Das erste, was Mark wahrnahm, war, dass er wieder atmen konnte.
Vorsichtig öffnete er die Augen und blickte sich um.
Er lag auf der Krankenstation.
Was war passiert?
Er hob seine Hand, musste allerdings feststellen, dass er mit Handschellen an das Bett gekettet war.
Trotzdem spürte er, dass seine Erinnerung an das, was passiert war, richtig war: Annes Ring war nicht mehr da.
Aber diesmal spürte er bei dieser Feststellung nicht die Verzweiflung, die seine Panikattacke ausgelöst hatte, sondern nur eine Emotionslosigkeit, die ihn selbst erschreckte.
Annes Ring war nicht mehr da, aber seine Frau seit vier Jahren auch nicht mehr.
„Mr O'Ryan?" Das rundliche Gesicht einer Schwester schob sich in sein Blickfeld.
Mark wollte antworten, doch die Frau hielt ihn zurück. „Sie können noch nicht sprechen. Wir haben Sie gerade erst vom Beatmungsgerät gelöst. Aber Sie können nicken, während ich Ihnen einige Fragen stelle. Ist das okay?"
Mark nickte. So schlimm war es gewesen? Er hatte beatmet werden müssen?
„Gut. Haben Sie eine Ahnung, was Ihren Anfall ausgelöst haben könnte? Haben Sie irgendetwas genommen?"
Mark runzelte die Stirn und schüttelte energisch den Kopf.
„Hatten Sie vor, sich umzubringen? In diesem Fall müsste ich einen Psychiater hinzuziehen."
Wieder schüttelte er den Kopf. Wobei ein Psychiater ihm Zeit verschafft hätte...
In diesem Moment wurde die Tür zur Krankenstation ruckartig aufgestoßen.
Mark wollte sich aufrichten, um den zu sehen, der mit harten, schnellen Schritten auf ihn zu kam, doch die Schwester drückte ihn energisch wieder in seine Kissen zurück. „
Nicht so schnell, junger Mann. Sie kommen früh genug wieder auf die Beine."
„O'Ryan."
Mark unterdrückte den Impuls, beim Klang von Marcellos Stimme die Augen zu verdrehen.
Die Schwester entschuldigte sich und verschwand, als der Sheriff sich einen Stuhl heranzog und sich neben Marks Bett setzte.
„Also, ich frage nur einmal und ich erwarte eine ehrliche Antwort. Was ist passiert?"
Mark wandte den Kopf ab.
„Ah, ich verstehe, du willst nicht mit mir reden. Aber du weißt, dass das Angebot mit dem Austausch durch deinen Bruder noch steht."
Mark bekam eine Gänsehaut, als er an seine beiden Zellengenossen dachte. Landon in deren Mitte - das würde nicht gut gehen.
Immerhin hatte er selbst nach dem Vorfall bessere Aussichten, eine Einzelzelle zu bekommen.
Zögernd wandte er sich wieder Marcello zu.
„So ist es gut." Der Mann lachte höhnisch auf. „Also, was ist passiert?"
Mark verengte die Augen zu Schlitzen und bedeutete Marcello, dass er nicht sprechen konnte.
„Ausrede! Jetzt sprich schon!", fauchte Marcello.
Mark verdrehte die Augen und kniff die Lippen zusammen, bevor er heiser flüsterte: „Fragen Sie doch die beiden, die mit mir in der Zelle waren."
Marcello lachte auf. „Ja klar, würde ich jetzt auch sagen. Die beiden meinten bereits, dass sie dich nicht angerührt haben. Also, woher kam der Anfall?"
Mark überlegte kurz. „Ich denke, Harper Bradley könnte Ihnen mehr sagen."
Marcello beugte sich über ihn und starrte ihm fest in die Augen. „Traurig nur, dass du sie umgebracht hast, nicht wahr?"
„Nein."
Das Reden tat weh, deswegen begnügte Mark sich mit diesem Wort.
Wie konnte er Marcello nur dazu bewegen, zu gehen?
Der Mann würde sowieso nicht verstehen, was passiert war. Er selbst verstand es ja auch kaum.
Mark blickte Marcello mit zusammengekniffenen Augen an und begann, die Luft anzuhalten, während der Sheriff weiter versuchte, ihn zum Reden zu bewegen.
Irgendwann begann der Monitor über Marks Bett, durchdringend zu piepsen. Mark kämpfte gegen den Impuls an, wieder Luft zu holen, bis die Schwester herbei eilte und Marcello aus dem Zimmer scheuchte.
Erst jetzt atmete Mark wieder tief ein.
„Das hätte ich auch gemacht", murmelte die Schwester mit einem kaum sichtbaren Augenzwinkern in seine Richtung. „Ein unangenehmer Zeitgenosse."
Anscheinend hatte sie sofort durchschaut, was er getan hatte.
Mark zuckte nur leicht die Achseln, bereitete ihm doch nahezu jede Bewegung Schmerzen.
Erst als die Schwester sich wieder anderen Patienten zuwandte, schloss er erschöpft die Augen.
Warum hatte es ihm so sehr zu schaffen gemacht, Annes Ring verloren zu haben? Was hatte diese scheinbar übermächtige Angst ausgelöst?
Nur die Tatsache, das Versprechen gebrochen zu haben, das er ihr gegeben hatte? Sie immer zu lieben, sein ganzes Leben lang?
Langsam begann Mark zu begreifen, dass er nicht nur das Versprechen hatte halten wollen, das er Anne gegeben hatte, indem er den Ring getragen hatte.
Das auch, natürlich, aber es war vor allem sein Schuldbewusstsein gewesen, dass ihn dazu gebracht hatte, diese Ehe nicht hinter sich lassen zu können.
Immerhin hatte er Anne in den Tod getrieben. Er war verantwortlich dafür, dass sie überhaupt aus der Wohnung gerannt war.
Das war auch das, was Annes Bruder ihm immer wieder von neuem gesagt hatte.
Dass er, Mark O'Ryan, den Tod seiner Frau hätte verhindern können.
Wenn er sich hätte damit abfinden können, für Anne nicht mehr für ISASP zu arbeiten, nicht mit ihr gestritten hätte.
Wenn er nicht zugelassen hätte, dass sie, aufgebracht wie sie gewesen war, die Treppe hinunter stürmte.
Vielleicht hätte er auch bei ihr bleiben müssen, als sie in den OP gebracht worden war.
Aber war das wirklich so?
War wirklich er Schuld?
Erneut spielten sich seine letzten Momente mit Anne in seinem Kopf ab. Der Streit, ihr Sturz, der Augenblick, kurz bevor der Krankenwagen gekommen war.
Er sah die Angst in ihren Augen, als sie das Blut entdeckt hatte.
Dort hat sie dir alles verziehen.
Mark blickte sich um, aber er sah niemanden, der das gesagt hatte. Doch die Worte wiederholten sich erneut.
War es wirklich möglich, dass Anne ihm vergeben hatte? Wenn er jetzt darüber nachdachte, fiel ihm nichts ein, was darauf hindeutete, dass Anne es nicht getan hatte.
Nur, dass sie ihn geliebt hatte, als er sie ein letztes Mal geküsst hatte, bevor der Krankenwagen sie mitgenommen hatte.
Es war schmerzhaft, das wusste er, aber er musste lernen, Anne loszulassen.
Henry, Neela, Josh, sein Vater - sie alle hatten recht gehabt. Durch die ständige Erinnerung an Anne hatte er in der Vergangenheit gelebt.
Herr, begann Mark stumm zu beten, wenn du mich hörst... Bitte, hilf mir. Ich will nicht länger nur nach hinten schauen. Bitte, mach du mich frei von den Schuldvorwürfen. Hilf mir, Anne loszulassen.
Eine einsame Träne lief seine Wange hinunter und tropfte in sein Kissen.
Willst du das wirklich?
Mark konnte nicht verhindern, dass ihm die Frage sofort durch den Kopf schoss.
Seine Hand, die sich um seine Bettdecke verkrampft hatte, entspannte sich langsam, als er leise „Ja" flüsterte.
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It All Comes Back Again
Ficção AdolescenteDie plötzliche Ermordung von Sheriff McLucas versetzt ganz Brendshire in Aufruhr. Um in seinem Todesfall zu ermitteln, werden drei Geheimagenten in das kleine, amerikanische Dorf geschickt. Einer von ihnen ist Mark O'Ryan, dessen Familie zu den best...
