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Was ist, wenn...

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Die Müdigkeit verschwindet augenblicklich und macht Platz für das Adrenalin, welches binnen eines Bruchteils meinen gesamten Körper durchflutet. Schnell ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, wähle mich in meine Cloud ein und suche den Ordner, mit den sichergestellten Gemälden.

Während meiner Nachtschicht vor wenigen Tagen habe ich die gesamten Daten des Falles in die Cloud meines Diensthandys geladen, damit ich wichtige Dinge ergänzen kann, falls ich nicht auf dem Revier bin. Nun bin ich unendlich Dankbar für diese Idee.

Meine Finger scrollen wie von alleine durch die Galerie der Bilder, als ich an jenem gesuchten Bild hängen bleibe und erneut auf das Gemälde neben der Schlafzimmertür schaue. 
Eindeutig.
Sie sehen exakt gleich aus.

Ein Schauer durchkriecht meinen Körper, als ich mich umschaue und die anderen Gemälde im Gang betrachte.
"Was ist, wenn..."

Wieder schaue ich auf mein Handy, dann auf die Gemälde.
Meine Finger zittern, während ich durch den Flur hinunter in die Eingangshalle laufe. Immer wieder sehe ich dabei die Bilder an den Wänden an, vergleiche sie mit denen in meiner Cloud und bin beinahe erleichtert, als ich am Fuße der großen Treppe ankomme und keine weiteren Übereinstimmungen finde.

"Also doch nur ein Nachdruck", murmele ich zu mir selbst, stocke im selben Moment aber und muss den dicken Kloß in meinem Hals herunterschlucken. 
Dieses Bild neben dem kleinen, goldenen Beistelltisch kommt mir ebenfalls sehr bekannt vor. 
Scheiße, bitte nicht.
Das passende Bild erscheint in meiner Cloud und wieder besteht kein Zweifel.
Sie stimmen überein.

"Reiner Zufall!", schreit mein Herz mich an, doch mein Gehirn sagt da etwas anderes. Es glaubt nicht an Zufälle.

Meine Suche geht weiter und auch im Esszimmer werde ich fündig. Wieder eine exakte Übereinstimmung zu einem sichergestellten Gemälde. 
Gut, Harry ist Kunstliebhaber. Er liebt Picasso und da ist es ja eigentlich nicht vollkommen absurd, dass er sich Nachdrucke kauft und diese dann an seine Wände hängt. 
Aber auch ich als Laie kann erkennen, dass diese Gemälde nicht gedruckt sind. Die feinen Pinselstriche und Unebenheiten sind genau zu erkennen. Natürlich kann es auch gemalt sein. Sowas gibt es ja auch, aber irgendwie...

Im Wohnzimmer lasse ich mich vollkommen erledigt auf das Sofa sinken, den Blick dabei auf das womöglich größte Bild in diesem Raum. Es hängt über dem Kamin, sieht aus, als wenn es schon immer dort hängt und genau dort hingehört.
Wieder ein Picasso, wieder eine Übereinstimmung.

Mein Magen rebelliert.

Schmerzhaft zieht er sich zusammen und die Magensäure bahnt sich den Weg in meiner Speiseröhre bereits nach oben. 
Gedanken breiten sich in meinem Kopf aus. 
Gedanken, die überhaupt nichts mit den Gemälden zu tun haben, sondern viel mehr mit meinen Gefühlen. 

Was, wenn diese Gemälde hier wirklich die Originale sind? Wenn sie wirklich echt sind?
Sind es Harrys Gefühle für mich auch?

Ich halte es keine Sekunde länger mehr in Harrys Haus aus und sehe zu, dass ich dort verschwinde. 

****

"Okay, Louis. Nochmal ganz langsam", beginne ich und starre auf meine Kaffeetasse.

Schlafen werde ich heute vermutlich nicht mehr und in Anbetracht dessen, dass ich bereits Selbstgespräche führe, sollte ich mir wirklich Sorgen machen. 
Aber dafür habe ich keine Zeit.

"Du hast fast alle geklauten Gemälde an den Wänden von Harrys Haus gesehen. Was aber nicht unbedingt heißen muss, dass es sich dabei auch tatsächlich um die geklauten Gemälde handelt."

Ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee und schaue aus dem Fenster.

Der Hund von Mister Baker kackt gerade auf den Rasen und natürlich geht Mister Baker dann einfach weiter. Die Scheiße bleibt liegen und vermutlich wird eines der Kinder heute Nachmittag beim Spielen reintreten und alles im Treppenhaus verteilen. 
Elender Sausack.

Mir kommt das Bild aus der Wohnung meiner Mutter in den Sinn. Ein Dalí. Sie liebt dieses Bild und hat es in Italien auf einem Markt gekauft. Auch das Bild wurde nachgemalt. Nicht gedruckt.
Tue ich Harry einfach nur Unrecht?

Miss Hudson sieht den Hundehaufen.
Wütend schaut sie sich um und versucht den Übeltäter zu finden, wobei wir alle wissen, zu wem dieser Haufen gehört.

Scheiß drauf.

Ich ziehe meine Küchenschublade auf und hole die fast leere Schachtel Zigaretten heraus. 
Mit zitternden Fingern zünde ich den Glimmstängel in meiner Hand an, ziehe einmal tief an der Zigarette und inhaliere den Rauch.  Wenn es nicht so verdammt früh wäre, würde ich mir glatt einen Scotch einschenken. 

"Rational denken, Louis", ermahne ich mich, lache im selben Moment allerdings auf. 
Ist klar. 

Nach zwei weiteren Zigaretten haut mich die Müdigkeit dann doch um und auch wenn ich wach bleiben wollte, kann ich meine Augen einfach nicht mehr offen halten und schlafe auf dem Sofa ein.
Erst, als mein Handy klingelt, werde ich wieder wach. 
Benommen schaue ich auf das Display und sofort verkrampft sich mein Magen wieder.

Harry.

Natürlich ruft er mich an. Sicherlich ist er gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und hat festgestellt, dass ich nicht wie gewohnt in seinem Bett liege. 
Alles in mir sträubt sich diesen Anruf entgegenzunehmen, doch meine Finger handeln von alleine und schneller als ich realisieren kann, habe ich den Anruf angenommen und halte mein Handy an mein linkes Ohr.

"J...ja?"
Meine Kehle ist wie zugeschnürt und noch immer weiß ich nicht, wie ich das Chaos in meinem Kopf ordnen soll.
"Darling, wo bist du?", möchte er wissen und klingt dabei so gut gelaunt wie eh und je. 
"Ich-", beginne ich, muss mich dann aber räuspern und versuche das Zittern, welches durch meinen Körper geht zu ignorieren. 

Es kann noch immer alles ein Zufall sein.

"Ich musste meine Uniform waschen und bin deshalb nach Hause gefahren", lüge ich und schließe meine Augen. 
"Ach, Love. Norma hätte sie dir doch auch gewaschen."

Bei dem Spitznamen zieht es noch mehr in meiner Magengegend.

"Schon okay." Meine Stimme ist dünn und ich weiß einfach nicht, was ich denken soll. Wenn ich ihn darauf anspreche und er wirklich unser Dieb sein sollte, wird er mich doch sicherlich nicht einfach so die Wahrheit sagen. Das wäre ja schön dämlich. 

"Alles okay?", möchte Harry wissen und erneut flammt die Besorgnis in seiner Stimme auf. 
Echte Besorgnis?
"Ich bin nur schrecklich müde."
Was nicht einmal gelogen ist.
"Habe ich dich geweckt?"

Ich greife erneut nach der Zigarettenschachtel, die mittlerweile auf meinem Wohnzimmertisch liegt. 
Noch genau zwei Zigaretten befinden sich in dem Softpack. 

"Ja, aber ist nicht schlimm. Ich muss eh bald los."

Die Schachtel geht wieder zurück auf den Wohnzimmertisch. Noch immer zwei Zigaretten darin. 

"Okay, dann will ich dich nicht aufhalten, Love. Sehen wir uns morgen?"
"Natürlich."
"Wundervoll. Ich freue mich auf dich. Viel Spaß auf der Arbeit, Darling."
Ich nicke, bis mir einfällt, dass Harry das unmöglich sehen kann. "Bis morgen."
"Ich liebe dich", haucht er liebevoll und bringt mein Herz damit nun ebenfalls zum Ziehen. 
"Ich...dich auch."

Der Kunsthändler Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt