diesen Fall gegeben.

Außerdem würde er Marks besten Freund als Verstärkung schicken, mit dem Mark zusammenarbeitete, seit er bei ISASP war.

Er war hinter dem Stall angekommen, wo es deutlich dunkler war, da hier keine Lampen brannten. Abseits von dem Lärm der Dorfbewohner, die den Mörder suchten, ihn so aber nicht finden würden. Jetzt spürte Mark die Kälte, die für die Nächte so typisch war.

Ihm war plötzlich so übel, dass er sich in eine Mülltonne über geben musste.

Obwohl er selbst für ISASP seit den drei Jahren, die er schon 21 Jahre alt war, erwachsen war, fühlte er sich in diesem Moment wie ein kleines Kind.

Er lehnte sich an die hintere Wand des Stalls und rutschte daran herunter auf den kalten, dreckigen Boden. Er spürte ein Schluchzen in seiner Kehle aufsteigen.

Hier, abseits von den aufgeregten Bewohnern Brendshires, ließ er seinen Tränen freien Lauf. Er blickte nach oben zu den dunklen Wolken, die am Himmel vorbeizogen und nur von dem schwachen Licht des Mondes beleuchtet wurden.

„Warum, Gott?", stieß er unter einem Schleier von Tränen hervor. „Warum? Das ist so unfair! Luka hat an dich geglaubt. Warum musste er sterben?"

It All Comes Back Again Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt