SECHSUNDDREIßIG

163 12 3
                                        

Meine Schritte hallten dumpf auf dem hölzernen Boden des Schiffsgangs wider, als ich in Eile vorwärts stürmte. Mit jedem hastigen Schritt schien sich der Korridor weiter zu strecken, als wolle er mich verzweifelt aufhalten. Die Tür zur Kapitänskajüte rückte nur quälend langsam näher, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken bei dem Gedanken daran, Yeosang länger als notwendig mit San allein zu lassen. Ans Anklopfen dachte ich gar nicht erst. Ohne zu zögern, riss ich die Türklinke herunter und stolperte beinahe ins geräumige Zimmer des Captains.

Hongjoong saß, wie so oft, hinter seinem schweren Schreibtisch auf dem massiven Holzstuhl. Seonghwa stand neben ihm, die Hände fest auf die Tischplatte gedrückt, um sich abzustützen. Beide waren in eine Seefahrtskarte vertieft, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, doch das spielte jetzt keine Rolle. Hongjoong hob abrupt den Kopf, als er mein plötzliches Auftauchen bemerkte, und öffnete bereits den Mund - wahrscheinlich um meine Unhöflichkeit zu tadeln - doch die Worte blieben ihm im Halse stecken, als er mich sah.

Die Blicke der beiden Männer musterten mich skeptisch, als ich keuchend meine Hände in die Hüften stemmte, um wieder zu Atem zu kommen. Die letzten Minuten hatten an meinen Kräften und meinem Sauerstoffvorrat gezehrt. Als Hongjoong erkannte, dass etwas nicht stimmte, sprang er mit einem schnellen Ruck auf, sodass sein Stuhl quietschend ein Stück zurückrutschte. „Was ist mit San?!" rief er mit scharfer Stimme.

Seonghwa hatte bereits den Tisch umrundet, seine Augen waren vor Sorge geweitet. „Großer Gott, Aurora. Was ist passiert?" Seine Hand hob sich, um meine Schläfe zu berühren, doch der Schmerz, bei seiner leichten Berührung, ließ mich zischend zurückweichen.

„San," krächzte ich atemlos, meine Stimme vom Vorfall noch rau und schwach. „Er ist aufgewacht!" Hongjoong kam nun ebenfalls hastig hinter seinem Schreibtisch hervor, seine Augen fragend und besorgt. „Was ist mit ihm? Wie geht es ihm?"

„Er ist nicht er selbst," stieß ich hervor, während ich versuchte, die Panik in meiner Stimme zu unterdrücken. „Wir haben keine Zeit für Details. Yeosang ist allein mit ihm. Wir müssen zurück, bevor es erneut geschieht." Beide Männer nickten stumm und voller Ernst.

„Seonghwa, benachrichtige die Crew. Wir treffen uns auf der Krankenstation!" Der Blondhaarige war bereits aus der Tür, und ich folgte Hongjoong schnellen Schrittes zu dem Ort, der mir wie der Schauplatz eines Alptraums vorkam.

Kurze Zeit später hatte sich die gesamte Crew auf der Krankenstation versammelt. Wooyoung saß auf dem Tisch, umgeben von einem chaotischen Durcheinander aus medizinischen Utensilien. Mingi und Yunho hatten sich die Stühle vom Krankenbett auf die andere Seite des Raumes gestellt. Yunho hatte ein Bein über das andere geschlagen und wippte nervös mit dem Fuß, während Mingi, verkehrt herum auf seinem Stuhl sitzend, aufgeregt mit dem Finger gegen die hölzerne Lehne tippte.

Yeosang lehnte neben mir an der Wand, einen Fuß lässig dagegen gedrückt und die arme vor der Brust verschränkt. Doch trotz seiner scheinbaren Ruhe konnte ich die Spannung in ihm spüren, die sich wie ein unsichtbares Band um uns alle gelegt hatte. Hongjoong tigerte ruhelos im Zimmer umher und kam dabei bedrohlich nah an das Krankenbett heran, auf dem San noch immer reglos lag. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine tiefe Furche gebildet, während er unablässig vor sich hin murmelte, als würde er in einer fremden Sprache sprechen - oder vielleicht war es auch nur so leise, dass ich es nicht verstehen konnte.

Zuletzt stieß Seonghwa in die Krankenstation, dicht gefolgt von einem sichtlich erschöpften Jongho. Jongho war wahrscheinlich gerade erst in einen tiefen Schlaf gefallen, als er kurz danach wieder geweckt wurde. Jongho schob ein paar kleine Flaschen mit unterschiedlichen Flüssigkeiten auf die Seite und ließ sich neben Wooyoung auf dem Tisch nieder, während Seonghwa sich an dessen Kante lehnte, die Arme verschränkt und ein Bein über das andere gestellt. Nun waren alle versammelt, und die Blicke der Crew richteten sich erwartungsvoll auf mich und Yeosang. Zu meiner Überraschung war es Hongjoong, der mir wortlos, aber vorsichtig ein Tuch an die Schläfe drückte und mir andeutete, es zu übernehmen.

Aurora - You are my light (Ateez x reader)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt