Kapitel sechzehn

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Nach Luft schnappend setze ich mich in Tims Auto extra auf den Rücksitz, anders werde ich die Autofahrt nicht aushalten. Es dauert auch ewig, bis Lucy mir überhaupt nachgegangen ist, wobei sie mir ein paar kritische Blicke zuwirft. „Ist irgendetwas passiert?", fragt sie auch und strafft ihre Schultern, als würde sie gleich in eine Angriffsposition gehen. „Nein ... es ist alles okay", ich lächele seltsam, sodass meine Lippen sich ganz brennend anfühlen. „Na dann. Du kannst dich übrigens freuen, es könnte sein, dass wir diese Woche noch einen Einsatz schaffen. Da müssen wir noch schauen, wie wir dich auf jeden Fall aus der Schusslinie halten und so weiter", redet Lucy darauf los, wobei ich alle Mühe habe, ihr zuzuhören und das Ganze irgendwie in mein Handy einzutippen. Aber der Weg, mit ihr über meine Reportage, meinen Job zu reden, scheint mir ein besserer, als mit meinen Gedanken zu Tim abzuschweifen. Also gebe ich mein Bestes, provozierende Fragen über Lucys Karriere, ihren Job und sogar ihre Freizeit zu stellen, was sie alles offen beantwortet. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass Lucy sogar weniger wegen der Action Polizistin geworden ist, sondern mehr, weil sie das Reden und das Drama hinter einem Kriminalfall liebt. Ob ich das in meiner Reportage verarbeiten werde, weiß ich noch nicht. Was ich auf jeden Fall nicht verschriftlichen möchte, ist, dass Lucy mir gerade von den Schwierigkeiten erzählt, die sie hat, wenn sie sich in einen ihrer Kollegen verguckt. Natürlich ist der Aspekt, dass sie als einzige Frau in einem Team natürlich umso höhere Wahrscheinlichkeiten hat, sich in einen Kollegen zu verknallen, ziemlich hoch und sicher auch spannend, aber irgendwie bekomme ichdavon nur leichte Bauchschmerzen. Besonders, wo ich weiß, dass sie Gefühle für Tim entwickelt hat. Gefühle, die er nicht erwidert. Weil er womöglich welche für mich hat. Kaum denke ich daran, tanzen wieder die Buchstaben seines Tattoos vor meinem inneren Auge herum. Dass er sich das wirklich gestochen hat. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns nie wiedergesehen hätten. Und trotzdem hat er es getan, einfach nur für sich und nicht für mich. Sofort verkrampft sich wieder alles in meinem Herzen. Besonders, als Tim genau jetzt die Treppe hinunterkommt, seine Sporttasche lässig über die Schulter gehängt und noch feuchte Haare vom Duschen. „... unter uns?", Lucy dreht sich fragend zu mir um, aber mit einem bestimmten und sehr fordernden Blick. „Hm ja, klar", ich frage mich, wozu ich gerade ja gesagt habe. Aber mir die Blöße geben und nachfragen, möchte ich definitiv auch nicht. „Sorry, dass es so lange gedauert hat", Tim setzt sich kraftvoll auf den Fahrersitz und lächelt Lucy halbherzig an, die ihn kritisch mustert. Ob sie das Tattoo kennt? Nein, bestimmt nicht. Ob es irgendeine andere Frau kennt? „Dann erklärst du das den anderen beiden, die warten schon im Nest", Lucy kümmert sich danach nicht weiter darum, sondern beginnt darüber zu reden, was sie von dem Besitzer des Studios herausgefunden hat. Es ist wirklich spannend und zugleich ein wenig gruselig, so nah an einem Mordfall zu sitzen und zu verstehen, dass wir womöglich gerade in dem Fitnesscenter eines Mörders oder mit einer Mörderin waren. Doch egal, wie sehr es mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt, meine Aufmerksamkeit gilt Tims Rücken, auf dessen Vorderseite ich das Tattoo weiß. Mein Tattoo. Als würde Tim meine bohrenden Blicke spüren, schaut er immer wieder in dem Rückspiegel zu mir, blickt mich tief an und nimmt die Blicke erst von mir, als hinter uns ein Auto hupt. Doch selbst als die Gefahr wieder vorüber ist, gleiten Tims stechende Blicke zu mir und drohen mich nicht mehr loszulassen. Als würden seine Augen mich wirklich festhalten können, als könnten mich die Gefühle, die er in den Blick legt, fesseln. Und ich kann nichts dagegen tun, mich nicht wehren, mich dem Ganzen nur ergeben und versuchen, mein rasendes Herz zu beruhigen.

In der Besprechung mit Tims und Lucys Team kostest es mich so viel Kraft, meine Augen auch auf das Whiteboard zu richten und mitzudenken. Zwar wage ich es nicht, einen eigenen Vorschlag zu machen, aber dafür rutscht mir eine Frage heraus: „Entschuldigung, aber wieso sollte die Frau das tun, wenn sie dadurch als Ehebrecherin dasteht? Im Normalfall hat doch jede Frau so viel Selbstachtung, am Ende mit dem besten Ergebnis aus der Sache herauszugehen wie möglich. Wäre es nicht viel realistischer, dass sie zu dieser Aussage gezwungen wird?" Entgeistert, dass ich etwas gesagt habe, starrt mich der Chef des Teams mit seinen alten Adleraugen an. „Sie hat recht", Tim räuspert sich und schaut mich nicht an, als er mich bestätigt. „Und wir hören auf eine Feministin?", herrscht ihn sein Vorgesetzter an, die Hände breit auf dem Tisch abgestützt wie ein Lehrer. „Ja?", fragt jetzt der Mann von heute Morgen, der sich mir mit einem spanischen Namen vorgestellt hat, den ich mir nicht merken konnte, weil ich Tim angestarrt habe. „Jetzt mach mal halblang, sie schreibt für eine Frauenzeitschrift. Und zwar eine seriöse mit Stärke, nicht mit Klatsch. Und wenn es dir nicht aufgefallen sein sollte, ist sie alles andere als eine Frau, bei der du wenigstens einen Grund hättest, herumzuschreien. Außerdem ist Feminismus nichts Schlechtes, sondern Notwendiges. Ich bin auch Feminist", Tim richtet sich auf und lehnt sich nach vorne, um seinen Chef direkt anzustarren. Die anderen beiden des Teams tun es mir gleich und schauen nur nervös zwischen Tim und dem Alten hin und her, bis der Alte mich ins Visier nimmt. Fest gucke ich zurück und weise seinen anklagenden Blick von mir, ohne nur den Anflug von Einschüchterung oder Respekt zu zeigen. Es funktioniert und sorgt dafür, dass er sich abwendet und knurrend etwas an die Tafel schreibt. Und plötzlich beginne ich auch etwas auf meinen Block zu kritzlen. Die Grundidee für meine Reportage ist geschaffen: Nicht etwa die Herausforderung, einem Mörder gegenüber zu stehen oder undercover ermitteln zu müssen, sondern sich mit einem sexistischen Chef herumzuschlagen, weil man einen vermeintlichen „Männerjob" erledigt. Mir ist klar, dass mein erster Beitrag in dem Magazin ziemlich polarisieren wird und sich sicher auch Leserinnen melden werden, die das Ganze als zu pauschal und anschuldigend empfinden werden, aber genau das muss ich vermutlich auch erreichen. Als Lucy fragend zu mir herübersieht, was ich so eilig aufschreibe, recke ich kurz den Daumen in die Luft. Sichtlich entspannt lehnt sie sich zurück und schildert noch einmal die Situation, die sie heute Morgen erlebt hat. Einzig alleine Tim scheint vom Team auch nicht bei der Sache zu sein, sondern immer wieder richtet sich seine Aufmerksamkeit auf mich. Immer, wenn meine Mine über das Papier kratzt, schaut er unauffällig zu mir herüber und durchleuchtet mich mit seinen Blicken, bei denen mir wirklich heiß wird. Und je später es wird, desto hungriger werden seine Blicke. Dadurch macht es mir das Schreiben immer schwerer, als Tim so intensiv zu mir sieht und mich anschaut, sogar ohne wirklich blinzeln zu müssen. Es ist, als würde nur ich für ihn existieren und er müsste herausfinden, was ich denke. Aber den Gefallen, ihm das mitzuteilen, mache ich nicht. Stattdessen fliegt meine Hand nur noch schneller über das Blatt und verflüssigt die Worte, die sich in meinem Kopf immer schneller aneinanderreihen. Die Blicke von meinem Exfreund spüre ich trotzdem auf mir, egal, wie sehr ich ihn ausblenden möchte. Aber ich kann nicht. Weder kann ich seine Musterung abschütteln noch die Spannung, die sich allmählich anbahnt. Je dunkler es draußen wird und desto länger wir hier in diesem kleinen Besprechungsraum sitzen, desto mehr schnürt es den Fragen, die zwischen uns hängen, die Luft ab. Diese Elektrizität, die sich zwischen unseren Blicken anbahnt, ist so heftig, dass irgendwann auch mein Sitznachbar zwischen uns hin und her sieht, bis er grinst. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass eine Frau wie du auf jemanden wie ihn steht", raunt er mir leise zu, sodass nur Tim sieht, dass sich die Lippen seines Kollegen dicht an meinem Ohr befinden. Fragend sieht Tim herüber, was mich frech grinsen lässt. Dann drehe ich mich zu meinem Gesprächspartner um und musterte seine Gesichtszüge, die mich studieren. „Jemanden wie ihn?", wiederhole ich leise, darauf bedacht, nicht den Kerl zu stören, der vorne aggressiv an der Tafel schreibt und einen Monolog hält, dem nur Lucy zuhört. „Außerdem stehe ich nicht auf ihn", murmele ich und senke den Blick schnell wieder auf meine Notizen. „Nicht?", hakt mein Nachbar mit einem starken spanischen Akzent nach, der ihn sofort noch sympathischer klingen lässt. „Er ist mein Ex", seufze ich und merke, wie er beginnt mich anzustarren. Shit, ich hatte vergessen, dass Tim es bewusst den anderen nicht gesagt hatte. „Was?", zische ich, aber die braunen Augen meines Sitznachbarn werden immer größer. Aber eine Antwort bekomme ich nicht mehr. Skeptisch schaue ich zu Tim hinüber, der uns schon beobachtet. Jetzt haben wir wohl beide noch eine Frage mehr.

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