Sonne durchflutet die ruhigen Straßen von Konoha, lässt die roten Dächer und hellen Fassaden warm aufleuchten und zeichnet goldene Flecken auf das Pflaster.
Das gewohnte Stimmengewirr des Dorfes liegt wie eine sanfte Geräuschkulisse in der Luft. Händler preisen ihre Waren an, irgendwo lacht ein Kind und aus einer offenen Garküche steigt der verführerische Duft von frisch gebratenem Fleisch und Gewürzen auf.
Eigentlich wäre es ein perfekter Tag, um sich auf ein sonniges Dach zu legen, die Wärme auf der Haut zu genießen und absolut nichts zu tun.
Stattdessen stehe ich hier, die Arme vor der Brust verschränkt und beobachte den Mann neben mir.
Während ich mich bemühe, wenigstens den Anschein von Pflichtbewusstsein zu wahren, sieht Kakashi aus, als wäre er gedanklich bereits auf dem bequemsten Dach des Dorfes angekommen.
Kakashi Hatake gähnt ausgiebig. So ungeniert, dass ich mich frage, ob er damit nicht gleich den halben Marktplatz anstecken will, stützt die Hände in die Hüften und blickt mit seinem einzelnen, gewohnt verschlafenen Auge auf die Pergamentrolle in meiner Hand.
Die silbernen Haare stehen ihm wie immer in alle Richtungen ab und selbst die dunkle Maske vermag nicht zu verbergen, wie wenig begeistert er von unserem Auftrag ist.
»Eine Inventur des alten Archivs im Hokage-Gebäude?«, murmelt er und kratzt sich am Hinterkopf. Seine Stimme klingt dabei so leidend, als hätte Tsunade ihm gerade eine lebensgefährliche S-Rang-Mission aufgebrummt. »Tsunade weiß wirklich, wie man einen freien Tag ruiniert.«
»Das ist keine Ausrede, Kakashi«, antworte ich und schlage die Rolle mit einem leisen Klack zusammen. Der Ton hallt zwischen den Häuserwänden wider und lässt ihn zumindest für einen Moment den Blick heben. »Wenn wir zügig arbeiten, sind wir bis zum Nachmittag fertig. Danach kannst du dich wieder deinen zweifelhaften Büchern widmen.«
Sein Auge verengt sich ein wenig. Ob er ahnt, dass ich mich damit auf gefährliches Terrain begebe?
Kakashi lässt sich nur selten aus der Ruhe bringen und noch seltener von jemandem, der seine Lektüre kommentiert.
Was Kakashi allerdings nicht weiß. Mir geht es heute überhaupt nicht um morsche Akten, vergilbte Einsatzberichte oder staubige Aufzeichnungen längst vergangener Missionen.
Ich habe eine viel wichtigere Mission. Seit zwei Tagen läuft eine Wette mit Genma und Raido. Zehntausend Ryo winken demjenigen, der es schafft, Kakashi dazu zu bringen, seine Maske abzunehmen.
Bisher haben alle Versuche kläglich versagt. Bestechungen, Beleidigungen, harmlose Provokationen – Kakashi hat sie mit einem gelangweilten Blick, einem trägen Schulterzucken oder einem seiner gefährlich unschuldigen Lächeln abgeschmettert.
Doch heute bin ich vorbereitet.
Heute werde ich jede Schwachstelle ausnutzen, die sich mir bietet.
Und ich habe nicht vor zu verlieren.
»Nun gut«, seufzt Kakashi schließlich, während wir das Hokage-Gebäude betreten und eine schmale Treppe hinuntersteigen.
Mit jedem Schritt wird das Stimmengewirr des Dorfes leiser, bis nur noch das dumpfe Echo unserer Schuhe auf den alten Steinstufen bleibt. Unten empfängt uns die abgestandene, leicht muffige Luft des Archivs, durchsetzt mit dem Geruch von Papier, Holz und jahrzehntealtem Staub.
Staubkörner tanzen im spärlichen Licht, das durch die hochgelegenen Fenster und die Ritzen der alten Fensterläden fällt.
Überall ragen Regale bis zur Decke, beladen mit Kisten, Schriftrollen und Aktenordnern, deren Beschriftungen teilweise kaum noch zu entziffern sind. Hinter uns fällt die schwere Tür mit einem dumpfen Knarren ins Schloss.
