Kapitel 58 - Gefängnisbesuch

1.7K 66 0
                                        

„Heilige Scheiße, Teufel nochmal, was ist denn jetzt passiert?!" Rachels schrille Stimme drang an mein Ohr, naja, immer noch besser, als mein Wecker. Ich öffnete gequält ein Auge und es dauerte eine Sekunde, bis meine Sicht klar war und ich Rachel mitten im Zimmer, mit den Händen in die Hüften gestemmt sehen konnte. Sie legte den Kopf schief, wie wenn sie etwas untersuchen würde.

Cole neben mir grummelte und zog sich die Decke über den Kopf, ich nahm meinen Arm, der immer noch um ihn geschlungen war, weg und setzte mich auf. Auf Coles Rücken war ein roter Abdruck von meiner Wange zu sehen, ich hatte die ganze Nacht so dagelegen.

„Könntet ihr vielleicht ein Schild vor die Tür hängen, das anzeigt, ob ihr gerade zusammen seid oder nicht? Ich kenne mich bei euch nämlich nicht mehr aus!" meinte Rachel und grinste beinahe ein bisschen.

„Was, noch nie Geschwister gesehen, die nebeneinander schlafen?" fragte ich schmunzelnd und gähnte erst mal. Verdammt, so gut hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Rachel runzelte die Stirn, verdrehte die Augen und meinte dann: „Frühstück ist jedenfalls fertig.", bevor sie den Raum verließ.

Sobald sie draußen war, fing Cole an, zu lachen. Anfangs verstand ich nicht, doch dann fiel ich mit ein, wir waren doch wirklich ein Desaster. „Raus aus meinem Bett, Schwesterchen, ich will weiterschlafen." Meinte er scherzhalber und ein Stich versuchte, den Weg zu meiner Brust zu finden, doch ich ließ es nicht zu und lachte, da ich beschlossen hatte, heute gut gelaunt zu sein.

Ich ging ins Bad, nahm eine lange heiße Dusche, putzte meine Zähne und band meine Haare wieder in einen Zopf. Abstand zwischen Cole und mir würde nie funktionieren, das wusste ich. Ich würde ihn wie einen Bruder behandeln, so wie heute Morgen. Und falls sich ein Schmerz breitmachte, würde ich ihn einfach ignorieren.

Ich zog mir ein schwarzes Top und eine schwarze Leggins an, darüber eine graue Weste und dann ging ich in die Küche. Cole saß oberkörperfrei mit Ali, Dad und Rachel am Esstisch und sie frühstückten.

Rachel sagte kein Wort mehr über die Szene die sie zuvor mitbekommen hatte und zeigte uns neue Ultraschallbilder ihres Babys. Es war nun schon fünf Monate alt und das hieß, es würde hoffentlich auf die Welt kommen, wenn ich schonwieder aus London zurück war und nicht, wenn ich gerade dort war.

Wir frühstückten und dann wollte ich eigentlich in mein Zimmer gehen, um schonmal zu planen, was ich für die Hochzeit in zwei Wochen anziehen würde. Ich hatte nämlich nicht wirklich ein Kleid, das für eine Hochzeit passte. Jedoch fing Cole mich vor meiner Tür ab.

Er kratzte sich am Hinterkopf und sah zu Boden, er suchte die Worte. „Also... ich hab mir gedacht... vielleicht..." druckste er. „Raus mit der Sprache" forderte ich lachend. „Würdest du heute mitgehen, wenn ich meinen Vater besuche?" fragte er, er hatte sich meinen Rat also zu Herzen genommen.

Ich nickte ganz einfach. „Sag mir einfach, wann du fahren willst." Lächelte ich dann und als er nickte, verschwand ich in meinem Zimmer. Ich fand ein weißes Kleid mit blauen Streifen, knielang und mit einem geraden Ausschnitt. Das würde ich zur Hochzeit anziehen.

Ich telefonierte noch mit meiner Grandma, ich hatte schon monatelang nichts mehr von ihr gehört. Sie erzählte mir, dass Kyle zu ihr gekommen war und sie nach meinem neuen Wohnort gefragt hatte, sie hatte ihm jedoch nichts verraten und die Tür zugeschlagen, da er mein Ex war und mit Exen der Enkelin sprach man nicht, wie sie sagte.

Wir telefonierten fast zwei Stunden und sie fragte mich, was es mit der Hochzeitseinladung auf sich hatte, da sie schon lange keinen Kontakt mehr zu Dad hatte. Ich erklärte kurz, dass es eine Überraschung werden würde und sie versprach mir, da zu sein.

Als sie mich auf jegliche Jungs in meinem Leben ansprach, erzählte ich ihr von Cole. Nur eben die Kurzform, ohne seine Vergangenheit und der ganzen Streite. Ich erzählte ihr, dass er Rachels Sohn war und wir uns irgendwie verliebt hatten und dass ich ihm immer vertrauen konnte.

Ich erzählte ihr nur die guten Dinge, denn ich wollte nicht, dass sie ein schlechtes Bild von ihm bekam, wenn sie ihn nicht persönlich kannte. Das Gespräch tat mir gut und sie meinte am Ende, dass ich mich wirklich glücklich anhörte, vor allem als ich von Cole sprach.

