P.o.V. Grell
Herr Rica öffnete den Musikraum.
Das einzig Positive an dieser ganzen Aktion waren die Treppen die ich laufen konnte.
..und das Klavier, schon klar.
Der Raum war semi groß, viele Instrumente wie Kalimbas, Xylophone, jegliche Trommeln, Akustik- sowie E-Gitarren und sogar zwei Guqins standen in Schränken und angelehnt an Wände.
Das große Fenster hatte Aussicht auf den Garten der Station 1, der Geschlossenen.
Kann man Shinigami überhaupt in einer Geschlossenen behalten? Da könnte man doch immer ausbrechen.
Herr Rica setzte sich auf den Bürostuhl hinten links, schaute mich erwartungsvoll an.
Ich setzte mich auf den Klavierhocker und legte meine Finger auf die Tasten.
Das Piano war schon ein wenig älter.
Bei dem Gedanken, dass bald ein Flügel bei Adrian stehen würde machte es mich ein wenig euphorisch.
Ich probierte den Betreuer auszublenden und fing an zu spielen.
Eine Stunde mit Sebastian wäre jetzt auch ganz schön, dem peniblen Lehrer.
Meine Finger glitten über die Klaviatur, der Klang von Chopin, Scherzo No. 2 Opus 31 erfüllte den Raum und wand sich in jede noch so kleine Ecke, an diesem eher abgelegenen Ort.
Werde ich meine Zeit jetzt immer so verbringen?
Ein klägliches Leben in der Klinik mit einem Ausweg zur Musik und die Hoffnung bei Adrian?
Je länger ich hier bleibe und es mir schwer mache, mache ich es auch ihm schwer.
Wäre es nicht doch besser zu verschwinden, sodass auch Undertaker seinen Frieden mit mir finden kann..
Ich habe Angst ihn zu verlieren, Angst davor, dass er durch ‚die Krankheit' nicht mehr bei mir sein möchte.
Und bevor das geschieht möchte ich lieber selbst entscheiden zu gehen, denn diese Krankheit will ich auch nicht verlieren.
..was rede ich da.
Würde Adrian mich jemals verlassen?
Deshalb?
Würde er mich überhaupt noch.. noch ‚haben wollen', nachdem ich wieder ‚gesund' wäre?
Das herauszufinden ist wohl das Letzte was ich möchte.
..ich werde zu sentimental beim Klavierspielen.
Mein Seufzen war zu leise um es hören zu können.
Ich schaute kurz aus dem Fenster und probierte meine Gedanken loszulassen, einfach den Moment genießen und mich nicht mit irrationalen Ängsten zu plagen.
Wir ein normaler Shinigami..
P.o.V. Adrian
Ich zog mir ein halbwegs gutes Outfit an, schwarzes Hemd mit grau blauer Jeansjacke, einer schwarzen unten leicht hochgekrempelter Hose und Schuhen mit niedrigen Absätzen.
War es mir unangenehm mit meiner sonstigen Kleidung Grell zu besuchen?
Auf keinen Fall.
Doch wollte ich nicht der komische Kauz von dem Rotschopf sein, um seinetwegen.
Auf dem Weg zu ihm hielt ich für eine Flasche Cola Light an, dort würde er wohl keine haben.
Auf dem Klinikgelände musste ich mich erst in der Ambulanz anmelden, ich sah Herrn Revens in einem Zimmer stehen, auf Dokumente schauend.
Er arbeitet auch am Wochenende?
Im Dispatch kann ich es ja verstehen, aber doch nicht hier.
Wie sich die neue Generation der Shinigami bloß entwickelt..
Kein Wunder dass Grell mich alt nennt.
Endlich durfte ich auf die Station und sah schon den roten Schein in einen der Räume flimmern.
Ich meldete mich am Dienstzimmer und konnte es kaum abwarten zu ihn zu gehen.
Mit breitem Grinsen öffnete ich die Glastür und klopfte an die Scheibe, ich lehnte mich halb in den Raum und schaute ihn strahlend an.
„Hallooo~"
Summte ich und er schaute zu mir hoch, seine Augen leuchteten auf und er ließ die Zeitung auf den Tisch fallen.
„Adrian!"
Rief er während ich zu ihm ging, umarmte ihn, war unendlich froh ihn wiederzusehen, ihn zu hören, zu fühlen.
Meine Hand umspielte sein Haar und meine Lippen trafen auf seine Wange.
Seine Bewegungen ächzten nach mir, so als wäre er auf Entzug gewesen.
Dabei hasst er doch Berührung.
Oder hasste?
„Wie geht's dir?"
Hauchte ich und wir setzten uns auf die Stühle.
Natürlich missfiel mir nicht der Blick auf die Sonde, den Schlauch der sein Gesicht zierte.
Es war nicht ungewohnt, eher.. einfach nur schade.
Auch wenn selbst das nicht das richtige Wort dafür war.
„Jetzt wo ich dich sehe natürlich super toll."
Grinste er sarkastisch und lehnte sich leicht gegen den Tisch.
„Und sonst?"
Er seufzte etwas.
„Ich weiß noch nicht.."
Er tippte mit den Fingerspitzen auf die Holzplatte.
„Ich wäre lieber zu Hause.. oder irgendwo außer hier. Aber noch hab ich ja nicht alles gesehen."
Sagte er und neigte seinen Kopf.
Ich nickte, da war doch zumindest ein kleiner Hauch von einer positiven Sicht zu hören.
„Ach..!"
Fiel mir dann ein, holte die Cola aus meiner Tasche.
„Bevor ich's vergesse."
Ich gab ihm die Flasche und grinste bei seinem Ausdruck der Freude.
„Oh danke! Ich kann das Wasser hier bald nicht mehr sehen..!"
Mit einem Blick zum Dienstzimmer nahm er einige Schlücke.
„Liebe Grüße von Will und Sebastian."
Er hob seine Augenbrauen.
„Das kommt ja überraschend."
Und ich hob meine.
„Wieso das denn?"
Er zuckte mit den Schultern und drehte den Deckel zu.
„Weiß nicht, hätte es einfach nicht erwartet. Aber, ich Grüße natürlich dankend zurück."
Lachte er noch etwas in Gedanken.
„Die beiden mögen dich halt."
Sagte ich und er machte nur ein ‚pff'.
„Total."
„Soll ich Revens sagen dass euer nächstes Themen Selbstwertschätzung sein soll?"
Er trat mit seiner Fußspitze gegen mein Schienbein und äffte mich nach.
„Du kannst Sebastian sagen dass ich hier natürlich fleißig weiter üben werde. Und William dass er mich gefälligst auch besuchen kommen soll."
Ich lächelte froh.
„Natürlich."
Er sah etwas müde aus, sein Gesicht immer noch blass.
Die rote Brille stach irgendwie mehr heraus als sonst.
„Ist hier denn ein Klavier?"
Er nickte und erzählte mir vom Musikraum.
„Ach, der Flügel kommt übrigens morgen an."
„Unfair."
„Dann hast du was worauf du dich freuen kannst."
Er wedelte mit seiner Hand und nahm noch einen Schluck der gekühlten Flüssigkeit.
Es klopfte plötzlich und Herr.. Rica kam rein, so hieß er meine ich.
„Entschuldigt die Störung - ich wollte nur Bescheid sagen, dass ihr beide auch in den Garten dürft."
Sagte er lächelnd, wie nickten, Grell mit einer Prise mehr Dankbarkeit als ich.
Der Betreuer ging wieder.
„Ist es draußen sehr kalt?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Du kannst meine Jacke haben, es geht eigentlich."
Ich hielt sie ihm hin und er zog sie an.
Mit der Cola in der Hand gingen wir durch die Glastür raus ins Freie.
Eine bunte selbst bemalte Holzbank stand auf der Terrasse, wie gesellten uns hin.
Der Garten war groß, hinter uns noch auf der Steinterrasse war ein langer grün weißer Tisch mit jeweiligen Stühlen.
Unsere Sicht lag auf der rechten Seite des Gartens, hinten links ein rechteckiges Blumenbeet welches an einigen Stellen anfing zu blühen, rechts daneben ein mittel großer Schuppen der schon etwas älter aussah.
Mein Unterarm lag auf der Lehne, entspannt legte ich mich etwas zurück, jetzt wo wir etwas mehr unter uns waren.
Seine Hand fand den Weg zu meiner, erst überrascht und doch erfreut drückte ich seine zurück.
„Immer noch kalt?"
Die Atmosphäre war so viel ruhiger geworden, so viel wärmer.
„Bisschen."
Ich lächelte.
Ich wusste nicht mal wieso, jede Kleinigkeit die er tat - mir war einfach nach Lächeln bei diesem wundervollen Shinigami.
„Die nächsten Wochen sollen wärmer werden."
Er nickte, die Augen immer noch nach vorne gerichtet.
„Zum Glück."
Meine Jacke fiel ihm übers Handgelenk, schlanke Finger kamen unter ihr zum Vorschein.
Ich merkte wie auch er sich weiter entspannte, rückte näher an mich.
Und was tat ich? Natürlich, ich lächelte.
„Herr Rica hat wohl Herrn Revens überredet, dass wir draußen sitzen dürfen."
Murmelte er und lehnt sich an meiner Schulter an, ganz unbemerkt.
„Da müssen wir uns wohl herzlichst bedanken bei ihm."
Hauchte ich und musste an den Therapeuten denken, der wohl noch oben in der Ambulanz stand und arbeitete.
Vielleicht auch nur seinen Kaffee trank, ich weiß ja nicht.
„Wie sind die Beiden?"
Er überlegte summend.
„Ich glaube ganz nett. Schließlich sitzen wir doch draußen."
Grinste er.
War das heute das erste Mal, dass er sich wirklich freut, in der nun knappen Woche die er hier ist?
„Sie sind wirklich ganz gut. Ich kann.. mit Ihnen reden, um es mal so auszudrücken."
Meinte er dann ernster und sein Kopf wurde schwerer.
„Was hälst du sonst von der Klinik?"
War doch klar, dass die Frage kommt.
Er machte nur ein ‚hm'.
Ich strich über seinen Handrücken und neigte mich etwas mehr zu ihm.
„Was soll das denn bedeuten?"
Kicherte ich in sein Haar.
Er seufzte.
„Ich möchte einfach nicht hier sein."
Er machte keinen Anschein weiter zu sprechen, haperte etwas mit sich.
„Und deshalb kannst du die guten Dinge nicht sehen?"
Führte ich dann fort, gespannt auf seine Antwort.
„..deshalb möchte ich sie nicht sehen."
Ich schaute wieder nach vorne und strich wieder über seine Hand.
„Ich glaube dass dir die Station gut tun kann."
„‚Glauben' ist ein schwaches Wort."
„Und ich weiß, dass es zu Hause nicht klappt."
Er schwieg.
Wahrscheinlich auch weil er die Wörter ‚zu Hause' von mir hörte.
„Aber wenn wir glauben, dass es zu Hause wieder klappen kann, dann probieren wir es da."
Ich atmete ein mal durch.
„Okay?"
„..hm."
Ich lächelte.
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A Way To Escape
Fiksyen PeminatTrigger Warning : Essstörung. Anorexie und Grell - zwei sich Suchende finden sich. Der Rotschopf wusste keinen Ausweg mehr, er hat keine andere Strategie, keinen anderen Bewältigungsmechanismus je gelernt, als Kontrolle. Es fällt ihm alles durch...
