Chapter 35

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P.o.V. Grell

Herr Revens kam etwas zu spät, 15 Minuten, zumindest bisher.
Herr Rica hatte wieder Dienst, was mich ein wenig freute.
Während ich auf Revens wartete dass ich auf dem Sofa im Flur, ein rotes sehr bequemes.
Füllte halbanwesend Kreuzworträtsel aus und wippte mit den Beinen.
„Ich wollte mich noch entschuldigen wegen heute."
Hm?
Ich hob meinen Kopf und sah Pierre.
„Ach so, ja alles gut."
Wand mich wieder zu der Zeitung.
Er setzte sich neben noch und ich musste schlucken.
Wir hatten noch einen guten Platz zwischen uns, das war also kein Problem.
„Worauf wartest du?"
Fragte er dann und lehnte sich zurück.
„Einzel mit Herrn Revens."
„Der kommt immer bisschen spät."
Merke ich.
Pierre redete wie ein.. ein Nichtsnutz.
Wenn der bei uns in der Abteilung arbeiten würde.. William würde ihm den Kopf abhacken.
„Hmhmm."
Machte ich nur und füllte eine weitere Spalte des Rätsels aus.
Jemand betrat die Station, wir sahen hoch.
„Ich bin sofort da, ich muss nur noch schnell ins Dienstzimmer."
Strahlte mein Therapeut mit einem leichten Entschuldigungstonfall.
Ich nickte nur.
Er ging zu den roten Akten und schaute wohl nach meiner, tauschte dann noch ein paar Sätze mit Herrn Rica aus.
„Du bist die Einzige, die Herrn Revens hat."
Sagte Pierre.
„Warum hat ihn denn kein anderer?"
Er verschränkte die Arme und fiel weiter in die Lehne.
„Keine Ahnung."
Ich seufzte innerlich.
Irgendwie fühlte ich mich aber dadurch.. besonders..?
„Wen hast du denn."
Es war nicht wirklich als Frage gestellt, eher als eine höfliche Geste um die Unterhaltung fortzuführen.
„Frau Jaden."
„Und wie ist sie so?"
„Gut."
Ich stieß etwas Luft aus.
Auch längere Antworten?
„Würdest du denn sagen, dass du hier schon Einiges für dich erreicht hast?"
Er machte ein Hmm-Laut.
„Ja kann sein, denke schon."
Ich zog die Augenbrauen hoch.
„So, da bin ich..!"
Endlich erlöst.
Ich stand auf und lief mit Herrn Revens zu seinem Zimmer.
„Entschuldige nochmals für die Verspätung, ich habe leider viel zu tun. Aber jetzt habe ich mir extra Zeit für dich geschaffen, also keine Sorge."
Schmunzelte er.
Ich summte nur.
Er öffnete mir die Tür und zog seine Augenbrauen hoch.
„Noch so ein großer Bogen."
Sagte er gespielt, so als wenn er zu sich selbst reden würde und grinste dabei; setzte sich dann auch.
„Aber naja, ich bin ja quasi noch ein Fremder für dich."
Mehr oder weniger.. wenn auch ein sympathischer Fremder.
„Oder etwa nicht?"
„..Weiß nicht."
Er lächelte.
„Gut, nun denn - wie geht es dir?"
„Unverändert denke ich mal."
Er machte einen langen ‚Hmm'-Laut.
„Auch nach der Situation mit Klara und Pierre?"
Ich verzog meine Lippen und drehte meinen Kopf leicht zur Seite.
Hatte er das mit Herrn Rica besprochen ?
„Es war nichts Großartiges."
„Was war es dann?"
Ich stieß etwas Luft aus.
„Nur eine.. Diskussion. Für mich ist alles geklärt."
„Weih' mich ein, worum ging die Diskussion?"
Ich seufzte.
Er wird wohl nicht nachlassen.
„Pierre hat nur ein paar.. unreife Dinge gesagt, in Bezug auf mein Aussehen und der Krankheit."
Er lehnte sich seufzend zurück.
„Und?"
„Naja.. es war nicht allzu schön das zu hören, auch wenn mich das normalerweise nicht trifft. Aber.. es tat dieses Mal ein wenig weh."
„Was doch auch total nachvollziehbar ist, gerade mir der frischen Aufnahme und der Frage, ob du überhaupt hier sein willst."
Ich zuckte mit den Schultern.
„Kann schon sein.."
„Was meinte er denn genau?"
Ich verzog meine Lippen.
„Das mag ich nicht so gern sagen.."
„Weil?"
Er zog das ‚e' ziemlich lang und lächelte leicht, ich seufzte.
„Dann fühle ich mich irgendwie schlecht gegenüber Pierre.. er ist hier auch Patient, und Sie Therapeut.. das ist doch komisch dann über ihn zu reden."
„Aber das ist doch in keinem Fall komisch. Du sprichst hier all das an, was du möchtest. Dabei ist alles ohne Bewertung anzusehen. Wenn dich etwas belastet, dann sprichst du es bestenfalls an, egal ob es da um Pierre oder sonst wen geht."
Ich seufzte schon wieder.
„..er meinte ich würde hier sehr, sehr lange bleiben, sähe nicht mal aus wie Haut und Knochen, wobei seine Tante doch viel schlimmer gewesen wäre(!),"
Da machte eine leicht überschwängliche Geste.
„Befand meine Essstörung als ‚dumm', und.."
„Und?"
„Ja das war's eigentlich."
Er zog seine Augenbrauen hoch.
„Da scheint sich wohl doch ein Unbehagen aufgestaut zu haben."
Ich zuckte mit den Schultern.
„Anscheinend musste es mal raus, man muss dich nur dazu kriegen, anzufangen."
Das mit dem.. Geschlecht ließ ich weg, er merkte es wohl.
Aber ich entscheide was ich erzähle, wie viel und was nicht, und das ist erstmal okay.
Wenn das jetzt noch nicht dran ist.. dann ist das jetzt nicht dran, dann wird es dafür eine andere Zeit geben. Das meinten doch immer alle.
„Schauen wir mal zurück auf den Anfang, er meinte du würdest lange hier bleiben, wegen deines derzeitigen Gewichtes."
Ich nickte.
„Und das mit der Tante?"
Ich verschränkte die Arme und winkelte meine Augenbrauen.
„Er meinte die sei doch wohl noch viel schlimmer gewesen."
„Und das regt dich auf?"
Ich machte ein ‚Tz' Geräusch.
„So als wenn er das von außen bewerten könnte. Mich erstmals als ‚Stock' zu bezeichnen, ‚weniger als Haut und Knochen' - aber seine Tante, die war ja noch schlimmer als ich."
„Regt es dich auf, dass es wohlmöglich jemanden gab, der ein tieferes Gewicht als du hattest, oder Leute andere Leute kennen, die ‚noch weniger' als du sind?"
„Ich weiß nicht.. nur weil es von ihm kommt - der, der ganz offensichtlich keine Ahnung von all dem hat."
Revens lehnte sich wieder nach vorne.
„Glaubst du, das liegt wirklich nur daran? Wenn ich jetzt zum Beispiel sagen würde.."
Er überlegte etwas.
„..: Ich hatte schon viele Patienten vor dir, die ein viel tieferes Gewicht als du hatten, und weitaus aus mehr besorgniserregend waren."
Ich schaute auf den Boden.
„Was macht das mit Dir?"
Ich strich mit dem Daumen über meinen Oberarm.
„Ich weiß nicht.. sauer? So, als wenn ich nicht mal das erreichen könnte, und das Beste des Besten erreichen muss. Dass gerade Sie noch andere kennen, die es ‚besser' als ich gemacht habe."
Stimmt es denn ?
Hatte er davon schon welche, die weniger als ich waren?
Es war zwar nur ein Beispiel.. aber..
„Also liegt es nicht an Pierre, sondern an der Möglichkeit, jemand hätte noch mehr an Gewicht verloren als du."
Ich nickte zögernd und zweifelnd.
„Regt dich der Part mit der Tante am meisten auf?"
„Kann sein.."
Dabei hat Pierre sie nur in einem Nebensatz erwähnt.. dass gerade das an mir heften bleibt sagt wohl schon einiges.
„Was wäre, wenn jetzt jemand auf die Station kommen würde mit einem scheinbaren tieferen Gewicht als du."
Ich schluckte.
Die Vorstellung machte mir ein wenig Angst.
„Ich.. würde mich viel vergleichen..?"
„Und was für Gedanken hättest du zum Beispiel?"
„..ich weiß nicht.. sowas wie, ich habe eine Sonde, sie nicht, ich esse weniger - sie nicht. Ich muss weniger wiegen als sie.. ich mache weniger Fortschritt als sie."
„Eine Art permanenter, destruktiver Ansporn."
Ich nickte nachdenklich.
„Warum würdest du nicht denken, ‚ich bin froh, dass ich jetzt schon hier bin, und habe es nicht so weit kommen lassen', oder ‚vielleicht unterstützen wir uns gegenseitig'. Ohne das über den anderen triumphieren, gar bewerten."
„Ich möchte ja nicht zunehmen.. weiß gar nicht ob ich gesund werden möchte."
Er summte.
„Ich glaube, wir müssen an deiner Bewertung feilen."

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