23. Kapitel

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„Ist doch eh alles kaputt hier!"

Wütend schmiss Harvey das stark beschädigte Zaumzeug seines Pferdes in die Asche des Stalls, der nur noch zur Hälfte stand.

Mark seufzte und warf einen weiteren Holzbalken auf den Berg der Sachen, die nicht mehr zu retten waren.

Schon seit zwei Stunden waren Harvey, dessen Verlobte Charlotte und er dabei, die Überreste der beiden Gebäude auf dem McLucas-Grundstück zu sortieren. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd.

Beinahe alle Gegenstände waren vom Feuer zerstört oder zumindest schwer beschädigt worden. Mark beobachtete Harvey nachdenklich. Seit dem Tod seines Vaters hatte Harvey sich verändert.

Kaum einen Moment ließ er seine Schwester aus den Augen und wenn Charlotte bei ihm war, machte er ihr Vorwürfe, dass sie alleine gekommen war.

Er hatte Angst um die beiden jungen Frauen, das war deutlich zu sehen. Andererseits war es auch seine Idee gewesen, zu testen, ob der Mörder auch ihn als Ziel anvisierte und sich nicht tot zu stellen, wie Josh und Mark es für Neela bestimmt hatten.

Mark selbst bezweifelte, dass die Anschläge auch Harvey gegolten hatten. Immerhin hatte der Brite etwas von Neelas Aussehen erwähnt - und ihr und Harvey sah man erst auf den zweiten Blick an, dass sie Geschwister waren.

Schon vor Jahren war Mark der starke Kontrast zwischen Neelas dunklem und Harveys strohblondem Haar aufgefallen.

Harvey kam sowieso eher nach seinem Vater, während Neela ihre Erbanlagen wohl von ihren Großeltern gehabt haben musste, da auch Sophie keine dunklen Haare gehabt hatte.

„Mark!" Harveys Ruf schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf.

Harvey und Charlotte betrachteten einen erstaunlich gut erhaltenen Sattel - es war Lukas. Das Pferd des Sheriffs war nach dem Tod seines Besitzers wieder in seinen Stall zurückgekehrt, ebenso wie die anderen Tiere, die Josh gestern freigelassen hatte und die derzeit bei Nachbarn der McLucas' untergebracht waren.

Vorsichtig, um auf keinen der teils spitzen, teils zerbrechlichen Gegenstände auf dem Boden zu treten, ging Mark zu den Verlobten hinüber.

Harvey hielt ihm aufgeregt einen aufgefalteten Zettel entgegen. Mark nahm ihn stirnrunzelnd.
„Was ist das?", fragte er, bevor er einen Blick darauf warf.

„Eine Karte von der Umgebung", erklärte Harvey. „Ich habe Dads Sattel hochgehoben, und dabei muss sie irgendwie herausgefallen sein."

„Ist es wichtig?", fragte Charlotte eifrig.

Mark blickte kurz auf. Mit ihren vor Aufregung geröteten Wangen und den neugierigen Augen erinnerte sie ihn an Neela. Er hob die Augenbrauen. „Vielleicht."

Wieder warf er einen Blick auf die maßstabsgetreue Bleistiftzeichnung.

Anscheinend hatte sich der Zeichner viel Mühe gegeben, die Karte für andere leserlich zu machen. In der unteren Ecke erkannte er zwei Grundstücke. Das eine gehörte seiner Familie und war mit O. gekennzeichnet.

Das andere war das der Tuckers, allerdings noch mit den Initialen der Familie versehen, die vorher dort gewohnt hatte.

Weiter nördlich davon befand sich in einem Wäldchen ein kleines Haus, auf dem Grundstück der Hartleys, einer Familie, die vor einem Jahr umgezogen war. Von dem Haus führte ein schmaler Weg ein gutes Stück weiter, wo sich zwischen einigen weiteren Büschen und Bäumen ein rotes Kreuz befand.

Die Karte war bereits zerknittert und an einigen Stellen eingerissen, wie als sei sie häufig benutzt worden.

Allerdings war die Schrift der Initialen und die des kleinen Kompass' am Rand noch zu gut lesbar und nicht verblichen, als dass der Zettel vor mehr als zwei Monaten gezeichnet worden sein könnte.

