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„Wie haben Sie reagiert, als Sie von Ihrer Erkrankung gehört haben?", diese Frage stand ganz oben auf meiner Liste und hatte alleroberste Priorität.

Annika Wilson, meine Mutter, Damon und ich hatten es sich in einem Café gemütlich gemacht. Wir hatten uns für diese Location entschieden, da sie am unverfänglichsten war. Es war ein hübsches Café, in welchem ich noch nie  gewesen war. Rote und goldene Teppiche bedeckten die Wände und sahen unglaublich teuer aus. Auf dem ersten Blick war mir klar gewesen, dass die Preise hier kostspielig sein müssten und ich hatten recht behalten. Interessiert schlürfte ich an meinem sündhaft teurem aber verdammt leckeren Café und konnte es gar nicht abwarten, dass Annika mir ihre Geheimnisse kundgab.

Sie war eine Frau mitte vierzig und hatte lange braune Haare, die sie zu einem Dutt verknotet hatte. Ihre grau-blauen Augen sahen mich liebevoll an und gaben mir augenblicklich ein Gefühl der Geborgenheit. Gleich nach unserer Begrüßung hatte sie mir das „Du" angeboten. Tief im Inneren wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, als ich dem Treffen zustimmte.

„Ich bin durchgedreht.", antwortete sie, fing an zu Lachen und warf dabei ihren Kopf in den Nacken, als hätte sie den Witz des Jahres erzählt, „entschuldige die Reaktion, aber ich konnte es nicht fassen, als mir mein Arzt weißmachen wollte, dass ich ab und zu Dinge vergaß. Ich war so furchtbar uneinsichtig. Und als meine Mutter meinte, der Arzt habe wohlmöglich Recht, ist schon die ein oder andere Vase durch unser Haus geflogen."

Ich schmunzelte und als hätte Damon meine Gedanken gelesen, lehnte er sich etwas zu mir und flüsterte: „Bei uns war es zum Glück nur ein Kissen."
Wir tauschten wissende Blicke und widmeten uns dann wieder Annikas Schilderungen.

„Lange Zeit konnte ich mich nicht mit dieser neuen Situation anfreunden. Ich durchlief mehrere Krisen, in welchen ich eine Menge enge Freunde verlor. Auch meine Noten ließen damals zu Wünschen übrig. Ich hatte Schwierigkeiten die Oberstufe überhaupt zu bestehen.", sie runzelte verlegen ihre Stirn.

„Ach du meine Güte. Das klingt nicht besonders aufheiternd. Wie ging es weiter?", fragte meine Mutter mit verängstigtem Blick. Wahrscheinlich durchlief sie gerade ein ähnliches Szenario mit mir, bei dem ich am Ende in einem modrigen Pappkarton in einer feuchten Hintergasse lebte.

„Einer meiner Freunde blieb bei mir. Er stand diese Zeit mit mir durch und ließ sich von meinen Wutanfällen nicht einschüchtern.", sie strahlte auf einmal eine Energie aus, die mich sofort erfasste und mich ergriffen aufrichten ließ.

„Er war immer für mich da und es dauerte gar nicht lange und wir waren keine Freunde mehr, wir waren ein Paar."

„Machte ihm deine Krankheit denn gar nichts aus?", ich zitterte vor Aufregung, als ich diese Frage stellte. Diese Frau konnte der Beweis dafür sein, dass es auch für mich ein Happy-End gab. Die Chance, dass das mit Damon und mir eine Zukunft hätte. Ihm schwirrte wohl ähnliches durch den Kopf, denn ich spürte, wie er unter dem Tisch, seine Hand in meine nahm. Diesmal war er derjenige, der mir beruhigend über die Hand fuhr. Es war, als würde er mir mit dieser Gestik zu verstehen geben wollen, dass die Antwort Annikas' keine Rolle spielte, dass er doch schon längst seine Entscheidung getroffen habe. Beinahe hätte ich wieder angefangen zu weinen.

„Nie. Nie bereitete ihm meine Krankheit Kummer. Es gibt nicht häufig solche verständnisvollen und gutherzigen Menschen wie Derek. Ich habe ein solches Glück ihn zu haben.", oh, das hatte ich auch! Verdammt, und wie! Hier, in diesem Moment mit Damon am Tisch zu sitzen und zu sehen, dass ihm meine Krankheit nicht zurückschrecken würde, machte mich unfassbar glücklich.

Mir wurde klar, dass er bei mir bleiben würde. Es gab keine Geheimnisse mehr, die uns im Weg standen. Es gab niemanden, der sich zwischen uns stellte, als wieso sollten wir beide es nicht versuchen? Musste unsere Beziehung denn unbedingt so laufen wie in diesen typischen Romanen? Die, in denen das Paar sich die gesamte Zeit selber im Weg stand? In welchen Lara und ich jedes Mal genervt die Augen verdrehten, wenn die Protagonisten sich genau für den falschen Weg entschieden? Damon und ich waren nicht so! Ich wollte endlich einmal etwas richtig machen. Ich wollte nicht das Mädchen sein, welches vollkommen blödsinnig Entscheidungen traf, die das Buch zwar interessant machten, aber auf Dauer nicht gesund sein konnten.

„Hast du noch eine Frage?", Annika lächelte freundlich und brachte mich für eine Sekunde aus dem Konzept.
„Ja, ich würde gerne wissen, ob du einen Trick gegen das ständige Vergessen hast."

„Ganz einfach: jeden Abend schreibe ich Tagebuch. Ich notiere haargenau, was ich zu welcher Uhrzeit getan habe. Es ist vielleicht ein wenig umständlich, aber so verhindere ich, dass die Episoden aus meinem Leben komplett verschwinden. Sie sind zwar kurze Zeit aus meinem Gehirn und doch befinden sie sich noch in diesem kleinen Büchlein. Sie gehen also nie verloren."

Mir gefiel dieser Gedanke und ich nahm ihren Tipp gerne an. Ich nahm mir vor gleich heute mit dem Tagebuchschreiben anzufangen. Ich hatte eine Menge zu erzählen und als meine Mutter auf der Rückfahrt Damon anbot, doch bis zum Abendessen bei uns zu bleiben, ahnte ich, dass noch Einiges mehr dazu kommen würde.

Gaps in my HeadWo Geschichten leben. Entdecke jetzt