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So dramatisch

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Immer wieder frage ich mich, wie dumm ich eigentlich bin.
Warum ich so dämlich bin und zugesagt habe, dass ich zu Harry komme.
Aber gut. Nun ist es zu spät.

Kaum habe ich auf die Klingel gedrückt, wird mir die Tür auch schon geöffnet.
Harry steht vor mir, schön wie eh und je und mein Herz macht bei seinem Anblick einen weiteren Hüpfer. Egal was er getan hat, mein Herz interessiert das anscheinend nicht und reagiert mit einem starken Wummern auf seinen Anblick.
"Hi", kommt es verhalten und leise von ihm, ehe er einen Schritt zur Seite macht und mich in das Innere seines Hauses lässt. Kommentarlos trete ich ein, meide seinen Blick und schlucke die aufkommende Nervosität herunter.
"Schön, dass du da bist."
Ich nicke, sage jedoch weiterhin nichts. 
Was auch?
"Ich...ich habe im Garten etwas vorbereitet."

Ich folge ihm durch die Eingangshalle und meine Blicke wandern automatisch an die Wände. Sofort fällt mir auf, dass einige Bilder fehlen. Ob er sie abgenommen hat, weil sie ihm nicht mehr gefallen, oder aber sie auf dem Weg zurück in das Museum sind, weiß ich nicht. Und wenn ich ehrlich bin, will ich es in diesem Moment auch gar nicht wissen. 
Wir durchqueren den Garten, steuern den Pavillon an und als wir dort ankommen, macht mein Herz wieder auf sich aufmerksam. 
Kerzen brennen, Lichterketten scheinen und auf dem Tisch ist für Zwei gedeckt. 
Ich erinnere mich an unser Date, hier im Pavillon. Damals hat Norma für uns gekocht und wir hatten einen verdammt schönen Abend. 
Aber heute...
"Setz dich bitte", fordert Harry mich auf und ich lasse mich auf den linken Stuhl nieder. Sofort schenkt er mir ein Glas Weißwein ein, setzt sich dann mir gegenüber und deutet auf die goldfarbige Kuppe, die über die Teller gestülpt ist.
"Ich habe selbst gekocht. Es ist vielleicht nicht sonderlich gut, aber ich wollte es selbst machen."
"Harry" beginne ich, doch er schüttelt den Kopf. 
"Bitte, lass uns essen."
Zögerlich nicke ich, nehme dann die Kuppe vom Teller und staune nicht schlecht. 
Rumpsteak, grüne Bohnen und Kartoffelstampf. 
Kein sonderlich schweres Gericht, aber es ist liebevoll angerichtet.
Sofort knurrt mein Magen und signalisiert mir, dass er heute lediglich Frühstück hatte. 
Gut, wenn ich schonmal hier bin, dann kann ich auch essen.

Wir beginnen mit dem essen und es herrscht Schweigen am Tisch. Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der nicht weiß, was er sagen soll und so genieße ich still und leise das Essen, welches wirklich auf den Punkt genau ist. 
Immer wieder merke ich den Blick von Harry auf mir, was ich allerdings so weit es geht, versuche zu ignorieren. Seine Anwesenheit macht mich flatterig und die Nervosität hat mittlerweile meinen kompletten Körper eingenommen. 
Gerne würde ich mich mit einem verliebten Teenager auf seinem ersten Date vergleichen, aber das ist es nicht. 
Kein Date, kein Verliebtsein. 
Zumindest möchte ich Letzteres nicht. 
Nicht mehr.
 
Viel zu schnell allerdings ist mein Teller leer und als auch Harrys Teller sich dem Ende neigt, ahne ich, dass wir gleich reden müssen. 
Ich trinke einen großen Schluck Wein, genieße den Geschmack auf meiner Zunge und hoffe, dass dieser Abend bald vorbei ist. Es bringt doch eh nichts. Das hier ist komplett sinnlos. 
"Gut", erklingt die Stimme von Harry und er greift nach seinem Glas. 
"Reden wir."
Zustimmend nicke ich und trinke erneut einen Schluck des Weins. Nüchtern halte ich das hier nicht aus. Wobei... vielleicht ist Alkohol auch keine gute Idee. Wer weiß, wie ich mich dann noch im Griff habe. Immerhin schreit alles in mir nach diesem Mann. Alles in mir will ihn berühren, ihn küssen - ihn genießen.
Kein Wein mehr!

"Ich habe einige Bilder zurückgebracht" erklärt er und lässt mich nicken. Ich muss nicht erklären, dass ich das mitbekommen habe. Diese Tatsache ist ja wohl mehr als klar. 
"Und ich werde die anderen Bilder ebenfalls wieder zurückbringen. Alle. Keine Ausnahme."
Erstaunt hebe ich meinen Kopf.
"Alle?" vergewissere ich mich und bekomme ein Nicken als Antwort. 
"Ausnahmslos, ja."
Okay.
Alle.
"Ich" beginne ich, halte dann aber inne und versuche mich zu sortieren. "Warum auf einmal?"
Ein Seufzen erklingt, dann greift Harry über den Tisch nach meiner Hand. 
Ich sollte sie wegziehen, doch stattdessen genieße ich den winzigen Körperkontakt, den wir haben und spüre das leichte Kribbeln in meinen Fingern. 
Ich sollte das nicht schön finden.
"Weil ich dich liebe, Louis."
Meine Augen schließen sich und ich muss tief durchatmen. Mein Herz, dieses Arschloch, schwillt schon wieder an und bereitet sich auf eine Party vor, doch mein Verstand drängt es zurück.
"Das hast du angeblich vorher auch schon und da hat es dich nicht interessiert."
Harry nickt, der Griff um meine Hand wird stärker. 
"Aber da hatte ich dich noch nicht verloren."
Seine zweite Hand greift über den Tisch. Er nimmt nun beide meiner Hände in die seinen und hebt diese an. Fest umschließt er sie, betrachtet sie wie eines seiner geliebten Gemälde.
"Als du nicht mehr bei mir warst...es...es war fürchterlich. Ich wusste nicht, wie sehr ein Mensch leiden kann, wenn ihm etwas fehlt, was er augenscheinlich so sehr braucht."
"So dramatisch", zerstöre ich sein Gerede und schüttele den Kopf, auch wenn ich genau weiß, wie er das meint. Leider weiß ich auch, wie es sich anfühlt. 
"Ich wusste nicht, wie schmerzhaft Liebe sein kann und deshalb musste ich mir etwas überlegen."
"Und du denkst, wenn du alle Gemälde wieder zurückbringst, dann ist wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen?"
Immerhin kann er es nicht rückgängig machen, dass er mich so hintergangen hat. 
"Nein, das denke ich nicht."
Erstaunt hebe ich meinen Blick, treffe auf seine wunderschönen, grünen Augen und verfalle ihnen für eine Millisekunde. 
"Aber ich denke, dass es vielleicht ein Anfang sein könne."
Ein Anfang.
Ich... scheiße, ich weiß nicht. 

Unsicher entziehe ich ihm meine Hände und stehe auf. Ich muss mich bewegen. 
Auch Harry steht auf, kommt zu mir und stoppt meine Bewegung, indem er meine Schultern greift und anschließend seine Hand auf meine Wange legt.
Nicht gut.
Gar nicht gut!
Fuck.

"Ich liebe dich, Louis. So sehr, wie ich noch nie jemanden geliebt habe und ich möchte, dass wir beide eine Zukunft haben."
Ich schlucke die Enge in meinem Hals herunter. Klappt allerdings nur bedingt. 
Dieses verdammte Herzklopfen lenkt mich ab.
"Ich weiß, dass ich dein Vertrauen gebrochen habe und auch weiß ich, dass ich dich mit meinem Handeln zutiefst verletzt und außerdem in eine wirklich dumme Lage gebracht habe."
"Dumme Lage ist ein bisschen untertrieben", schnaufe ich und verdrehe meine Augen. 
Wenn das rauskommen sollte...
"Kannst du uns noch eine Chance geben?", möchte Harry leise wissen und ist mir auf einmal viel näher als eben. 
Das Denken fällt mir schwer. 
Ich bin wie benebelt und fühle mich betrunken, wobei ich es nicht bin. 
Harrys Augen beobachten mich wachsam, studieren jede Regung meines Gesichts, doch ich kann ihm darauf keine Antwort geben. So leid es mir auch tut.
Deshalb bin ich es, der Abstand zwischen uns bringt. 
Sofort verlässt der funkelnde Glanz Harrys Augen und seine Miene bröckelt.
"Ich weiß es nicht", gestehe ich und fahre mir mit meinen Händen über das Gesicht. 
"Ich muss darüber nachdenken."

Der Kunsthändler Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt