„Keine Ahnung. Vor ein paar Monaten habe ich aufgegeben und versuche seither nicht mehr, dich zu verstehen", gebe ich matt von mir.
„Und ich habe es vor ein paar Stunden aufgegeben, mich gegen meine Gefühle zu wehren. Ich kann das nicht mehr. Ich will mit dir zusammen sein, Riley. Wenn ich nur wüsste, wie das funktionieren soll. Wir können uns doch nicht dreizehn Monate verstecken. Ich kann dir aber auch nicht weiter zuschauen, wie du andere Jungs datest."
„Genau das war doch aber deine Idee?", verteidigte ich mich.
„Ich wollte einfach das richtige tun. Das heißt aber nicht, dass es sich richtig anfühlt, dir beim Knutschen zuzusehen."
„Und mich zu küssen, hat sich richtig angefühlt?" Was das anbelangte, war ich äußerst skeptisch.
„Verdammt richtig, und wenn ich dafür ins Fegefeuer komme", antwortete er überraschenderweise. Ich blickte bei ihm nicht durch. Dieses ewige Hin und Her war kräftezehrend und ich fühlte mich zwischenzeitlich zermürbt.
„Aber du hast doch gesagt..."
„Riley, hör auf mit mir zu diskutieren, wer wann was gesagt hat. Das ist völlig nebensächlich."
„Wenn du sagst der Kuss ist Shit, dann ist das nicht nebensächlich", begehrte ich auf.
„Was? Nein, Riley. Das hab ich so nie gesagt." Seine freie Hand strich zärtlich über meinen Nacken. „Das bezog sich doch nur darauf, dass ich es nicht geschafft hab, standhaft zu bleiben. Wenn es nach mir geht, würde ich dich noch hundert Mal küssen."
Seine Hand schlängelte sich nach vorne zu meinem Kinn und drehte meinen Kopf zu sich, sodass ich ihn über meine Schulter hinweg ansehen musste. Unsere Gesichter waren sich dabei nahe genug, damit ich beinahe schielen musste, um seine Augen fixieren. „Natürlich nur, wenn du das auch willst", wisperte Dawson mit einem für ihn untypischen Hauch von Unsicherheit.
„Und was ist mit den möglichen Konsequenzen?" Ich entschlüpfte seinem Griff und drehte mich ganz zu ihm um, kniete nun vor ihm.
Er legte den Kopf gegen die Wand, starrte nach oben an die Decke. Das hatte ich mal wieder ganz gründlich versaut. Warum hatte ich ihn nicht einfach geküsst, wenn sich mir so eine Gelegenheit bot?
„Warum musst du jetzt ausgerechnet damit anfangen?", seufzte er. Genau das war die Frage, die mich auch bewegte. Wir dämlich war ich bloß!
„Weil ich auch versuche, das Richtige zu tun. Ich will nicht, dass du meinetwegen in Schwierigkeiten kommst. Vielleicht musst du ins Gefängnis. Du könntest dadurch alles verlieren. Deine Familie, dein Wahlrecht, das Recht zu wohnen, wo du willst, du könntest in diese Kartei kommen, in der die Sexualstraftäter sind, die man öffentlich einsehen kann." Panik stieg in mir auf.
„Eins nach dem anderen, okay? Einen Gipfel erklimmt man auch Schritt für Schritt. Hier kennt uns erstmal niemand. Heute Abend können wir tun und lassen, was wir wollen, Riley. Ich möchte mit dir im Arm einschlafen. Und morgen fahren wir nach Nashville. Da kennt uns auch keiner. Was wir tun, wenn wir wieder zu Hause sind, das sehen wir dann, ja?"
„Dann fährst du mit heim?"
„Klar. Bis zum Semesterbeginn haben wir noch elf Tage und die möchte ich nutzen, so gut es geht. Und wenn es dir nichts ausmacht, dann würde ich jetzt gerne schlafen. Ich bin etwas angeschlagen und mein Körper braucht mehr Ruhe als sonst."
„Du hast aber gesagt, nur einmal und dann nie wieder...", begann ich.
„Riley!", knurrte Dawson mahnend und zog mich, die Hand in meinen Nacken gelegt, zu sich. Ich mochte diese besitzergreifende Geste jetzt schon. Noch mehr mochte ich aber das Gefühl seiner Lippen auf meinen und was sein Kuss in mir auslöste. Ich mochte den Geschmack nach Kupfer, den seine verletzte Lippe hatte, und sein zartes Saugen an meiner Unterlippe. Und als er mit seiner Zunge zurückhaltend meine Lippen berührte und sich dann zurückzog blieb ich überwältigt und voller Hoffnung auf mehr zurück.
„Wenn ich geahnt hätte, dass es so einfach ist, dich zum Schweigen zu bringen, hätte ich das schon lange gemacht!" Dawson strahlte mich an, rutschte dann auf dem Bett nach unten. „Na komm, Riley, leg dich hin. Ich bin wirklich im Arsch."
Ohne weitere Diskussion streckte ich mich neben Dawson mit einem gewissen Sicherheitsabstand aus. Diesen schloss Dawson ohne zu zögern, indem er zu mir rutschte und seinen Arm unter meinen Hals schob. Das war beinahe so bequem wie ein Nackenhörnchen. Die zweite Hand legte er auf meine Hüfte.
Zärtlich küsste er meine Nase. Kurz blitzte das Bild von ihm und Hillary vor meinem geistigen Auge auf. Dawson seufzte. „Will ich wissen, worüber du gerade nachdenkst?"
Fasziniert davon, wie gut er meine Miene lesen konnte, schüttelte ich den Kopf und ließ zu, dass er mein Gesicht an seiner Brust bettete. Seine Haut fühlte sich warm und weich an. Die gleichen weichen goldenen Härchen, die auch an seinen Armen wuchsen, bildeten einen feinen Streifen zwischen seinen ausgeprägten Brustmuskeln und sie kitzelten leicht an meiner Haut.
Dawsons Atem war unglaublich beruhigend und für den Moment trat tatsächlich alles in den Hintergrund. Das abziehende Gewitter, die Sorge um ihn, die Erinnerung an die verstorbene Evelyn und auch der Gedanke an das kleine Mädchen und vor allem der an Justin wurde völlig zur Nebensache. Auch meine und seine Familie wich hinter der Geborgenheit zurück, die Dawsons muskulöse Arme und seine Nähe mir spendeten.
Die eine Hand, die zwischen mir und Dawson ruhte, legte ich nach ein paar Momenten des Zögerns auf seinen Brustkorb. Den anderen Arm schob ich unter seinem hindurch und legte ihn um seine Taille.
„Schlaf gut, Riley", murmelte Dawson.
„Du auch", gab ich zurück.
„Mit dir in meinen Armen ganz sicher."
Seine Antwort und dass er mich etwas fester drückte, zauberten ein dämliches Grinsen auf mein Gesicht, das nicht mehr verschwinden wollte, bis ich schließlich einschlief.
Kleine sanfte Küsse, die Dawson auf meinen Nacken setzte, holten mich aus dem Schlaf. Das war um Längen besser, als wie üblich, von dem aufdringlichen Lärm meines Handys geweckt zu werden.
„Du kannst noch weiterschlafen, wenn du willst, Riley", murmelte er hinter mir. „Ich wollte nur nicht einfach so gehen, ohne mich zu verabschieden. Ich habe noch ein paar Sachen im Wohnheim zu erledigen. Außerdem möchte ich weg sein, bevor die Wirtin mich hier herumstreunen sieht. Ich würde dich um zehn vorm Haus abholen."
Mein schlaftrunkenes Gehirn brachte meinen Körper dazu, zu nicken und ein „okay" hervorzubringen.
Dawson seufzte hinter mir und stand auf. Er nahm das Shirt ab, das trocken, aber steif wie ein Brett war, und legte die Klammern auf dem Deckel meines Rucksacks ab. Dabei präsentierte er mir einen sehr hübschen Ausblick auf seinen breiten Rücken und die harten Muskelstränge, die sich spannten, als er die Arme hob, um in sein Oberteil zu schlüpfen. Seine Bewegungen waren noch immer vorsichtig, aber deutlich geschmeidiger als am Vortag.
„Wie magst du deinen Kaffee", erkundigte er sich, während er sich vor das Bett kniete und mir die Haare zurückstrich.
„Viel Milch. Kein Zucker", murmelte ich.
„Alles klar. Ich besorge dir einen. Und was zu essen auch. Dann bis später, Riley." Er drückte mir einen kleinen Kuss auf die Wange, dann ging er.
Schlafen konnte ich nun nicht mehr. Mein Geist war bereits zu wach. Trotzdem blieb ich noch unter der gemütlichen Decke liegen und versuchte zu begreifen. Wie konnte es sein, dass ich Dawson Grady geküsst hatte? Nach all der Zeit. Und nicht nur das! Er war in Sorge um mich gewesen. Wir hatten gemeinsam in einem Bett geschlafen und er hatte mich liebevoll geweckt. Mein Nacken kribbelte noch immer von seinen Berührungen und mein ganzer Körper fühlte sich leicht an, wie ein Heißluftballon. Ich biss in meine Faust, um ein Quietschen zu unterdrücken. Wenn ich das Stacey erzählte...
Dann holte mich die Realität ein. Nichts würde ich Stacey erzählen! Ich setzte mich auf. Vor ihr hatte ich noch nie Geheimnisse gehabt. Auch vor Miles nicht. Ob ich das konnte? Lügen ohne rot zu werden? Für Dawson?
Wieder schwappte eine Welle der Aufregung über mir zusammen, als ich anihn dachte. Er würde mich abholen. Um zehn. Zeit den Arsch hochzukriegen.
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Finally - Falling for you
RomantikBand 1 der "Finally"- Reihe. Die tiefsten Wunden bluten nicht. Schon seit frühester Jugend schwärmt die sechzehnjährige Riley für den attraktiven, aber launischen Dawson, der sie konsequent auf Abstand hält. Der Altersunterschied von sechs Jahren zw...
