Kapitel 9

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Langsam öffnete ich die schwere Tür und trat in den Flur. Ich streifte meine Schuhe ab und hing meine Jacke am Holzhaken auf. Leise lief ich weiter und lugte erneut ins Wohnzimmer.
Es war leer. Das Sofa hatte noch eine Druckstelle. Das Leder hat sich noch nicht zurückgebildet. Er muss vor kurzem aufgestanden sein... Mein Papa ist wach.

,,Ach, lässt du dich auch mal blicken."
Ich zuckte augenblicklich zusammen. Meine Augen weiteten sich und meine Pupillen zogen sich zusammen, genauso wie mein Herz.
Zögerlich drehte ich mich um und blickte hoch direkt in das Gesicht meines verhassten Vaters. Seine dunklen Augen sahen verächtlich auf mich hinab. Seine tiefen Falten verdeutlichten seine schlechte Laune.
Ich öffnete leicht meine trockenen Lippen.
,,Entschuldigung, ich hab mich nur heute mit einer Freundin getroffen, um eine Präsentation vorzubereiten."

Lüge. Alles im Raum schrie quasi nach Vergebung.

,,Ach eine Präsentation also? Ist ja seltsam." Er legte gespielt überlegend einen Finger an sein Kinn. ,,Dann ist die Einkaufstüte im Flur wohl zum Fenster reingeflogen."
Meine Nackenhaare stellten sich auf.

Nein, bitte nicht.

,,Lüg. mich. nicht. an.", presste er wütend hervor.
Demütig senkte ich meinen Kopf. ,,Es tut mir leid, Papa. Es kommt nie wieder v-"

Ich konnte meinen Satz nicht einmal zu Ende sprechen, als auch schon mein Kopf gewaltsam zur Seite flog.
,,Das hast du das letzte mal auch schon gesagt!"
Ich legte meine kühle Hand an meine glühende Wange. Er hat mich geschlagen, schon wieder.
Ich fokussierte ein Bild auf der Kommode neben mir, da ich keinesfalls meinen Kopf nach vorne richten wollte.
Mama, Papa, Loren und ich.

,,Du wirst gefälligst zu Hause bleiben und dich um den Haushalt kümmern. Der macht sich auch nicht von allein. Anstatt dein Geld zu verpuffern, könntest du dich auch einmal in deinem Leben nützlich machen." Er schrie mir so laut ins Gesicht, ich hatte schon Angst, jemand draußen würde es hören.
,,Du bist so lästig. Deine Mutter hätte auf mich hören sollen, ein zweites Kind brauchen wir nicht."
Er drehte sich ruckartig um und stieß absichtlich beim Vorbeigehen eine Glasvase um, die lautstark in tausend Teile zersplitterte. Immernoch auf das Bild starrend, hörte ich ihn die Treppe mit schweren Schritten hinauflaufen.

Der Mann hat seinen Arm um die Taille der Frau gelegt und lächelt sie glücklich von der Seite an. Sie war wunderschön. Hellbraune volle Haare und blaue Augen, die nur so vor Gutmütigkeit funkelten.
Ein blondes Mädchen steht zwischen den beiden und grinst frech in die Kamera. Neben der Mutter steht ein noch kleineres ebenfalls blondes Kind und hält einen kleinen rosa Hasen in der Hand.
Ich fuhr sachte mit meinen Fingerkuppen über das Bild, wobei sich eine kleine Staubschicht auf ihnen bildete.

Ich vermisse dich Mama.

Ich zog meine Hand wieder zurück und begab mich zu dem Scherbenhaufen. Ich kniete mich hin und sammelte sie auf. Wie es das Schicksal nun wollte, schnitt ich mich natürlich bei der letzten Scherbe. Schnell warf ich den Rest in den Müll und betrachtete die kleine Wunde an meiner Handinnenseite, aus welcher dunkelrotes Blut rausquillte.
Das Zeichen des Lebens... das Zeichen, dass dein Herz noch schlägt.
Sollte ich nicht froh sein?
Die Gefühle der Trauer, der Ängste, der Einsamkeit... diese Emotionen verdeutlichen mir doch, dass ich noch lebe und nicht wie eine leblose Hülle umherwandle.
Wenn ich es noch etwas durchhhalte, kann ich hier weg und alles bessert sich.
Dieser ganze Schmerz hätte sich gelohnt.

Seufzend erhob ich mich und schaute noch einmal kurz zu dem Foto.

Wieso kann nicht alles so sein, wie früher.

Ich wand meinen Blick ab uns schlenderte die Stufen hoch, vorbei an seinem Zimmer, auf mein Bett.
Ich legte mich seitlich auf meine Decke und schaute die Kette auf meinem Nachttisch an.
Sie war von ihr gewesen. Sie bedeutete mir alles. Sie war das kostbarste auf dieser Welt für mich. Noch viel kostbarer, als dieses ganze Haus, mein Erzeuger und meine Schwester zusammen.
An sehr schlechten Tagen zog ich sie mir an. Ich hatte nur Angst, sie zu verlieren, deswegen trug ich sie selten.

Ich streckte meine Hand aus und nahm das kühle Silber in meine Hand. Der schlichte kleine Anhänger leuchtete, als ich ihn gegen das Mondlicht hielt, welches mein Zimmer schimmern ließ.
Das Dunkelblau fing an zu glitzern, was mich zum lächeln brachte. Ohne zu zögern legte ich mir die Kette um und ließ mich erneut auf die Matratzen fallen.
Nach nicht allzu langer Zeit schlossen sich auch schon meine schweren Lider und ich gelang ins Land der Träume, wohl wissend, dass diese niemals wahr werden können.









Ein weiteres Kapitel meiner Geschichte. Ich hoffe natürlich, ich erreiche euch mit meinem Geschriebenen. Ist für mich zumindest wichtig.
Und falls es einer nicht verstehen haben sollte: beim letzten Kapitel handelt es sich um die Sicht Nicks:)

Liebe Grüße xoxo

BesessenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt