SIEBENUNDFÜNFZIG

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Mir stockte der Atem. Ich war die Erste, die loslief. Barfuß, ohne nachzudenken, durch den kalten Flur, an den Kajüten vorbei, rauf aufs Deck. Die Luft dort war seltsam still. Kein Wind. Kein Wellenschlag. Nur das Geräusch meines pochenden Herzens in meinen Ohren.

Und dann... sah ich ihn.

Nicht auf dem Geländer. Nicht auf dem Mast.

Er hockte auf dem Deck selbst. Der blaue Vogel. In sich zusammengesunken, die Federn zerzaust, die Flügel eng an den Körper gepresst, als wäre er aus einem Sturm gefallen und hier gestrandet.

Langsam kam Bewegung in die Szene. San trat aus dem Schatten, fast lautlos. Hinter ihm folgten Wooyoung, Seonghwa, Jongho. Niemand sprach. Niemand wagte sich näher.

Der Vogel hob den Kopf.

Sein Blick war nicht der eines Tieres. Er war wissend. Alt. Und so menschlich, dass mir der Magen verkrampfte.

Dann geschah es.

Ein Zucken durchlief seinen Körper wie ein Stromstoß, der ihm das Rückgrat entlangfuhr. Er zuckte, fiel zur Seite, breitete die Flügel aus, als wolle er fliehen. Ein Kreischen, schrill und fremd, zerriss die Stille und dann: Licht.

Nicht gleißend, sondern unnatürlich gedämpft, bläulich, wie unter Wasser. Der Körper des Vogels begann zu flimmern, seine Umrisse zu verschwimmen. Die Federn lösten sich wie in Zeitlupe, wirbelten in der Luft, glänzten wie Schuppen.

Und aus dem Zentrum der Verwandlung erhob sich ein Körper.

Langsam. Zitternd. Nackt bis auf den zerrissenen Rest einer dunklen Hose, die an ihm hing wie von einem anderen Leben. Seine Haut war blass, übersät mit Kratzern, Schrammen, Zeichen von Kälte, von Kampf. Seine Rippen zeichneten sich unter der Haut ab, jeder Atemzug wirkte wie ein kleiner Sieg gegen das Vergessen.

Yeosang.

San trat als Erster vor. Kein Wort. Nur seine Schritte, dumpf auf dem Holz. Er sah ihn an, als wollte er sicher sein, dass es nicht nur ein Hirngespinst war.

„Yeosang...?" Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Yeosang hob den Kopf. Und dann passierte es: Wooyoung stürmte los. „YEOSANG!" Kein Zögern, kein Nachdenken. Er fiel ihm fast entgegen, umarmte ihn, hielt ihn fest wie ein Ertrinkender. „Du verdammter Idiot... du... du...!"

Yeosang blieb stehen. Regungslos. Nur seine Lippen bewegten sich. „Tut mir leid."

Yeosangs Arme hoben sich zögernd. Er umklammerte Wooyoung, zog ihn an sich. Es war kein lautes Wiedersehen. Kein dramatischer Ausbruch. Es war tief. Schwer. Wie ein gestrandetes Herz, das endlich wieder schlagen durfte.

San trat dazu, legte eine Hand auf Yeosangs Nacken, die Stirn gegen seine.

„Du Arschloch", murmelte San, aber seine Stimme war heiser vor Rührung. „Wir dachten, du bist tot."

 Seine Augen waren geschlossen. Und als Yeosang ihm die andere Hand auf die Brust legte, brach ein stummes Schluchzen aus San heraus, das selbst die salzige Luft nicht ersticken konnte.

Ich trat einen Schritt zurück. Beobachtete, wie Jongho sich auf die Reling stützte, wie Mingi sich wortlos die Kapuze vom Kopf riss. Seonghwa presste die Lippen zusammen, als wollte er sich das Zittern im Kiefer verbieten. Selbst Hongjoong, der sonst nichts an sich heranließ, hatte die Augen geschlossen.

Wir standen da. Neun. Wieder vollständig.
Und jeder einzelne von uns war gerade aus einer anderen Dunkelheit aufgewacht.

Doch Yeosangs Körper hielt ihn kaum noch aufrecht. Er sackte gegen San, dessen Hände ihn zwar stützten, aber nicht auffangen konnten. Sein Gewicht war kaum mehr als ein Schatten, aber es reichte, um Wooyoungs Griff zu lockern. Yeosangs Beine gaben nach.

Aurora - You are my light (Ateez x reader)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt