Es waren noch viel mehr Fotos, aber ich konnte nicht mehr weiter sehen, da meine Sicht von einem Meer aus Tränen verdeckt wurde.
Also legte ich mich ins Bett und lernte ein wenig Biologie, so gut es ging zumindest. Ich konnte den ganzen Stoff Gott sei Dank schon und deshalb dauerte es nicht allzu lange, bis ich meine Unterlagen wieder weglegte und mich auf den Weg in die Küche machte.
„Hast du Hunger?" fragte Dad, der bereits in der Küche stand. Ich nickte nur und setzte mich an den Tisch. „Willst du mir erzählen, was passiert ist?" fragte er. „Dad, ich... ich kann nicht." Murmelte ich und lächelte traurig.
„Cole?" fragte mein Dad und sah mich mitfühlend an. Ich nickte langsam. Dads Gebiss presste sich zusammen. „Was hat er getan?!" er wurde wütend. „Nichts, ich hab's versaut." Antwortete ich und biss an meinen Nägeln.
Dad versuchte, mit mir zu reden und ich ließ ihn abblitzen. „Dad, bitte lass es einfach." Bat ich und schloss gequält meine Augen.
Wir aßen gemeinsam und Dad erzählte mir von der Arbeit. Danach versicherte ich ihm, dass ich klarkomme und ging hoch in mein Zimmer. Ich rief Tammy an, da sie mir schon unzählige Nachrichten zu meinem Verbleib geschickt hatte. Ich erzählte ihr, was passiert war und brach in Tränen aus.
„Aber Bitch, das war doch nur ein kleiner Streit, er muss sich nur wieder beruhigen und dann wird alles gut." Sprach sie mir gut zu. „Nein, Tam. Der Blick, mit dem er mich angesehen hat und dann hat er mich noch Hailee genannt. Verdammte Scheiße, ich habe es versaut. Ich habe es gesehen, in seinen Augen." Schluchzte ich.
Meine beste Freundin redete mir Mut zu und brachte mich zum Lachen, das erste Mal an diesem Tag. Sie erzählte mir von ihrem ‚Stalker', der sie heute begrapscht und geküsst hatte. Ich versicherte ihr, dass ich am nächsten Tag mit ihm reden würde und wir telefonierten noch eine Weile, bis ich hörte, dass die Haustür zufiel und Cole und Ali zu Hause sein mussten.
„Hailee?" rief Ali die Stiegen hoch. Ich tapste leise zum Stiegen Abgang und sah die Treppe runter, an deren Ende Ali stand. „Was ist los?" fragte sie, als sie meine verquollenen Augen und aufgeschwollenen Lippen sah.
Cole warf von der Couch aus einen Blick zu mir hoch. Ein wenig Sorge, aber gleichzeitig auch nachdenklich und irgendwie wütend. „Nichts, alles gut." Lächelte ich und eine Falte bildete sich auf ihrer Stirn.
„Dann wirst du heute nicht mit mir shoppen gehen oder?" fragte Ali und sah mich mitfühlend an. „Doch, klar. Ich kann Ablenkung gebrauchen." Antwortete ich, auch wenn ich keine Lust dazu hatte.
Ali sah mich misstrauisch an und ich bemerkte auch wieder Coles Blick auf mir. „Du musst wirklich nicht mitkommen, wenn du nicht willst. Wir verschieben das einfach, heute ist das Wetter sowieso nicht so schön." Meine kleine Schwester lächelte verstehend und ich schenkte ihr einen Blick, der danke sagte.
„Ich muss wieder los." Meinte Cole da zu meinem Dad und stand von der Couch auf. Auf Dads Frage, wohin er wollte, antwortete er: „Feiern, könnte spät werden. Also wartet nicht auf mich." Er sagte es eher zu mir, da ich ja am Vortag auf ihn gewartet hatte, die halbe Nacht. „Viel Spaß." Meinte Dad und Cole verschwand aus der Tür.
„Willst du mir erzählen, was passiert ist? Ist es Cole? Was hat der Mistkerl getan?" fragte Ali, als sie auf meinem Bett saß. Wieso ging jeder davon aus, dass er es war, der es versaut hatte? Ich schüttelte einfach nur den Kopf und gesellte mich zu ihr.
Alison redete den halben Nachmittag über Zicken in ihrer Schule und die neuen Jungs in ihrer Klasse, dann über die neuen Nagellackfarben, die bald rauskommen würden und am Ende schauten wir noch einen Film.
Ich war die gesamten vier Stunden mit meinem Kopf wo anders gewesen, hatte nur die Hälfte davon gehört, was sie sagte. Zum Abendessen setzten wir uns gemeinsam mit Rachel und Dad an den Tisch.
„Wo ist Cole?" fragte Rachel und sah mich an. Sie wusste nichts von unserem Streit und ich wollte, dass das auch so bleibt, also stoppte ich Dad mit einem Blick, als er ihr gerade erklären wollte, was los war.
„Mit den Jungs." Antwortete ich ein wenig lächelnd. „Kannst du ihn vielleicht anrufen und ihm sagen, dass er nach Hause kommen soll? Ich will, dass wir alle gemeinsam essen." Rachel lächelte. Ich wusste genau, dass sie Ali das mit ihrem Vater sagen wollte, diese wusste es nämlich noch gar nicht.
Ich nickte, stand vom Tisch auf und ging hoch in mein Zimmer, um mein Handy zu holen. Ich wählte mit zittrigen Fingern Coles Nummer und es klingelte.
„Was?" fragte er ins Handy und ich hörte sofort, dass er betrunken war. „Wo bist du?" fragte ich. „Da wo du nicht bist." Kicherte er, definitiv betrunken. „Cole, komm nach Hause. Deine Mum will Ali das mit eurem Dad sagen und sie will, dass ihr alle hier seid." Meinte ich ruhig.
Am anderen Ende hörte man spöttisches Gelächter. „Mein was? Mein Dad? Sowas habe ich nicht, sorry." „Komm nach Hause, Cole. Bitte." Bat ich immer noch ruhig.
„Du bist gerade echt nicht in der Position um mich um etwas zu bitten, Hailee." Sagte er ernst. Ein Stich in meinen Bauch. Er hatte Recht, das war ich nicht. Doch ich machte mir Sorgen, er war betrunken wegen seinem Dad und anscheinend waren seine Freunde nicht bei ihm, sonst hätten sie ihn nicht trinken lassen.
„Du hast Recht. Sag mir nur, wo du bist. Ich hol dich ab." Meine Stimme hörte sich schwacher an als zuvor. Erneut Gelächter auf der anderen Seite.
„Ich bin nicht dein Kind, das du abholen musst, Hailee. Weder dein Kind, noch dein richtiger Bruder, noch dein Freund." Seine Worte trafen genau in mein Herz und ich fing automatisch an zu weinen.
Als Cole meinen Schluchzer hörte, hörte ich ihn tief atmen. „Heulst du?" fragte er ein wenig nüchterner. „Nein!" halb schreien, halb schluchzen. Cole atmete erneut tief ein. „Hey, es tut mir leid. So habe ich das nicht gemeint, ich wollte nur sagen..." begann er, doch ich unterbrach ihn.
„Halt deine beschissene Klappe! Komm nach Hause oder bleib weg, wie du willst. Interessiert mich nicht mehr. Tu was du willst, von mir aus bleib wo der Pfeffer wächst!" meine Wut wurde von einem erneuten Schluchzen überschwemmt und ich sank auf den Boden meines Zimmers. Auf dem anderen Ende der Leitung war es ruhig, bis ich kurz darauf auflegte.
Ich rief schnell zu Rachel nach unten, dass ich Cole nicht erreicht hatte und es mir nicht gut ging, weshalb ich mich hinlegen würde. Dann ging ich ohne Abendessen ins Bett und weinte nur noch. Ali und Dad klopften genau wie Rachel an meine Tür und wollten mir helfen, doch ich ließ keinen von ihnen herein. Coles Worte schwirrten wie ein Fluch in meinem Kopf herum und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
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Call me Babe
Teen FictionHailee (16) und Cole (17). Sie sind Stiefgeschwister, müssen zusammen leben. Sie verstehen sich eine Sekunde und zicken sich in der nächsten an, bis sie sich gegenseitig beinahe hassen. Doch was, wenn etwas Unvorhersehbares passiert und sie herausfi...
