Da wir den zweiten Feiertag nun tatsächlich gemeinsam mit meiner Schwester verbringen würden, hatte meine Mum nichts dagegen, dass ich am ersten Feiertag nachmittags verschwand, um mich mit Lio und seiner Familie zu treffen. Meine Geschenke unter dem Arm beeilte ich mich, den Weg hinter mich zu bringen. Es war kalt. In der Nacht hatten wir sogar Minusgrade gehabt und die Feuchtigkeit, die in der Luft lag, ließ mich frösteln.
Sharon hatte mich vom Küchenfenster bereits kommen sehen und öffnete die Tür, bevor ich klingeln konnte. „Fröhliche Weihnachten!" Sie umarmte mich. Sie war die herzlichste Frau, die ich kannte. Ohne langes Federlesen nahm sie mir die Tasche mit den Geschenken ab, damit ich mich aus meiner Winterjacke schälen konnte.
Als ich ins Wohnzimmer kam, saßen Stacey, Lio und Steve auf der Couch und sahen sich einen Weihnachtsfilm an. Den mit dem grüngesichtigen Grinch. Keine Spur von Riley oder Miles. Hin und hergerissen zwischen Enttäuschung und Erleichterung begrüßte ich die drei mit einem „Fröhliche Weihnachten!", bevor ich mich auf die Couch setzte.
Steve bot mir ein Bier an, dass ich dankend annahm und Lio damit zu prostete. Stacey starrte uns mürrisch an. Dann fiel ihr Blick auf die kleine Tasche und sie begann zu strahlen.
„Nach dem Film machen wir Bescherung, ja?", wisperte sie und wendete sich dann wieder dem Bildschirm zu. Ich nickte und wandte mich nach einem kurzen Zwinkern dann ebenfalls der Flimmerkiste zu. Doch je mehr ich versuchte mich auf den Film zu konzentrieren, desto schlechter gelang es mir. Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich an Riley dachte. An das Geschenk, dass ich für sie besorgt hatte. Wie es aussah, hatte ich mir vollkommen unnötige Gedanken, darüber gemacht.
Und je mehr ich versuchte, an etwas anderes zu denken, der Handlung des Filmes zu folgen, desto klarer erschien Riley vor meinem inneren Auge. Das Lächeln, dass ich mir ausgemalt hatte, wurde immer deutlicher, ihre strahlenden Augen erhellten meine Gedankenwelt wie ein Leuchtfeuer. Beinahe konnte ich spüren, wie sie ihre Arme um meinen Hals legte und mich zum Dank umarmte. Wenn ich die Augen schloss, bildete ich mir ein, ihren feinen Duft nach Chlor zu riechen, der nicht von ihr wegzudenken war und den Whiskey auf ihren Lippen zu schmecken.
Ich war krank. Definitiv! Aber ich konnte nichts dagegen tun. Sie war in meinem Kopf und ich konnte sie nicht rausschmeißen, egal, wie viel Mühe ich mir gab.
Als der Film schließlich endete, erhob sich Steve. „Dann lass ich das Jungvolk mal alleine und sehe mal nach, ob meine Frau mit mir eine Runde Billard im Keller spielt oder mit mir ein paar Darts werfen möchte. Oder kommt ihr mit runter?", erkundigte er sich Steve.
„Wir warten noch auf Miles und Riley", teilte Lio seinem Dad mit und dieser nickte.
„Gut dann mach ich mich schon mal warm. Dann lass ich euch später alt aussehen."
„Sprüche, Dad. Alles nur Sprüche!", lachte Lio und knuffte seinem Vater in die Seite.
„Wollt ihr die Bescherung dann unten machen?", fragte Sharon aus dem Hintergrund und etwas ratlos sahen wir uns an.
„Ist nicht so feierlich, oder?", überlegte Lio laut.
„Aber mal was Anderes. Das haben wir noch nie gemacht. Vorm Weihnachtsbaum kann das jeder", gab Stacey zu bedenken.
Zu einer Einigung kamen wir nicht wirklich, denn in diesem Moment kamen die beiden Geschwister.
Beide hatten rote Nasen von der Kälte und rote Wangen und ausgesprochen gute Laune. „Fröhliche Weihnachten", riefen die beiden im Chor. Beide trugen einen roten Pullover mit einem Rentierkopf vorne und einem Rentierarsch auf dem Rücken, dazu rote Pudelmützen. Das Ganze war so kitschig und albern, dass es schon wieder witzig war. Riley rannte auf ihre Freundin zu, umarmte sie und zog sie auf die Couch. Dann holte sie ein Paket heraus, dass sie wirklich liebevoll verpackt hatte. „Für dich Stacey", sagte sie und drückte es ihr in die Hand. „Und das, das ist für dich!" Sie strahlte Lio an.
Dann drehte sie sich zu mir um und für einen Moment vergaß ich zu atmen. Versank in ihren Augen, schwebte haltlos durch die Galaxien kleiner Sprenkel darin. „Für dich!" Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Danke." Mehr brachte ich nicht raus. Sie hatte ein Geschenk für mich besorgt. Einfach so. Ohne zu wissen, ob ich hier sein würde.
„Du schon wieder? Du könntest aber langsam auch hier einziehen", neckte mich Miles und ließ sich neben mir auf die Couch fallen. Dann verteilte er ebenfalls seine Pakete und so ging es reihum bis auch ich zu guter Letzt meine Geschenke ausgehändigt hatte.
Ich war neugierig, was in den Geschenken war, trotzdem beobachtete ich erst einmal wie Riley ihre Geschenke nebeneinander aufreihte, jedes andächtig betrachtete. Dann griff sie lächelnd nach dem ersten. Von Lionel. Na, danke auch.
Ich fing an meine Geschenke eines nach dem anderen auszupacken und freute mich wirklich über jedes einzelne. Von Lio bekam ich zusammen mit Chad einen neuen Controller für unsere Wii im Wohnheim. Meiner hatte einen Wackler und ich rastete deswegen regelmäßig aus. Stacey schenkte mir ein quadratisches Schwarzweiß gemustertes Halstuch, damit ich nicht immer die olle Sturmhaube unter dem Helm tragen musste und Miles überraschte mich mit einem Buch über amerikanische Kleinserien im Automobil und Motorradbereich. Zu Letzt hatte ich nur noch Rileys kleines Paket vor mir liegen. Das Papier hatte sie ganz offensichtlich selbst dekoriert. In feinen säuberlichen Buchstaben hatte sie „Fröhliche Weihnachten" in allem möglichen Sprachen auf das dicke, glatte Papier geschrieben und daneben kleine Sterne und Tannenbäume gemalt. Gespannt sah sie mir zu, wie ich vorsichtig die Schleife öffnete, die ebenfalls ein Kunstwerk war und dann den Tesa aufschlitzte, damit das Papier nicht kaputtging.
Als ich die winzige Schachtel öffnete, kaute sie nervös auf ihrer Unterlippe. Ich hob den Deckel der Pappschachtel und auf schwarzem Stoff lag ein Schlüsselanhänger. Mit einem silbernen Motorrad daran.
„Wow." Ich schenkte ihr ein Lächeln. „Der ist wirklich schön."
Sie sah zufrieden aus. „Ich freu mich, wenn er dir gefällt", antwortete sie schüchtern. Ihre Wangen röteten sich und ich hätte sie gerne noch weiter angestarrt. Oder geküsst. Oder über meine Schulter geworfen, um irgendwo mit ihr allein zu sein. Das hatte ich jetzt nicht gedacht? Panik keimte in mir auf. Sie attraktiv zu finden, ging vielleicht gerade noch. Sie küssen zu wollen, war hart an der Grenze des Tragbaren, alles andere. Nein! Nie.
Um mich abzulenken, zog ich meinen Schlüssel hervor und befestigte den Anhänger an meinem Schlüsselbund. Aus dem Augenwinkel sah ich ihr zu, wie sie neidisch zu den Stiften schielte, die Stacey aus dem Papier schälte und dann ihrerseits nach dem Geschenk griff, dass ich für sie verpackt hatte. Sie schenkte mir einen weiteren Blick und nun war ich es, der nervös auf der Lippe herumkaute. Bis ich Blut schmeckte und einen scharfen Schmerz spürte.
Gott, sie war der Wahnsinn, wenn sie so strahlte wie jetzt. „Guck, Stacey. Ich hab die gleichen", stellte sie fest und wendete sich ihrer Freundin zu. „Nur andere Farben. Silber und guck mal das sind lauter Pastelltöne." In ihrer Begeisterung hatte sie sich noch nicht einmal bedankt. Aber mir war es Scheißegal. Sie fand mein Geschenk gut. Und ich ihre Begeisterung.
„Ich hol mal Papier. Dann können wir sie gleich ausprobieren!", rief Stacey und sprang auf.
„Und ich mein Buch." Und schwupp war Riley draußen bei der Tasche, die sie überallhin mitschleppte wie ein Kleinkind seine Schmusedecke.
„Die Ausgabe ist super. Die wollte ich schon lange haben", bedankte sich Miles.
„Ich hätte das hier lange haben wollen, wenn ich geahnt hätte, dass es sowas gibt." Ich tippte auf das Buch mit den Motorrädern.
„Ist das Bike von deinem Dad auch drin?", fragte Lio und rückte gleichzeitig mit Miles näher.
Ich blätterte durch die Kapitel. „Ja. Schau, das ist es."
„Das schaut toll aus!", stellte Miles fest. „Schau mal was da für ein Sammlerwert angegeben ist. Ist ja der Hammer."
„Meins ist leider nicht mal das Papier Wert, auf dem das Buch gedruckt ist", stellte ich mit einer gewissen Ironie fest.
„Noch nicht!", beruhigte mich Lio. „Aber nach den nächsten Ferien bist du schon einen riesigen Schritt weiter.
Riley kam zurück, ihr Notizbuch unter dem Arm. „Danke, Dawson. Die wollte ich schon immer haben. Ich liebe diese hellen Farben."
Und ich deine Augen. Dein Lächeln.
„Dann freu ich mich", antwortete ich stattdessen und sah ihr nach, wie sie zum Esstisch ging und kurz darauf mit Stacey zusammen die Stifte einem Härtetest unterzog.
DU LIEST GERADE
Finally - Falling for you
Roman d'amourBand 1 der "Finally"- Reihe. Die tiefsten Wunden bluten nicht. Schon seit frühester Jugend schwärmt die sechzehnjährige Riley für den attraktiven, aber launischen Dawson, der sie konsequent auf Abstand hält. Der Altersunterschied von sechs Jahren zw...
