7. Kapitel

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Wütend warf Neela den Schwamm zurück in den Eimer, in dem der dunkle Schaum sanft hin und her zu schwappen begann. Die Arme auf den Rand des Eimers gestützt, wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und zog schniefend die Nase hoch.

Sie kniete auf dem Boden der Scheune und versuchte seit geraumer Zeit, den dunklen Fleck vom Blut ihres Vaters weg zu schrubben.

Heute Morgen hatte sie ausreiten wollen, doch der Anblick des getrockneten Blutes hatte sie hier zusammenbrechen lassen. Schmerz, Unverständnis und Wut auf den Mörder hatten sie erfasst und ihr Herz erneut entzwei gerissen. Ob diese Wunde jemals heilen würde?

Erinnerungen prasselten auf Neela ein, als würden die dreiundzwanzig Jahre ihres Lebens erneut an ihr vorbeiziehen. Sie sah sich bei ihrer Einschulung, dem Familienbesuch im Disneyland, der Beerdigung ihrer Mutter und der Fahrradtour durch Texas.

Im Urlaub in Kanada hatten sie die Redewendung „Du Wal!" geprägt, die seitdem von Harvey, Dad und ihr in jeder nur möglichen Situation aufgegriffen worden war. Bei der Erinnerung daran musste Neela lachen, doch es mündete sofort wieder in Schluchzern und einer neuen Tränenflut.

Warum nur war das Leben so gemein und nahm ihr nach der Mutter und dem Bruder nun auch den Vater so früh? Harvey war der einzige, der ihr jetzt noch blieb. Er ging mit der Trauer ganz anders um als Neela.

Vor etwa zwei Stunden hatte er sie gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn er zu seiner Freundin, Charlotte McKinley, fahren würde. Er brauchte Nähe, Zuwendung, Gespräche, während Neela sich am liebsten alleine in ihren Erinnerungen vergrub und einen Haufen stiller Trauer über sich schaufelte.

Die meisten Menschen verstanden nicht, dass sie nicht reden, sondern einfach nur in den Arm genommen werden wollte, also wählte sie lieber den Gegensatz, das andere Extrem: das Schweigen.

Neela zuckte zusammen, als sie auf dem Boden noch einen trockenen Fleck entdeckte, auf dem sich einige Blutspritzer angesammelt hatten. Erneut begann sie zu weinen.

Sei stark!, zwang sie sich und biss sich auf die Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Sie schmeckte Blut.

Zitternd holte sie Luft und griff mit der rechten Hand, die in einem Gummihandschuh steckte, in das dreckige Wasser. Sie zog den Schwamm heraus, wrang ihn aus und begann den Boden erneut zu schrubben.

Sie hielt erst inne und blickte auf, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Es war Harvey.

„Neela, was machst du denn hier?", fragte er leise, nahm ihr den Schwamm aus den Händen und kniete sich neben sie auf den Boden.

„Ich mache sauber." Neela presste die Lippen zusammen.

„Ich habe dir doch gesagt, ich mache das."
Sie nickte. „Wie war es bei Charlotte?" Eine Antwort interessierte sie nicht wirklich, aber es war ein vergleichsweise unverfängliches Thema.

„Okay." Harvey legte einen Arm um sie, zog sie an sich und sie legte ihren Kopf an seine Schulter. So saßen sie schweigend da, bis Neela die Stille brach.

„Dads Briefe sind weg." Sie spürte, wie ihr bei diesen Worten die Tränen kamen.

Luka hatte den Geschwistern schon vor Jahren gezeigt, wo er die Abschiedsbriefe an seine Kinder versteckte, die er für den Fall eines plötzlichen Todes geschrieben hatte. Doch die Schublade seines Nachttischs war leer. Neela hatte bereits nachgeschaut.

Ob der Mörder sie an sich genommen hatte, weil Luka darin seinen Namen erwähnte? Aber woher sollte der von Lukas Briefen wissen?

„Ich weiß", sagte Harvey leise und legte den Arm um ihre Schultern.

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