Familie

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~Loki

"Bruder..."

"Wie konntest du nur?!", schrie Thor und drückte Loki noch enger an sich, sodass dem Gott des Schabernacks beinahe die Luft wegblieb. Trotzdem hatte sein Bruder ihn noch nie so sanft umarmt, als wäre Loki aus Glas, zerbrechlich und dünn.

Der Gott wollte sich nicht so fühlen. Er wollte nicht, dass Thor ihn so sah, sein Inneres sah und vielleicht anfing, ihn als das zu erkennen, das er war. Kaputt und gebrochen.

Doch oh, wie gerne wollte Loki sich an Thors Schulter lehnen und weinen, bis keine einzige Träne mehr da war. Wie gerne wollte er sich so fallen lassen.

"Lass mich los", flüsterte Loki und spürte den Kloß in seinem Hals, der seine Worte Lügen strafte.

"Nein, kleiner Bruder. Nie wieder." Der Donnergott drückte sein Gesicht an Lokis Schulter und er fühlte die Tränen seines großen Bruders auf seinem dünnen Hemd, wie sie hindurchsickerten auf seine Haut und dort wie kleine Schwerter einsanken.

Loki blieb stumm und ließ es trotzdem zu, dass Thor ihm weiter die Luft abschnürte. Sein Bruder schluchzte auf und das Beben seines massigen Körpers ließ Loki selbst erzittern.

Er wollte Thor nicht zeigen, wie gebrochen er im Moment war, wie müde, verzweifelt, traurig und ängstlich er war, was alles in seinem Herz kämpfte und es von innen heraus zerriss. Aber wie lange konnte er das noch? Wie lange konnte Loki die Tränen noch zurückhalten, wenn sein Bruder an seiner Schulter weinte?

Also tat Loki das, was er so viele Jahrzehnte und Jahrhunderte nich getan hatte. Er ließ los. Und stieß ein so tiefes, verzweifeltes Schluchzen aus, dass es ihn selbst erschreckte. Der Gott des Schabernacks ergriff seinen Bruder und drückte sich an ihn, weinte all die Tränen, die er noch hatte.

Es war nicht, wie es all die Bücher beschrieben hatten. Es fiel keine riesige Last von ihm ab. Es tat weh, es tat so weh und sein Herz wollte wohl in seiner Brust zerspringen, so viele aufgestaute Emotionen brachen sich Bahn.

Es war wie Ertrinken und doch war da eine Hand, die ihn wieder hochzog, die ihn rettete. Der Schmerz ließ nach, langsam, und in Wellen, die ihn immer wieder untertauchen ließen.

Loki konnte sich nicht erinnern, jemals so viel gefühlt zu haben, so viel zuzulassen. Vielleicht würde er es später bereuen, wenn sein vernarbtes Herz bemerkte, was es alles losgelassen hatte. Oder vielleicht konnte er endlich aufhören damit. Vielleicht konnte Loki anfangen, sein Herz zu heilen. Die Narben zu pflegen und die Wunden zu verschließen. Vielleicht konnte der Gott des Schabernacks das schaffen.

"Bruder...", Thor hob das tränennasse Gesicht und sah Loki an. "Ich liebe dich, kleiner Bruder. Du bist meine Familie, mein Bruder und ich will..." Er stockte und legte Loki eine Hand auf die Schulter, während sich weitere Tränen in seinen Augen sammelten. "Ich ertrage es nicht...ich....ich kann dich nicht nochmal sterben sehen, kleiner Bruder. All die Jahre habe ich dich zwar angesehen, aber nie wirklich gesehen. Ich habe deinen Schmerz nicht verstanden oder ignoriert, weil er mich vielleicht an meinen idiotischen Ideen und Abenteuern gehindert hätte. Es tut mir so leid, kleiner Bruder."

Der Donnergott zog ihn erneut an sich und flüsterte mit brüchiger Stimme: "Bitte verzeih mir."

Loki blinzelte und schluckte, seine Kehle fühlte sich rau an. Er konnte nichts erwidern, noch nicht. Er wusste, was Thor alles früher getan hatte, wie er mit den anderen Unruhe gestiftet hatte und seinen kleinen Bruder oft ausgeschlossen oder nicht beachtet hatte. Wie er gelacht hatte, wenn seine Freunde Loki wieder einmal geärgert hatten.

