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Leyla

„Sollen wir dich heute begleiten?", meine Mutter setzte sich neben mich auf das Bett, nachdem sie in mein Zimmer kam.
„Wohin?", fragte ich.
Sie strich mit mir ihrer Hand über den Rücken.
„Heute ich die Beerdigung."
„Es ist aber schon zwei Wochen her.", sagte ich und realisierte gleichzeitig, dass ich Anna schon so lange nicht mehr gesehen habe.
„Ihre Mutter bekam es nicht auf die Reihe, ihre Beerdigung früher zu planen.", gab sie zu.
„Ich gehe alleine.", beschloss ich und musste meiner Mutter danach noch versichern, dass ich das schaffe.
„Wenn etwas ist, dann ruf mich an. Ich komme sofort.", bemerkte sie.
„Ist okay.", ich schloss die Tür hinter mir, schlüpfte in einen Hoodie von Anna und ging hinaus. Ich verbrachte den Tag damit sinnlos in der Gegend herumzulaufen. In meiner Tasche befand sich meine Kamera, mit der ich einige hässliche Bilder schoss, von den Enten in dem See zum Beispiel. Es war der erste schöne Tag nach einer halben Ewigkeit. Die Sonne brennte auf meine Klamotten, unter denen mir der Schweiß hinablief. Trotzdem wollte ich den Hoodie nicht ausziehen. Er roch noch so gut nach Anna. Es schien so, als wären meine Gefühle seit ihrem Tod lahmgelegt. Weder weinen noch lachen konnte ich. Ein einzige leere Hülle war ich. Natürlich wünschte ich mir, dass ich wie jeder normale Mensch weinen konnte, doch es ging nicht.
Als es begann abzukühlen, machte ich mich auf den Weg zu der Kirche. Auf dem Weg wurde mir immer klarer, dass ich eigentlich keine Lust habe auf diese Beerdigung, denn: Erstens wollte Anna keine Beerdigung. Zweites sind dort viele Leute falsch. Drittens sehe ich ihre blöde Mutter und meine blöden Klassenkameraden dort...
Statt zu der Beerdigung beschloss ich einige Blöcke weiter zu der Kunstgalerie zu gehen.
Schon fast von alleine ging ich in das Gebäude hinein. Es zog mich magisch an.
Alles stand noch an seinem Platz. Seitdem ich mit Anna dort war, hat sich nichts verändert, nicht mal um einen Millimeter.
„Le Baiser"
Diese Skulptur stand immer noch an seinem Platz. Zu gerne würde ich Anna noch einmal zuhören, wie sie über Kunst redet. Mich faszinierte das Kunstwerk. Ich schien es von einem komplett anderen Blickwinkel zu betrachten. Damals dachte ich, die beiden würden sich küssen, doch in Warheit werden sie gerade erschossen. Ich wünschte die Realität wäre auch in diesem Moment eingefroren, in dem es am schönsten war. Ich wünschte die Zeit wäre stehengeblieben, als ich noch mit Anna in ihrem Auto saß und sie berührte. Warum musste das passieren?
Sie war zwar physisch nicht mehr hier, doch fühlte ich sie manchmal. Ich roch ihren Duft und spürte ihren Arm auf meiner Schulter. Am liebsten hätte ich geschrien und wäre weinend zusammengebrochen, doch stattdessen bewunderte ich diese Skulptur. Ein anderes Gemälde zog nun meine Aufmerksamkeit auf sich. Meine Füße bewegten sich zu diesem Gemälde.
„Die Beständigkeit der Erinnerung", es war Annas Lieblingskunstwerk. Anna stand wie hypnotisiert davor und erzählte etwas über die Zeit. sie behauptete, dass Zeit etwas merkwürdiges war. Ich hatte keinen Plan, wovon sie redete. Zeit ist etwas merkwürdiges. Vor einigen Wochen war Anna noch hier, jetzt ist sie weg. Die Zeit rennt gegen dich. Du bist ihr unterlegen und kannst nicht entkommen.
Ob es eine Realität ohne Zeit gibt? Ob Anna sich dort momentan befindet?
Das sind Fragen, die ich in diesem Leben nicht beantworten kann.
Neben diesem Kunstwerk bemerkte ich ein ähnliches.
„Die Auflösung der Beständigkeit der Erinnerung"
Ich kannte mich nicht gut in dem Bereich der Kunst aus, doch dies wurde zu meinem Lieblingskunstwerk. Es erinnerte mich an Anna, so wie mich fast alles an sie erinnert.
Anna war in dieser Kunstgalerie das schönste Kunstwerk. Sie wird niemals in Vergessenheit geraten und sich nie, niemals auflösen. Es schien alles so unverändert, aber docj komplett anders. Das einzige, das sich verändert hat war meine Sichtweise. Durch diese schienen die Kunstwerke viel bedeutungsvoller und tiefgründiger als je zuvor.

Nachdem ich fertig war mit dem Bestaunen der Kunstwerke, beschloss ich die Treppe hinauf zu gehen. Dort oben erwartete mich eine Überraschung. Noch bevor ich mich in dem kleinen Raum befand, bemerkte ich das rote Licht. Kein Mensch war hier oben. Ich war alleine mit dem allerschönsten Sonnenuntergang aller Zeiten. Über der Stadt strahlte es in allen möglichen Farben. Violett zog sich quer über den ganzen Himmel mit einem roten Schimmer. Die wenigen Wolken nahmen eine rosane Farbe an. Schwer zu glauben, dass dies nicht ein Kunstwerk war, sondern die Realität. Ich ließ mich von dem Licht anstrahlen. Es gab mir Kraft und zauberte mir seit langem ein kleines Lächeln auf die Lippen. So etwas wunderschönes hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es war chaotisch, die Farben verliefen ineinander, und doch so schön.
„Großartige Menschen hinterlassen noch ein wunderschönes Kunstwerk bevor sie die Welt verlassen.", erschrocken drehte ich mich um und sah einen älteren Herr hinter mir stehen.
„Anna verbrachte viel Zeit hier. Sie war so vertieft in die Kunst, wie sonst keiner."
„Dabei bemerkte sie nicht, dass sie eigentlich das schönste Kunstwerk ist.", gab ich traurig zu.
„Tut mir Leid mit deiner Freundin.", der Mann klopfte mir auf die Schulter und verschwand.
Wieder erinnerte ich mich, was Anna damals zu mir sagte: Wenn ein Künster stirbt, darf er den Himmel anmalen.
Romantisch. So schnell wie ich konnte nahm ich meine Kamera heraus und hielt den Moment fest. Ich wollte noch ein Stück mehr von Anna auf dieser Welt behalten.
Ich machte sehr viele Bilder. Zuerst von dem Sonnenuntergang, doch dann auch von der Stadt und dem Graffitti, welches ich die letzten zwei Wochen kreierte.
Es waren wirklich viele Schriftzüge. Die halbe Stadt war mit meinem Graffitti verziert. Die Kunstwerke von Anna waren teilweise immer noch hier.

Die rosarote StadtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt