„Was?", meine Stimme klang kühler, als beabsichtigt.
„Du verstehst das nicht.", er stellte sich vor mich und blickte verzweifelt.
„Was verstehe ich nicht? Dass ich von Anfang an wusste, wie du tickst? Dass du einfach auf wehrlose Menschen einschlägst?"
Er war mir viel zu nahe gekommen. Ich stieß ihn weg.
„Du bist ein Feigling, Damon Mitchell! Und ich bin froh, dass ich dich nicht kenne!"
„Du sagst, dass er wehrlos war? Meine Freunde und ich haben gesehen, wie er ein Mädchen begrabscht hat! Wir mussten ihm eine Lektion erteilen!"
„Oh natürlich. Diese Lüge passt dir schön in den Kram, nicht wahr? Der unantastbare Held und seine vier Gefährten."
„Ach hör doch auf, Aria. Ich weiß, was du und deine Freundin von mir halten! Das passt alles schön zusammen. Der dumme Footballspieler, der nichts anderes kann, als Mädchen aufzureißen und unschuldige Leute zu verprügeln. Du hast mir von Anfang an keine Chance gegeben, mich dir vorzustellen.", seine Stimme wurde laut und er deutete mit seinem Zeigefinger anklagend auf mich, „du bist so geblendet von deinen Vorurteilen, dass du nichts mehr wahrnimmst, sondern komplett dicht machst."
Sein Blick war voller Vorwürfe.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so wärst."
Dann drehte er mir den Rücken zu und lief weg. Das hatte er jedenfalls vor.
„Du kennst mich doch gar nicht!", schrie ich seinen Hinterkopf an.
„Nein. Aber ich hatte gehofft, dass du so wärst, wie mir berichtet wurde."
Er drehte sich wieder zu mir.
„Wer hat dir von mir erzählt?"
„Das ist egal. Sie haben sich eh geirrt."
Aus irgendeinem Grund traf mich der Satz stärker als erwartet. Das hatte zur Folge, dass ich wieder wütender wurde.
„Jetzt tu nicht so, als wärst du ein Engel und ich wäre die blöde Kuh, die nur Vorurteile besitzt! Das stimmt nicht!
Was willst du eigentlich von mir? Du hast doch genug Plastikpuppen mit denen du spielen kannst!"
Ich war sehr stolz auf meine Metapher.
Damon näherte sich mir mit großen Schritten.
„Tja. Vielleicht bin ich ja gegen Plastik allergisch."
Das ließ mich verstummen. Verdammt, er hatte gewonnen. Doch so leicht wollte ich nicht aufgeben.
„Und warum steckst du dir es dann in den Hals?"
„Du hast ein völlig falsches Bild von mir.", er schüttelte den Kopf. Irgendwie erinnerte er mich an einen kleinen Jungen, der nicht wusste, wie er sich ausdrücken sollte. Also versuchte er es mit Blicken. Doch wir beide kannten uns zu schlecht, als dass ich ihn ohne Worte verstehen könnte. Ehrlich gesagt, gab ich mir auch keine Mühe, ihn zu verstehen.
„Das kann passieren.", erwiderte ich trocken.
„Gut. Daran ist wohl nichts zu ändern. Tut mir leid, dass ich dich nicht überzeugen konnte. Ich hatte es mir schön vorgestellt, dich kennenzulernen.", damit verabschiedete er sich nun endgültig von mir und entfernte sich.
„Damon!", rief ich ihm hinterher. Er konnte mich doch nicht einfach so stehen lassen. Mein Stolz war ihm aber egal und so ignorierte er mich vollkommen. Ich war fassungslos. Wie konnte dieser Junge sich nur so unsterblich fühlen? Sein Ego war vergleichbar groß mit dem Eifelturm. Er behauptete, dass er besser sei, als das, was ich von ihm hielt. Meinetwegen, dann sollte er es aber auch beweisen!
Ich war vollkommen aufgebracht, als ich nach der Schule den Weg nach Hause antrat. Irgendwann gestand ich mir selber ein, dass es mir leid tat, wie unsere Diskussion geendet hatte. Ich hatte ihn aufsuchen wollen, um meinen Ruf zu verbessern und herausgekommen war, dass ich es mit Damon total verhauen hatte.
Immer wieder dachte ich an die Vorwürfe, die er mir an den Kopf geworfen hatte. Hatte ich wirklich zu viele Vorurteile? War ich einer der Menschen, die über andere Menschen urteilten, obwohl sie sie gar nicht kannten? Ich wollte aber nicht so sein!
„Aria, wo bist du mit deinen Gedanken?", inzwischen war es Abend und ich saß mit meinen Eltern am Esstisch. Meine Mutter sah mich mit gerunzelter Stirn an, während mein Vater genüsslich in sein Käsebrot biss.
„Nirgendwo.", murmelte ich gedankenverloren. Dachte Damon wirklich so schlecht von mir?
„Derek, unser Kind träumt schon wieder in der Gegend herum."
Warum hatte er gesagt, dass er gehofft hatte, es wäre schön mich kennenzulernen?
„Lass sie. Wahrscheinlich lebt sie gerade in ihrer eigenen Welt und erlebt Abenteuer."
„Bitte was?", ich schaute perplex zu meinem Vater.
„Hat dich dein Märchenprinz wachgeküsst, Schätzchen?", scherzte er.
Meine Mutter antwortete für mich.
„Ich hoffe doch sehr der geheimnisvolle, schöne Märchenprinz heißt Realität."
„Warum bist du so eine Spaßbremse?", fragte mein Vater sie vorwurfsvoll.
„Ich bin keine Spaßbremse. Ich bin bloß realistisch. Irgendeiner von uns beiden muss das ja sein.", sie seufzte, „ich bin es leid immer die Böse sein zu müssen."
Mein Vater legte sein Brot auf den Teller und griff nach der Hand meiner Mutter.
„Du bist nicht die Böse. Du bist nur eine fürsorgliche Mutter, Liebling."
Ich starte die beiden angeekelt an. Ich fand es ja schön, dass sie sich liebten, aber das war mir dann doch zu viel Kitsch.
„Alles klar, ich geh dann mal.", sagte ich und verließ schnell den Tisch, ehe meine Mutter etwas dagegen erwidern konnte.
Diesmal hatte ich es geschafft!
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Gaps in my Head
Teen FictionInhaltsangabe: Wie wäre es, jeden Abend mit der Angst einzuschlafen, am nächsten Tag aufzuwachen und sich nicht mehr an den Vortag erinnern zu können? Wie wäre es, das Gefühl zu haben, man hätte Lücken in seinem Kopf? Das ist der Alltag von Aria...
