58. Kapitel

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Neela öffnete leise die Tür. Sie warf einen Blick in den Raum dahinter und gab Alec einen Wink, dass er ihr folgen konnte.
Die beiden huschten in das Zimmer.

Neela ließ den Strahl ihrer Taschenlampe über die Wände gleiten.

In dem kleinen Raum hingen 12 Portraits, darunter jeweils ein Regal mit wichtigen persönlichen Gegenständen der verstorbenen Personen.

In dem Regal unter Owen Cunninghams Foto lag beispielsweise dessen große, runde Brille und seine Krawatte, die er auch bei den höchsten Temperaturen immer getragen hatte.

Daneben standen ein gerahmtes Foto seiner Familie und ein Strauß frischer Blumen.

Darauf achtend, dass die alten Dielenbretter nicht knarzten, ging Neela mit leichten Schritten an der Wand entlang.

Fast jedes Gesicht, dessen Portrait an der Wand hing, kannte sie.
Von den Einwohner Brendshires wurde dieser Raum neben dem Büro des Sheriffs das Erinnerungszimmer genannt.

Von den McLucas hingen schon drei Fotos hier: Lukas, Sophies und Neelas. Josh hatte darauf bestanden, dass sie auch Neela einen Platz in diesem Raum geben mussten, sollte ihr Tod wirklich real erscheinen.

Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe streifte endlich das Portrait ihres Vaters.

Neela hielt kurz inne und betrachtete es.
Ihr Vater sah auf dem Foto genauso aus, wie er immer ausgesehen hatte: den texanischen Sheriffhut auf den blonden Haaren, die markanten Gesichtszüge, die blauen Augen und das freundliche Lächeln.

Schlagartig wurde Neela klar, wie sehr sie ihren Vater vermisste. Was die bereits verwelkten bunten Blumen auf dessen kleinem Regal nicht gerade zum Ausdruck brachten.

Sie musste unbedingt einen neuen Strauß der texanischen Wildblumen pflücken, die ihr Vater so geliebt hatte, genauso wie ihre Mutter - oder eigentlich nur ihre Ziehmutter.
Deren Bild hing gleich neben dem ihres Vaters.

Neela wandte sich um, als Alec eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Tut mir leid", murmelte er leise, ließ jedoch offen, ob er damit den Verlust ihrer Eltern meinte, oder ob er sich einfach nur entschuldigte, weil er sie erschreckt hatte.

Allerdings wirkte Alec seltsam bedrückt, als sei ihm unwohl an diesem Ort.

Neela erinnerte sich, dass er ihr erzählt hatte, dass er seine Mutter nie wirklich kennengelernt hatte und sein Vater nichts von ihm hatte wissen wollen.

Alec war in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen, bis er schließlich von ISASP rekrutiert worden war.

Neela wusste, dass Agenten mit einem Hintergrund wie Alec bei ISASP und auch beim ASS eher die Regel waren, als solche wie Josh, Mark und sie selbst.

Wobei es Mark zumindest die letzten vier Jahre erstaunlich gut gelungen zu sein schien, so zu arbeiten, als hätte auch er keine Familie mehr.

Wenigstens hatte Josh ihr das so erzählt und es war auch eine Erklärung, warum Neela ihm die letzten zwei Jahre kein einziges Mal begegnet war.

Schnell schüttelte sie den Gedanken an Mark ab. Es gab keine Chance für sie beide, solange Mark sich nicht endlich entschied, was er wollte: Anne und die Vergangenheit, oder Neela und die Zukunft.

„Ist es hier?"
Alecs Stimme schreckte Neela aus ihren - eindeutig zu weit abgedrifteten - Gedanken.

Ihr Blick flog über das kleine Regal, bis er an dem grauen Stoff hängenblieb, der aus dem untersten Fach lugte.

„Ja, hier. Halt mal." Neela drückte Alec ihre Taschenlampe in die Hand, hockte sich hin und zog das Diensthemd ihres Vaters unter dem Hut hervor, der darauf lag.

It All Comes Back Again Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt