37. Kapitel

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Einen Moment blieb Harper perplex vor der Tür stehen. Erstaunt starrte sie das Schloss an, hörte wie Mark abschloss und sich seine Schritte von der Tür entfernten. Hatte er sie gerade zum wiederholten Mal zurück gewiesen und ihr auch noch gedroht? Mark O'Ryan?

Sie schnaubte wütend, als sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machte. Jegliches schlechte Gewissen, weil sie Neela verraten und damit auch Mark geschadet hatte, verflüchtigte sich.

Sie lächelte selbstsicher in sich hinein. Am Ende würde er doch ihr gehören. Er würde ihr nachgeben, so wie sie ihr alle nachgegeben hatten.

Wenn Neela erst aus dem Weg geräumt war, war wieder genug Platz für sie. Er würde sie nicht noch einmal zurückweisen. Sie hatte gespürt, dass er nicht mehr so entschlossen gewesen war, wie noch an dem Abend der Verlobungsfeier, auch wenn er deutlich weniger zugelassen hatte.

Er war aufgewühlt gewesen, das hatte sie gespürt und das nächste Mal würde sie es auszunutzen wissen. Noch einmal würde er ihr nicht widerstehen, auch wenn er ihren Plänen schon deutlich hinterherhinkte.

Sie gratulierte sich innerlich, dass er ihre Lüge geschluckt hatte, als sie das Zimmer betrat, dass sie sich mit Neela teilte.

Natürlich hatte er ihr geglaubt, sie sei in die Scheune gekommen, weil sie ihn gehört hatte, und das sagte bereits einiges über das Bild aus, das er von ihr hatte. Nicht eine Sekunde hatte er an dem gezweifelt, was sie gesagt hatte. Dabei war sie erst in dem Moment angekommen, in dem Mark in die Scheune gegangen war. Brinkley hatte sie mit dem Auto etwa einen Kilometer entfernt abgesetzt und sie den Rest laufen lassen.
Aber es gab eben viel zu wenige Gentlemen auf dieser Welt und Ben gehörte eindeutig nicht zu ihnen.

Harpers Blick fiel auf Neela, die friedlich in ihrem Bett schlief und eine Welle des Hasses erfasste sie. Mit dem Finger fuhr sie an der Schneide des Messers entlang, das sie in ihrer Jackentasche versteckt hatte. Sie blickte auf den schmalen Schnitt, aus dem das Blut zu sickern begann und nahm den Finger in den Mund.

Dummerweise wäre es viel zu offensichtlich, Neela bereits jetzt zu töten, der Verdacht würde sofort auf sie fallen. Es ärgerte Harper, dass Brinkley nicht noch einen Versuch unternommen hatte, aber er hatte ihr gesagt, er werde sich darum kümmern.

Und sie hatte ihm gegeben, was er gewollt hatte. Harper griff sich ihr Nachthemd und verschwand im Bad. Während sie ausgiebig duschte, versuchte sie, Bens Berührungen von ihrem Körper abzuwaschen.

Einen Moment lang traten ihr Tränen in die Augen, doch sie blinzelte sie energisch weg. Wenn ihre Mutter gewusst hätte, was sie getan hatte... Sie hatte sich verschenkt, schon so oft, viel zu oft.

Und noch immer hatte sie ihr Ziel nicht erreicht. Es war ein harter, steiniger Weg und so lange Neela lebte, hatte Harper keine Möglichkeit, jemals mehr als nur eine lästige, unreine junge Frau in Marks Augen zu sein - nicht so wie Neela, dieses unschuldige, hübsche und vor allem unbenutzte Mädchen.

Oh, wie sehr Harper sie darum beneidete, auch wenn sie es nie vor jemandem zugegeben hätte. Sie beneidete Neela um ihre Beziehung zu Mark, aber vor allem darum, dass sie noch nie mit einem Jungen geschlafen hatte und es schaffte, an ihren Wertvorstellungen einer Ehe fest zu halten. An ihrer Reinheit.

Harper betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah das, was die anderen nicht sahen. Die Zerbrochenheit, die Verzweiflung und die Sehnsucht, dass jemand sie nicht nur wegen ihres Körpers liebte. Aber wo konnte sie so etwas finden?

Sie hatte Neelas leises Gebet vor einigen Tagen gehört. Aber Harper glaubte nicht an Gott. Hätte er sie nicht vor der Vergewaltigung durch ihren Vater beschützen können, die sie zu der gemacht hatte, die sie heute war?

Harper ärgerte sich, als sie sah, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen und ihr Make-up verwischten. Es waren echte Tränen.

Sie wusste nicht, wie lange das schon nicht mehr geschehen war. Wahrscheinlich hatte sie es sich nach dem ersten Mal abgewöhnt. Was brachte es schon, um etwas zu trauern, das sie sowieso nicht ändern konnte?

Sie wischte sich über die Wangen und zwang sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, auch wenn sie wusste, dass es niemand sehen würde. Alle, die sie interessierten, schliefen. Und beide schienen sie voller Frieden zu sein. Besonders Neela. War Harper die einzige, die auf der Suche war, nach etwas, das sie nie bekommen würde? Nach der wahren Liebe.

Dummkopf!, schalt sie sich. Was verlor sie sich auch in ihren Träumen? Es brachte nichts, das wusste sie aus eigener, schmerzlicher Erfahrung. Es hatte noch nie etwas gebracht. Nicht das Weinen und auch nicht das Hoffen.

Denn ihre Hoffnung war schon lange gestorben.

It All Comes Back Again Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt