Nachdem sie aufgelegt hatten, blieb Neela noch über zwei Stunden in Marks Zimmer. Sie lachten über gemeinsame und auch eigene Erinnerungen und erzählten viel.
Als Mark schließlich einen Blick auf seine Uhr warf, stellte er fest, dass es bereits nach zwei Uhr nachts war. Überrascht davon blickte ihn Neela an, als sie aufstand, um in ihr Zimmer zu gehen, dass sich am anderen Ende des Flurs befand. Mark begleitete sie bis zur Tür. Im Flur brannte noch schwaches Licht.
„Na, dann gute Nacht." Neela lächelte.
Er liebte ihr Lächeln.
„Alles okay, Mark?" Hatte er sie etwa angestarrt? Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er lehnte sich lässig an den Türrahmen und betrachtete sie ungeniert.
„Ja. Weißt du eigentlich, wie hübsch du bist, Neela?" Was tust du da?!
Neelas Wangen röteten sich. Sie strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr zurück. „Danke", sagte sie leise, schien dann jedoch anzunehmen, dass er sie nur hatte necken wollen, denn sie antwortete: „Du bist auch ganz okay."
Mark konnte den Blick nicht von ihren faszinierenden grünen Augen nehmen, in denen bei jedem Lächeln kleine Funken tanzten. In seinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken.
Dreh dich um und geh sofort zurück in dein Zimmer!
Du bist verheiratet! Was würde Anne dazu sagen?
Tu. Es. Nicht.
Trotz aller Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, beugte Mark sich vor und legte seine Lippen sanft auf ihre. Sofort verschwamm alles um ihn herum. Er spürte, wie sie ihm leicht entgegenkam und ihre Hände um seinen Hals legte. Das einzige, was er wahrnahm, war das Gefühl ihrer weichen Lippen auf seinen.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte Annes Bild vor seinen Augen auf.
Mit weit ausgestreckten Armen lag sie auf dem Boden des Schlafzimmers, ihre leeren Augen blickten ihn vorwurfsvoll an.
Und auf einmal waren Neelas Lippen nicht mehr weich und warm, sondern kalt wie die von Anne, als er sie das letzte Mal geküsst hatte. Mark versuchte, die Erinnerung abzuschütteln.
Neela bemerkte sein Zögern und löste sich von ihm. Er brauchte einige Sekunden, um das zu realisieren, da er sich zunächst darauf konzentrieren musste, wieder ruhig zu atmen. Der Gedanke an Annes Leiche hatte ihm den Brustkorb zusammengeschnürt.
„Es tut mir leid", flüsterte Mark schließlich.
Neela wirkte kein bisschen überrascht. „Hab ich mir schon gedacht." Ihr sarkastischer Tonfall konnte ihre Verletztheit und Enttäuschung nicht vor Mark verbergen. Ihr Gesichtsausdruck wurde immer distanzierter, als würde ihr das alles nichts ausmachen, doch er kannte sie besser.
„Neela, wirklich... Ich würde es dir so gerne erklären, aber..."
„Warum tust du mir das an?" Und da war sie wieder, die Wut auf ihn - die er ohne Zweifel verdient hatte. Und der Schmerz. „Ich hatte mich gerade an den Gedanken gewöhnt, dass du mich nicht liebst, mir klar gemacht, dass ich nicht von deinen Launen abhängig bin - oder was auch immer das ist." Sie zeigte zwischen ihnen beiden hin und her. In ihrem Blick lag eine tiefe, scheinbar unendliche Enttäuschung.
Mark blickte sie schweigend an. Was sollte er schon sagen? Er konnte sich nicht rechtfertigen. Er wusste, dass sie recht hatte und trotzdem taten ihre Worte weh.
„Weißt du eigentlich, was du gerade getan hast? Es ist, als hättest du mich hochgehoben, nur um mich aus noch größerer Höhe wieder fallen zu lassen." Neela blinzelte gegen die Tränen an.
„Neela-..."
Die Tür des Nachbarzimmers öffnete sich und ein älterer Mann mit verstrubbelten grauen Haaren streckte verschlafen den Kopf heraus.
„Entschuldigung, aber könnten Sie bitte etwas leiser streiten? Meine Frau kann nicht schlafen", fragte er auf Deutsch.
„Kein Problem." Mark lächelte den Mann an. Deutsch war für ihn eindeutig einfacher als Italienisch. Hauptsache der Mann ging wieder in sein Zimmer zurück, dann könnte er Neela vielleicht zu einem Spaziergang oder etwas in der Art überreden.
Es war Zeit, dass er ihr von Anne erzählte. Er fing Neelas verletzten Blick ein. Sie musste wissen, dass er sie nicht um ihretwegen zurückwies.
„Wir waren sowieso gerade fertig." Neela lächelte den Hotelgast an, doch ihre Stimme war ungewohnt kalt. Es war natürlich an ihn gerichtet.
Sie würdigte ihn keines Blickes, als sie in Richtung ihres Zimmers verschwand. Mark zuckte unwillkürlich zusammen, als die Tür ihres Zimmers laut ins Schloss fiel. Sein Blick hing an ihrer geschlossenen Tür fest.
In diesem Moment hätte er alles getan, um sie zurückzuholen. Aber er blieb, wo er war. Wie immer.
„Jaja, die junge Liebe. Meine Frau und ich waren früher auch so." Der ältere Mann zeigte in Richtung seines eigenen Zimmers und lächelte wissend.
Mark hob abwehrend die Hände. „Oh, nein. Nein. Sie haben das falsch verstanden. Neela und ich sind nicht..."
„Nicht?"
„Zusammen."
Der Mann zuckte nur die Achseln. „Das waren mein Mariechen und ich auch lange nicht. Leider musste erst meine Schwester sterben, damit wir uns gegenseitig unsere Gefühle gestehen konnten. Damals waren wir beide schon über dreißig."
Mark schnitt eine Grimasse.
„Wissen Sie, mein Mariechen und ich waren früher genauso wie Sie beide. Sie war immer so unglaublich impulsiv und temperamentvoll. Ich habe immer gedacht, sie wäre die letzte, mit der ich je zusammen sein würde wollen. Lange waren wir nur gute Freunde, ohne unsere Gefühle für einander ernst zu nehmen. Jetzt könnte ich mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen."
Man gewöhnt sich eben an alles, dachte Mark bitter. Ihn würde niemand mehr dazu bringen, noch einmal zu heiraten. Er wusste es besser. Würde er noch einmal seine Frau verlieren, würde es noch schlimmer als das erste Mal sein. Er zwang sich zu einem Lächeln. „Schön für Sie. Aber Neela und ich sind nicht verliebt."
Der Mann lächelte nur wissend. „Das hat sich aber ganz anders angehört. Machen Sie nicht den gleichen Fehler wie ich. Lassen Sie sie nicht gehen, denn Ihre Freundin ist wie mein Mariechen. Sie würde nicht zurückkommen, wenn Sie sie verscheuchen."
Mark runzelte die Stirn. Er war sich nicht sicher, ob er alles verstanden hatte, was der Mann gesagt hatte. Er musste sich unbedingt mal wieder bei dem zusätzlichen Sprachtraining von ISASP anmelden. Er konnte sich nicht immer nur auf seine Partner verlassen. Am Ende stand er ja doch alleine da.
„Danke für den Tipp, aber ich habe nicht vor, jemals wieder eine Beziehung einzugehen, schon gar nicht mit Neela." Er wollte sie vor sich schützen. Denn er würde sie nie so lieben können, wie sie es verdiente. Doch warum erzählte er dem fremden Mann das überhaupt? Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Deutschen aus.
„Wie Sie meinen. Gute Nacht."
„Gute Nacht", murmelte Mark abwesend. Er zuckte zusammen, als sein Zimmernachbar die Tür schloss. Er blieb völlig alleine auf dem Flur zurück und lehnte sich müde an seine geschlossene Tür.
Der fremde Mann hatte ihm augenscheinlich nicht geglaubt. Aber wieso? Liebte er Neela wirklich? Und wenn ja, war es denn so offensichtlich? Und glaubten eigentlich alle, sie verkuppeln zu müssen?
Nein, er würde nie mit ihr zusammen kommen dürfen. Mark konnte sich nicht eine zweite Beziehung leisten, denn sonst würde ihn ISASP endgültig aus dem Team schmeißen.
Normalerweise galt es, so wenig Familienangehörige wie möglich zu haben. One-Night-Stands waren für die Agency okay, aber keine Beziehung.
Aber Mark war noch nie der Typ gewesen, der wie Alec in jeder Stadt eine neue „Freundin" fand. Bis jetzt war er nur mit Anne zusammen gewesen und er würde auch in Neela nie mehr als eine gute Freundin sehen.
Trotz seiner Vorsätze war Mark sehr wohl bewusst, dass er seine gute Freundin gerade das zweite Mal geküsst hatte.
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It All Comes Back Again
Fiksyen RemajaDie plötzliche Ermordung von Sheriff McLucas versetzt ganz Brendshire in Aufruhr. Um in seinem Todesfall zu ermitteln, werden drei Geheimagenten in das kleine, amerikanische Dorf geschickt. Einer von ihnen ist Mark O'Ryan, dessen Familie zu den best...