Aber wie sollte Loki ihm verzeihen? Der Gott kannte die Antwort.

"Es gibt nichts zu verzeihen, Bruder."

Thor lachte auf und umfasste dann Lokis Gesicht mit seinen großen Händen.

"Und ich dachte, du wärst der Nachtragendere von uns."

Ein bisschen was von dem Schmerz rückte in den Hintergrund bei dem Leuchten, was in Thors Augen zurückkehrte. Loki wollte, dass es so blieb. Also verschloss er sein Herz wieder und drängte die Tränen zurück, die wieder in ihm hochkamen.

"Lass das." Loki zog die Augenbrauen hoch.

"Was soll ich lassen?"

"Du schiebst wieder alles weg. Du errichtest wieder eine Mauer in dir", sagte Thor und sah Loki ernst an. "Hör auf damit, kleiner Bruder, bitte."

Loki wollte gerne. Er wollte versuchen, seine Seele und sein Herz zu öffnen, aber es war so schwer. Es war so schwer nach allem, was er erlitten hatte, nach all den Jahren, in denen er seine Gefühle hatte verschließen müssen.

Es ging nicht. Loki war noch nicht so weit.

Der Gott löste sich langsam von Thor und in dessen Augen erlosch ein Funke. Loki ließ es an sich abprallen, oder versuchte es zumindest. Wann war das so schwer geworden?

Langsam bereute er es, sich Thor jemals so geöffnet zu haben. Nun kannte sein Bruder sein Inneres und es war noch komplizierter, als vorher. Loki hätte das nicht tun sollen.

"Du kannst eine Mauer nicht so schnell einreißen. Es tut mir leid, Thor."

"Nein, Loki! Mit genug Kraft, kann man es!"

"Bei dir geht es doch immer nur um Kraft! Um rohe Gewalt. Aber damit erreicht man nicht immer sein Ziel, Thor. Manchmal muss man..." Loki biss sich auf die Lippe und versuchte den Schmerz zu unterdrücken. Erinnerungen an IHN kamen in dem Gott hoch, wie er sich ganz ohne diese Art der Gewalt auf Lokis Seele verewigt hatte.

"Was ist passiert? Was ist passiert, als du in dieses Loch gestürzt bist, damals am Bifröst?", fragte Thor und griff wieder nach Loki.

Dieser zuckte zurück, doch eher halbherzig, denn die Bilder tauchten wieder vor seinem inneren Auge auf.

"Thor, ich kann nicht..." Loki sah seinen Bruder an und versuchte ihm zum ersten Mal ganz ohne Worte seine wahren Gefühle zu vermitteln. Und dieses eine Mal schien der Donnergott zu verstehen.

"Es ist okay, Bruder. Ich gebe dir so viel Zeit, wie du brauchst. Aber dafür musst du mir eines versprechen."

Der Gott des Schabernacks nickte leicht.

"Versprich mir, dass wir das ab jetzt zusammen machen. Versprich mir, dass du dich nicht wieder zurückziehst. Das du dich nicht wieder vor mir verschließt. Bitte, Bruder, das ist alles, was ich will."

Und Loki sah seinen Bruder an, senkte den Kopf und antwortete das ehrlichste, was er aus dem Chaos seiner Gedanken formuliert bekam.

"Ich werd es versuchen. Aber sei geduldig mit mir, Bruder. Bitte."

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Hello amigos! I'm so sorry, ich habe wieder Jahre für ein neues Kapitel gebraucht.
Gut, eigentlich hätte ich heute Deutsch lernen müssen, aber wen interessieren schon textgebundene Erörterungen? Ist ja nicht so, dass meine Halbjahresnote von dieser verdammten Arbeit abhängt, haha....
Okay, anyway, ich versuche am Donnerstag noch ein Kapitel zu schreiben, wenn ich diese Arbeit überlebe :)
Bye amigos <3

𝐒𝐡𝐨𝐰 𝐦𝐞 𝐲𝐨𝐮𝐫 𝐝𝐞𝐦𝐨𝐧𝐬 | 𝐋𝐨𝐤𝐢 𝐅𝐅Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt