Kapitel 1: Etwas zu beweisen

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Manchmal hatte Hermine Granger das Gefühl, dass keiner ihrer Freunde sie ernst nahm. Als würden sie ihr nicht zutrauen, in den Wochen zwischen Schulende im Juli und Schulbeginn im September auch nur einen sinnvollen Gedanken zu fassen. Die besserwisserische Streberin, auf die man sich verlassen konnte, solange es nur um Hausaufgaben ging.

Rons Worte hallten in ihrem Kopf nach, als sie spätabends nach einem langen ersten Schultag von der Bibliothek den kürzesten Weg in den siebten Stock zum Gryffindorturm einschlug.

„Ähm – also, dieser Junge, äh ..." Rons Gesicht war puterrot vor Lachen gewesen, als er sich gestern beim Festmahl über sie lustig gemacht hatte. „Es war eben wirklich zu komisch, wie du dich angestellt hast."

Sie hatte sich überhaupt nicht angestellt. Ron amüsierte sich noch immer über Hermines Versuch, den Inhaber des Ladens Borgin und Burkes nach dem Gegenstand auszufragen, den Draco Malfoy sich dort in den Sommerferien angesehen hatte. Ein Ereignis, das mittlerweile Wochen zurücklag. Seit sie sich in der Winkelgasse gemeinsam unter Harrys Tarnumhang gequetscht hatten und Malfoy zu dem unheimlich wirkenden Geschäft in einer ausgestorbenen Seitengasse gefolgt waren, hörte Ron nicht auf, sich über Hermine lustig zu machen. Dabei konnte sie sich lebhaft vorstellen, wie der große, linkische Ron sich mit roten Wangen vor dem buckeligen Ladenbesitzer gewunden und dabei irgendwas von einem Geburtstagsgeschenk für seine Mum gestottert hätte.

Aber er schien es wichtig zu finden, einen kleinen Fehltritt ihrerseits dermaßen breit zu treten, dass er noch Wochen später darüber lachte. Obwohl sie wiederholte Male bewiesen hatte, wie wertvoll sie für die Gruppe war und wie gut sie sich in vielerlei Hinsicht schlug. Sie wusste eigentlich, dass sie sich nicht von ihm ärgern lassen sollte, aber es nagte an ihrem Selbstbewusstsein, auch wenn sie das nie zugeben würde.

„Hör nicht auf ihn, er meint es nicht so", hatte Harry ihr versichert.

Wenn Ron es nicht so meinte, konnte er schließlich auch einfach den Mund halten.

Sie schnaubte und schüttelte wütend den Kopf, weil sie die Szene schon wieder in ihrem Kopf durchspielte, als hätte sie das nicht schon oft genug getan.

Sicher, wenn es darum ging, Hausaufgaben abzuschreiben, vertraute er ihr voll und ganz, aber sobald es um etwas Geheimes und vielleicht auch Verbotenes ging, schien er jede Kleinigkeit an ihr kritisieren zu wollen. Manchmal kam sie sich dabei vor, als wären sie noch immer in ihrem ersten Schuljahr und Ron würde sie eine nervige Streberin nennen, als sie damals versucht hatte, ihm bei einem Zauber zu helfen.

Hermine hatte den Korridor mit dem Porträt der Fetten Dame erreicht und wollte ihr gerade das Passwort nennen, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Sie wandte den Kopf und sah gerade noch einen hellblonden Kopf und das Blitzen eines silbergrünen Saums um die Ecke am Ende des Korridors verschwinden. Sie ging ein paar Schritte zurück und runzelte die Stirn.

„Wird das noch was oder erwartest du, dass ich den ganzen Abend hier herumhänge?", riss die Fette Dame sie aus ihren Gedanken. Sie hatte ein Porträt weiter mit zwei Frauen mit hoch aufgetürmten weißen Haare Karten gespielt, als Hermine auf sie zugetreten war.

„Bin gleich wieder da", rief Hermine und spurtete den Gang entlang. Hinter sich vernahm sie noch den erzürnten Protest der gemalten Dame, aber sie konnte sich jetzt nicht um ihre Gefühle kümmern. Am Ende des Ganges sah sie vorsichtig um die Ecke. Der Flur war leer, bis auf eine hochgewachsene Gestalt, die raschen Schrittes über den Steinfußboden lief.

Draco Malfoy.

Stirnrunzelnd sah sie ihm dabei zu, wie er am Ende des Korridors stehen blieb und sich orientierte. Als er abbog, folgte sie ihm eilig, immer hinter Statuen und Sockeln hervorschauend, damit er sie nicht entdeckte.

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