Kapitel 18: Der Trank der lebenden Toten

38 4 1
                                        

Am Abend beschäftigte Hermine sich damit, Geschenke einzupacken und in dem Buch von Slughorn zu schmökern, da sich niemand aus ihrem Jahrgang mehr in der Schule aufhielt und sie so keine Ablenkung von ihren Gedanken hatte. Sie gab sich Mühe, das Geschenkpapier glatt zu streichen und die Schleifen symmetrisch zu binden. Von den Stechpalmenzweigen am Kamin ließ sie mit einem Wachstums-Zauber einen langen Zweig wachsen, den sie in kurze Stücke schnitt und unter die Schleifen steckte. Auf je einem Blatt ließ sie den Namen der Person erscheinen, für die das Geschenk bestimmt war. Sie wollte die Geschenke früh am nächsten Morgen verschicken, damit sie rechtzeitig ankamen.

Danach experimentierte sie mit nicht nachweisbaren Ausdehnungszaubern, die sie in einem Zauberkunst-Buch gefunden hatte und auf ihre magisch vergrößerte Tasche anwenden wollte. Sie belegte einen der Kekse vor ihr auf dem Tisch mit dem Spruch, in dem Versuch, ihm mehr Inhalt zu geben als man von außen sehen konnte. Doch auf Lebensmittel angewandt schien der Zauber sich anders zu verhalten und der Keks bekam eine seltsam lehmige Oberfläche und wurde so schwer, dass er einen Knick in den Tisch machte, ehe sie den Zauber aufhob. Zum Glück war niemand sonst im Gemeinschaftsraum, als sie peinlich berührt Reparo flüsterte.

Hermine lehnte sich in ihrem Sessel zurück und starrte eine Weile in das Kaminfeuer, dessen Flammen beruhigend flackerten. Schließlich wanderten ihre Gedanken zurück zu Malfoy.

Sie hatte einen Schritt auf ihn zugemacht – hatte sie sich nun doch von ihm hinters Licht führen lassen? Sein Versuch, potentielle Vergiftung von Mitschülern und Dumbledore zu verhindern und dass er zugegeben hatte, Angst vor seinen eigenen Leuten zu haben ... Es hatte den Eindruck erweckt, dass er doch mit irgendeiner Zelle seines Gehirns über all das nachdachte. Eigene Entscheidungen treffen konnte.

Aber was bedeutete seine merkwürdige Einsichtigkeit in Hinblick auf die Todesser? Glaubte er dennoch daran, dass die Reinblüter die Herrschaft übernehmen sollten?

Vielleicht war das der Grund, warum er ihre Hilfe angenommen hatte. Er vertrat nicht alle Ziele, die die Todesser verfolgten, aber er konnte dennoch an ein Klassensystem der Reinblütigkeit glauben.

Es war kein Beweis, dass er kein Todesser war. Und dennoch befanden sie sich in einer Art Waffenstillstand. Sie fragte sich, ob es stimmte, was er über die magischen Wissenschaften gesagt hatte. Mit Magisches Blut hatte sie eigentlich die Hoffnung gehabt, auf einen akademischen Text gestoßen zu sein, doch es war hauptsächlich auf die Blutreinheit eingegangen. Vielleicht sollte sie noch einmal in der Bibliothek nachfragen, um die Erkenntnisse mit einem Zellbiologie-Buch zu vergleichen.

Hermine zog ihren Zauberstab und rief mit einem lautlosen Accio das Pergament mit ihren Notizen aus ihrer Tasche auf.

Der Verdacht, dass Malfoy mehr mit dem vergifteten Met zu tun hatte als er zugab, war naheliegend. Sie fragte sich, ob er Slughorn die Flasche selbst untergejubelt hatte, um es danach zu bereuen.

War Bellatrix auch in die Sache mit dem verfluchten Halsband verwickelt gewesen?

Hermine starrte das Pergament an, als könnte es ihr Antworten auf diese Fragen geben. Sie wollte, dass Malfoy sich nicht nur hinter halbherzigen Ausflüchten versteckte. Er war nicht gezwungen, das zu tun, was andere von ihm verlangten. Selbst wenn er bedroht wurde, hatte er eine Wahl, anders zu handeln. Er hatte die Wahl, auf welcher Seite er stehen wollte.

Sie hatte keine andere Wahl, als sich auf die Seite des Ordens zu stellen – wie er schon einmal so eloquent festgestellt hatte. Ihre Möglichkeiten waren Kampf oder Flucht. Und der Tod.

Er würde ebenfalls kämpfen oder fliehen müssen, doch er konnte sich die Seite aussuchen. In seinen Augen war der Weg als Todesser der einzige, der sein Überleben sicherte, doch damit ließ er außer Acht, dass anderen dieser Weg nicht offen stand und sie trotzdem überleben wollten. Hermine fand es ungerecht, dass er durch seine heile Welt der Reinblüter stolzieren konnte, während sie von Anfang an hatte erkennen müssen, wie kaputt das alles war.

MetamorphoseWo Geschichten leben. Entdecke jetzt