Ich freute mich sehr, sie bald wiederzusehen, denn seit unserem Umzug vor beinahe acht Monaten hatten Dad und sie nicht mehr gesprochen, weil sie enttäuscht war, dass er nicht Bescheid gesagt hatte, sondern einfach verschwunden war. Und so hatte ich sie seitdem nicht mehr gesehen und nur ein paar Mal mit ihr telefoniert.

Gegen frühen Nachmittag kam Cole und meinte, er würde gerne losfahren, wenn das für mich okay war. Man sah ihm die Nervosität deutlich an und ich wusste, dass es schwer für ihn sein würde, seinem Dad nach drei Jahren wieder unter die Augen zu treten.

Ich zog mich um - eine schwarze Skinny Jeans und ein weißes Shirt, da es mittlerweile ja schon Mai war und dadurch ziemlich warm. Ich öffnete meine Haare und frisierte sie, falls ich Coles Vater traf, wollte ich einen guten Eindruck machen.

„Können wir?" fragte ich, als ich die Treppe runterkam und Cole auf der Couch sitzen sah. „Wo wollt ihr denn hin?" mischte sich da Rachel ein, die mit einem Teller voll Essiggurken vor uns stand. „Zu Dad." Erklärte Cole und sah seine Mutter angespannt an. Diese verschluckte sich beinahe, nickte dann aber. „Gut. Sag ihm schöne Grüße von mir." Meinte sie und verschwand wieder in der Küche.

Die Autofahrt verging leise, Cole hielt das Lenkrad so fest, dass seine Finger schon ganz weiß wurden, er war ziemlich aufgeregt. Also legte ich irgendwann auf halber Strecke meine Hand auf seinen Arm und strich vorsichtig auf und ab, das beruhigte ihn. „Du willst das, oder?" fragte ich, denn ich hatte Angst, er würde es nur tun, damit ich sah, dass er sein Leben nicht wegwerfen wollte.

„Ja, ich hab nur verdammte Angst." Antwortete er ehrlich und ich lächelte. „Das ist dein Vater, Cole. Du kennst ihn, er ist kein Fremder oder so." beruhigte ich ihn. „Danke." Murmelte er und entspannte sich langsam.

Beim Revier angekommen, wurde Cole erneut nervös, was ich aber mehr als verstand. Cole blieb neben dem Auto stehen und starrte das weiße Gebäude an. Ich lachte ein wenig in mich hinein, weil es süß war, wie aufgeregt er war und ging dann auf seine Seite.

Er beachtete mich beinahe gar nicht, ich hakte mich bei seinem linken Arm ein und zog ihn so mit mir in das Gebäude. Die Empfangsdame fragte uns, wen wir besuchen wollten und ich wartete, dass Cole sprach, aber er bleib still. „Ethan Rogers." Sagte ich also, keine Ahnung woher ich eigentlich wusste, wie der echte Name seines Vaters lautete, schließlich hatte er Cole, Ali und Rachel immer einen falschen gesagt.

Die Dame funkte mit ihrem Walkie-Talkie jemanden an und meinte dann, dass er im ersten Raum rechts auf uns warten würde. „Ich warte hier, okay?" sagte ich zu Cole, er sollte Zeit alleine mit seinem Dad haben. Erst sah er mich überfordert an, dann nickte er stumm und ließ meinen Arm los, an dem er sich die ganze Zeit festgekrallt hatte.

Ich setzte mich in den Warteraum, während Cole in das Zimmer ging. Es dauerte fünfzig Minuten, in denen ich die Bilder an der Wand studierte und mir irgendwann einen Kaffee holte, bis Cole wiederkam. Er sah entspannt aus und hatte ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen.

„Wie war's?" fragte ich und stand auf, um ihm zum Auto zu folgen. „Kannst du... also... mich einfach kurz umarmen?" fragte er hilflos und grinste schief. Ich legte meine Arme um seinen Oberkörper und meinen Kopf auf seine Brust, er seine Arme um meinen Hals und zog mich an sich.

Als wir uns wieder lösten, gingen wir zum Auto, während er mir erzählte, wie es gelaufen war. „Er hat sich tausendmal entschuldigt und mir alles erzählt, wie genau er in die Drogenszene gekommen war und wie seine Flucht verlaufen ist. Ich hab ihm von Chris erzählt und dass wir damals mit ihm zusammengearbeitet haben, wofür er mir eine Ohrfeige gegeben hat und meinte, ich sollte aus seinen Fehlern lernen. Dann hab ich ihm von dir erzählt und was du mit Chris getan hast und er meinte, er hätte noch nie so eine mutige Frau getroffen."

Meine Wangen liefen rot an, was mir ein wenig unangenehm war. Ich stieg zu Cole ins Auto und er lachte. „Und er will dich kennenlernen." Ich erstarrte, Coles Vater wollte mich treffen? „Ich denke, das ist... keine gute Idee." Ich rutschte unangenehm auf meinem Sitz herum.

Cole grinste neben mir. So ein Idiot. „Wie du meinst." Antwortete er und startete das Auto.

Call me BabeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt