Seufzend steckte Henry O'Ryan Josh Tuckers Krankenblatt wieder zurück in das Fach am Fußende des Krankenhausbettes.
Die Sauerstoffsättigung des jungen Mannes war noch immer nicht über 90% gestiegen - und das obwohl er mit reinem Sauerstoff beatmet wurde!
Die Chancen, dass Josh überleben würde, standen nicht gut, auch wenn er das seinem kleinen Bruder nicht so direkt hatte schreiben wollen.
Er wusste, dass Mark seine gesamte Konzentration brauchte, um Neela zu finden und ihn eine solche Nachricht ungemein ablenken würde.
Aber wenn Josh Tucker überleben sollte, bräuchte es ein Wunder.
Als die Tür zu Joshs Einzelzimmer auf der Intensivstation geöffnet wurde, drehte Henry sich überrascht um.
„Dürfen wir reinkommen?" Die zitternde Stimme gehörte Maya Tucker, Joshs Schwester.
Henry lächelte und winkte die junge Frau und ihren Bruder Ryan herein.
„Natürlich. Kommt her."
Maya ging sofort zu Josh, doch Ryan blieb in der Tür stehen, sichtlich unschlüssig.
„Komm doch her, Ryan. Ich bin mir sicher, Josh würde sich wünschen, dass du hier bist." Henry lächelte den jungen Mann an.
Ein Schatten legte sich über Ryans Gesicht. „Da wäre ich mir nicht so sicher...", murmelte er, trat allerdings trotzdem näher.
„Wie geht es ihm?" Maya griff nach Joshs Hand und blickte Henry fragend an.
Der junge Arzt seufzte, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich gegenüber von den Geschwistern auf die andere Seite von Joshs Bett.
„Nicht gut. Er hat eine schwere Rauchvergiftung, weil er den giftigen Gasen, die bei einem Gebäudebrand entstehen, zu lange ausgesetzt war. Eines davon ist Cyanid, also Blausäure und das ist ziemlich schädlich für den menschlichen Körper. Wir müssen ihn beatmen, aber seine Sauerstoffsättigung steigt immer noch nicht so weit an, dass er wieder aufwacht. Außerdem geben wir ihm Flüssigkeit, sowie ein Gegengift gegen Cyanid, das verhindert, dass er erstickt."
Maya begann zu weinen. Ryan nahm sie in den Arm und schien selbst mit den Tränen zu kämpfen. „Wird er... wird er wieder gesund?", fragte der junge Mann mit heiserer Stimme.
„Das wissen wir noch nicht", erwiderte Henry zögerlich.
Ryan starrte ihn perplex an.
„Wir müssen 24 Stunden abwarten, dann wissen wir mehr", sagte er leise.
Wie Ryan und Maya so dasaßen, erinnerten sie ihn an Landon und Kendra, zumal die Mädchen und die jungen Männer jeweils gleichalt waren.
Landon würde später vorbeischauen und nach Kendra und Josh sehen.
Kendra.
Henry stand auf. Er musste unbedingt noch einmal nach seiner Schwester sehen, die wegen ihrer Fußverletzung auf der Verbrennungsstation lag.
„Ihr könnt noch ein bisschen hier bleiben, ich sehe noch einmal nach Kendra", erklärte er Maya und Ryan. „Übrigens könnt ihr gerne mit ihm reden, es ist durchaus möglich, dass er euch hört."
„Warte." Maya wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich komme mit."
Henry nickte und verließ ihr voraus den Raum. Ryan blieb zurück, die Arme auf das Bett seines großen Bruders gestützt.
„Wie geht es Kendra?", fragte Maya, schon etwas gefasster.
Henry lächelte sie beruhigend an. „Sehr gut. Sie hat sich schon über das Krankenhausessen beklagt."
Tatsächlich gelang es ihm, Maya für einen kurzen Augenblick zum Lächeln zu bringen. Doch in diesem Moment kam ihm eine Krankenschwester entgegengerannt.
„Wir brauchen dich in der 4, Henry! Herzstillstand!", rief sie ihm zu.
Henry hatte keine Zeit, sich um Maya zu kümmern, sondern rannte der Schwester hinterher, zurück zu Joshs Zimmer.
Maya lief ihm hinterher, als sie erkannte, um welchen Patienten es ging.
„Henry?", rief sie ängstlich. Vor der Tür zu Joshs Zimmer blieb Henry stehen. Er berührte leicht Mayas Arm.
„Bitte warte hier."
Als Maya widerstrebend nickte, stieß Henry auch schon die Tür auf, während er sich die Handschuhe anzog, von denen er immer ein Ersatzpaar in seinem Kittel hatte.
Eine der beiden Schwestern, die bereits bei Josh waren, schloss Josh gerade vom Beatmungsgerät ab und begann, ihn mit dem Beatmungsbeutel zu beatmen, während die andere Schwester mit der Herzmassage begann.
„Ich übernehme!" Henry krempelte sich die Ärmel hoch und übernahm die Herzmassage. „Wurde Dr. Stanley angepiept?"
„Er kommt direkt aus dem OP hierher", antwortete eine der Schwestern.
Henry nickte. Er musste Josh zumindest so lange am Leben halten, bis sein Oberarzt und Ausbilder, Dr. Stanley, den Patienten übernehmen konnte. Henry selbst hatte kaum Erfahrung mit Cyanidvergiftungen.
„Reanimationswagen bereithalten!", forderte er. „Ryan, was ist passiert?", fragte er den jungen Mann, der verängstigt einige Meter von dem Bett entfernt stand.
„Ich weiß es nicht... Er hat plötzlich so komisch gezuckt und dann hat der Monitor angefangen zu piepsen... und dann lag er auf einmal ganz ruhig."
Henry schluckte. Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut.
„Dr. O'Ryan, was ist passiert?" Dr. Stanley stieß die Tür auf und kam auf ihn zu.
„Herzstillstand nach Krampfanfall, seit etwa zwei Minuten", erklärte Henry. „Es ist nicht deine Schuld, Ryan!", fügte er hinzu, als er Ryans Blick auffing.
Dr. Stanley blickte zu dem jungen Mann hinüber.
„Sie sind der Bruder?"
Ryan nickte.
„Warten Sie bitte draußen!"
Joshs Bruders gehorchte widerwillig, als eine der Schwestern ihn zur Tür bugsierte.
„Also." Dr. Stanley blickte ihn an, als hätten sie alle Zeit der Welt. „Wie gehen wir vor, Dr. O'Ryan?"
Henry keuchte vor Anstrengung, doch er ließ nicht zu, dass seine Arme verminderten Druck auf Joshs Brustkorb ausübten.
Dr. Stanley war sein Ausbilder gewesen, und wenn der Oberarzt eines hasste, dann war es, wenn die von ihm ausgebildeten Ärzte Schwäche zeigten. „Atropin."
Dr. Stanley nickte zufrieden und eine Schwester spritzte die Flüssigkeit in Joshs Venenkatheter.
Wenige Sekunden später begann der Monitor, an den Josh angeschlossen war, um seine Werte zu überwachen, zu piepsen.
„Kammertachykardie!", meldete eine Schwester.
„Defibrillator!", forderte Henry hektisch.
Die zweite Schwester schob ihm den Reanimationswagen zu und lud den Defibrillator.
Dr. Stanley übernahm an Henrys Stelle die Herzmassage.
„Und weg!" Alle traten einen Schritt zurück, als Henry Josh schockte. Ein Klacken verkündete das Entladen des Defibrillators.
„Sinusrhythmus."
Erleichtert atmete Henry auf, trat einen Schritt vom Bett zurück und schob den Reanimationswagen ein Stück zur Seite.
Eine der Schwestern schloss Josh wieder an das Beatmungsgerät an.
„Er bekommt Kochsalzlösung mit fünf Milligramm Hydroxocobalamin", wies Henry die zweite Schwester an, die sofort einen Tropf bereitmachte.
„Gut gemacht, Henry." Dr. Stanley lächelte nicht, aber ein Lob war für den wortkargen Mann sowieso selten. „Ich kann den Geschwistern Bescheid sagen, wenn Sie möchten."
„Danke", murmelte Henry und verließ den Raum durch eine Seitentür, um nicht sofort Ryans und Mayas Fragen ausgesetzt zu sein.
Diesmal hatten sie Josh Tucker zurückholen können. Aber ob das beim nächsten Mal noch funktionieren würde?
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It All Comes Back Again
Fiksi RemajaDie plötzliche Ermordung von Sheriff McLucas versetzt ganz Brendshire in Aufruhr. Um in seinem Todesfall zu ermitteln, werden drei Geheimagenten in das kleine, amerikanische Dorf geschickt. Einer von ihnen ist Mark O'Ryan, dessen Familie zu den best...