War Luka am Tag seines Mordes zu dem roten Kreuz geritten? Wenn ja, könnte dies vielleicht die Stelle sein, an der er ermordet worden war?

Denn dass es auf seinem Grundstück geschehen war, hatten Josh und er bereits ausgeschlossen. Den Blick fest auf die Karte geheftet, ging Mark zwei Schritte rückwärts.

„Harvey, kommt ihr hier ohne mich aus? Ich schicke euch Kendra und Landon, wenn ihr Hilfe braucht."

Harvey nickte. „Okay. Sag ihnen, sie sollen Handschuhe anziehen - das hier ist zum Teil echt eklig."

Mark nickte nur, drehte sich um und ging zu seinem Pferd hinüber, das in einiger Entfernung graste.

Während er nach Hause ritt, schickte er Josh eine Nachricht, dass er bereits jetzt mit einigen Neuigkeiten zurückkehren würde.

An der Haustür begrüßte ihn seine Mutter mit rotgeweinten Augen. Sie war schon immer nah am Wasser gebaut gewesen und Mark konnte nur vermuten, dass es um Neelas angeblichen Tod ging.

Sie umarmte ihn, während weitere Tränen über ihr Gesicht liefen.

„Es tut mir so leid, Mark", schluchzte Lucy. „Wie geht es dir?"

„Es geht", wich er aus und löste sich aus ihrer verzweifelten Umarmung. Er wusste nicht, ob er ihren Plan durchziehen könnte, so zu tun, als sei Neela tot, wenn seine Mutter ihn so anschaute.

„Hat Alec überlebt?"

Mark musste sich beherrschen, nicht zusammen zu zucken. Darüber hatten sie noch nicht nachgedacht. Er presste die Lippen zusammen und schüttelte knapp den Kopf.

Am schwierigsten bei diesem Fall fand er die Tatsache, dass er seine Eltern anlügen musste. Das war er nicht gewöhnt, waren sie doch immer diejenigen gewesen, die alles über ihn gewusst und ihn unterstützt hatten.

„Tut mir leid, Mom, aber ich habe keine Zeit, ich muss gleich weiter. Kannst du bitte Kendra und Landon Bescheid sagen, dass sie Harvey und Charlotte beim Aufräumen unterstützen sollen?"

Als er den irritierten Blick seiner Mutter sah, fragte er sich, ob sie wohl wusste, dass er log.

Aber sie bemerkte seine Lügen normalerweise nicht so schnell wie Samuel oder Henry. Andere Menschen hatte er nie nah genug an sich heran gelassen, als dass sie diese Seite von ihm so gut hätten kennenlernen können, wie sein Vater und sein Bruder.

„Okay", murmelte Lucy. Sie schaute ihn betrübt an. „Wann ist die Beerdigung?"

Mark, der sich bereits wieder zum Gehen gewandt hatte, hielt inne. Wieder etwas, woran er noch nicht gedacht hatte. Sie würden dem ganzen Dorf etwas vorspielen müssen.

„Es gibt doch eine?", hakte seine Mutter nach. „Josh meinte..."

„Du hast mit Josh gesprochen?" Warum hatte sein Kollege mit seiner Mutter geredet? Hätte er nicht warten können, bis Mark das tat?

„Ja, er rief vorhin an. Er wollte sich bedanken, dass Ryan und Maya bei uns übernachten können, damit Harvey vorerst bei ihm wohnen kann. Den armen Jungen hat es schlimm getroffen. In drei Jahren die ganze Familie zu verlieren, muss wirklich furchtbar sein."

Mark spielte abwesend mit dem Pager an seinem Gürtel. Er nickte knapp. „Ich werde es noch einmal mit ihm besprechen, aber vermutlich wird die Beerdigung der beiden morgen nach dem Gottesdienst sein."

Lucy schlug entsetzt die Hand vor den Mund und trat einen Schritt auf ihn zu. „Oh Mark. Aber morgen ist doch..."

„Ich weiß", unterbrach Mark sie. Diesmal war der Schmerz in seinen Augen echt. „Denk dran, Kenny und Landon Bescheid zu sagen, okay?"

„Okay", schluchzte seine Mutter. „Pass auf dich auf, Mark."

It All Comes Back Again Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt