„Dir übrigens schöne Flitterwochen", verabschiedet sich Sid von mir, als der dunkle Opel von Maik und Luna vor der Treppe hält. Ein paar meiner Kolleginnen drängen sich unsanft an uns vorbei, einzig allein eine ist so nett, sich nicht in der kleinen Lücke zwischen Sid und mir hindurchzuschieben, aber vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Kaffee nicht auf den weißen Mantel kleckern soll, wer weiß das schon. „Sehr lustig, wir fahren nur zu Lunas und Maiks Eltern", schüttele ich den Kopf und schaue meinen Kumpel vorwurfsvoll an, doch Sid lacht nur, stopft sich die Hände in die Hosentaschen und schaut zum Auto. „Trotzdem hast du bestimmt ein Zimmer mit deinem Tim für dich", grinst er mich zweideutig an, ich seufze und zurre den Träger meiner Tasche fester. „Und selbst wenn, kümmere dich lieber um deine Freundin, du Scherzkeks. Wartet sie nicht schon auf ihr Eis, weil sie gerade so einen Heißhunger hat?", ich klimpere mit den Wimpern und erreiche sofort, was ich wollte: Sid lacht auch, auch wenn ein wenig verlegen. „Schon verstanden. Na gut, also dann -", deutet er an, ich nicke. „Bis Montag! Und wenn was ist, melde dich!", und schon eile ich die rutschigen Treppenstufen hinunter, ohne mich überhaupt erst an diesem Geländer festzuhalten. Kaum habe ich den sicheren Asphalt unter den Füßen, beeile ich mich noch mehr, ins warme Innere des Wagens zu kommen und öffne die hintere Tür. „He, habt ihr meine Tasche auch wirklich eingeladen heute Morgen?", prüfe ich meine beste Freundin und ihren Freund, die beide vorne über irgendetwas lachen. „Jap, natürlich, wir sind nicht so doof", beginnt Luna, Maik dreht sich lachend zu mir: „... wie du aussiehst." „Lustig", brumme ich und rutsche auf den Platz hinter Luna, dann stelle ich meine Arbeitstasche auf den Mittelsitz und knalle die Tür zu, sodass Maik schimpft, dass ich vorsichtiger mit seinem geliebten Auto umgehen solle. Ich hoffe einfach für die beiden, dass sie mein Gepäck wirklich dabeihaben. Dann wäre nur die Frage, ob ich gestern Spätabend wirklich alles eingepackt habe, was ich am Wochenende brauchen werde. Grummelnd schnalle ich mich an, als Maik bereits wieder auf das Gaspedal tritt und von der Haltestelle rast. „Haben wir es so eilig?", frage ich ihn extra, Luna lacht sofort los, dass ich mich traue, Maik indirekt zu kritisieren. „Jap", antwortet unser Fahrer nur knapp, wobei er plötzlich eine scharfe Rechtskurve fährt und es mir hart den Gurt in die Schultern drückt. „Maik, pass bitte auf!" Ich merke Luna an, dass sie sich auch langsam Gedanken um ihn macht. Dann versucht sie sich zu mir umzudrehen, was bei Maiks hoher Geschwindigkeit gar nicht so einfach ist: „Er hatte heute einen miesen Tag und dass wir jetzt zu unseren Eltern fahren, macht es nicht besser. Also schon, wir freuen uns, aber ..." „Nicht auf die Verwandten, ich weiß", ich nicke und verziehe meinen Mund zu einer mitleidigen Schnute an meine beste Freundin gerichtet. „Und warum war der Tag so beschissen?", hake ich vorsichtig nach, sofort tritt Maik hart auf das Pedal, sodass wir nach vorne fliegen. „Rote Ampel", erklärt Maik knapp und schaut verbissen nach vorne, Luna lächelt minimal. „Ich hab ihn mit dieser Kylie erwischt und dann haben wir gestritten", murmelt sie leise. Was?! „Was?! Erwischt, Maik?", sofort werde ich panisch, um meinen Willen und vor allem um Lunas. Wenn sie die beiden wirklich erwischt hat, dann verstehe ich sie kein bisschen! Wer fährt dann mit demjenigen zu seinen Eltern?! Oder dramatisiere ich das? Übertrage ich Tims damaliges Handeln sofort auf seinen besten Freund? „Ich hab doch gar nichts gemacht, die Frau hat sich einfach auf meinen Schoß setzen wollen. Ich hab sie an der Hüfte gepackt, ja, um sie so wieder von mir runterzuschieben. Und genau da kam Luna in die Büroräume", knurrt Maik angespannt. „Glaubst du ihm?", fragt Luna mich und runzelt die Stirn, ich seufze. „Tatsächlich schon. Weißt du, sein Verstand ist nicht so groß, sich so etwas auszudenken", grinse ich kurz zu Maik hinüber, der erst dankbar schaut und mich dann spaßeshalber böse im Rückspiegel anblickt; die Erleichterung kann ich trotzdem in seinem Blick lesen. „Gut, ich nämlich auch. Ich fand es trotzdem doof", Luna schaut mich trotzig mit ihren grauen Augen an, in denen keine Spur von Verletzung ist, nur ein wenig Eingeschnapptheit, zu erkennen ist. „Verstehe ich", aufmunternd schmunzele ich sie an und blicke nochmal verstohlen zu Maik. Verdammt. Ich bin so dämlich, dass ich auch ihm gleich misstraut habe in der ersten Sekunde! Er könnte Luna nie, nie so etwas antun. Und ich habe immer noch nicht losgelassen. Das muss ich aber dringend, verdammt nochmal. Ich muss Tim dieses Wochenende Vertrauen entgegenbringen, ihm und seinem Umfeld. Es kann nicht sein, dass ich instinktiv immer noch an so etwas festhalte, denn dann wird unsere Beziehung nicht funktionieren. „Und warum habt ihr dann immer noch einen Streit? Ich vermisse schon fast euer kindisches Herumalbern", löse ich mich von meinen Gedanken und konzentriere mich wieder auf meine besten Freunde, die immer wieder zueinander schauen, Luna dann aber rechts auf dem Fenster schaut und Maik sich auf die Straße fokussiert. „Ich hab einfach noch das Bild im Kopf", grummelt Luna und starrt mich im Außenspiegel an, ich erwidere den Blick mitfühlend. Natürlich ist es eine äußerst dumme Situation, zumal Luna und Maik wirklich damals schon die Allerersten füreinander waren, beide haben niemals jemand anderen komisch berührt und geküsst erst recht nicht. Und die Tatsache, dass Maik jetzt – wenn auch ungewollt – einen Körperkontakt zu einer anderen Frau hatte, zumal sie scheinbar wirklich scharf auf ihn ist, ist entkräftend. „Lu, aber ich kann doch nichts dafür", verteidigt der arme Maik sich auch und reißt das Lenkrad herum, sodass wir knapp um die Hausecke des bekannten orangenen Hauses fahren, dahinter liegt das Präsidium mit den Ermittlungsräumen darüber. Die erste Person, die mir auffällt, ist natürlich Lucy. Und sie redet natürlich mit Tim, nicht etwa mit Miguel oder ihrem Vorgesetzten. Schweigend betrachte ich meinen Freund, wie er Lucy anlächelt und etwas erwidert, woraufhin sie lacht und ihn kurz umarmt. „Wenn du meinst", grummelt Luna und wackelt auf ihrem Sitz umher, sodass meine Füße, die ich in ihre Lehne gestemmt habe, mitwackeln. „Ja, Emma, kannst du mir nicht helfen? Würdet ihr nicht beide einen Typen, der euch bedrängt, auch an der Brust wegdrücken? Das sind halt einfach solche Stellen, die komisch auf Außenstehende wirken", Maik schaut mich auffordernd an, als könnte ich Luna umstimmen. Aber meine beste Freundin dreht sich ebenfalls zu mir und zieht die Augenbrauen hoch. „Leute, ich verstehe euch beide. Aber ich mische mich da nicht ein, es reicht schon, dass das einmal passiert ist", ich schüttele den Kopf und – meine Tür wird aufgemacht. Kalte Luft zieht direkt hinein und lässt mich unter meiner Jacke frösteln. „Hey", Tim räuspert sich. Mit einem Ziehen in der Brust drehe ich mich zu meinem Freund, der mich mit seinen stark durchbluteten Wangen und den funkelnden Augen angrinst. Hm. Immerhin hat er kein schlechtes Gewissen wegen Lucy oder wirkt unsicher, dass ich es gesehen habe. Also passt alles. Und ich bin schon wieder misstrauisch gewesen! Verdammt, was ist bloß mit mir los? „Hey", murmele ich und will mich wieder zu den anderen drehen, als ich Tims eiskalte Hände an der Hüfte spüre. „Bist du wahnsinnig?!", aus Reflex werde ich lauter und rutsche so gut es geht zu Seite, obwohl ich noch angeschnallt bin. „Nö. Ich wollte nur, dass du rutschst", grinst Tim unschuldig und beugt sich über meine Beine, um auf den Schnapper meines Gurtes zu drücken. Mit einem leisen Klackern löst sich mein Gurt und schnalzt zurück, sodass Tim den Verschluss aus der Luft greifen kann, als er lässig ins Auto rutscht. „Hey", protestiere ich, als Tim mit seinen Oberschenkeln gegen meine kommt und sich auf den Platz quetscht, auf dem ich bis eben saß. „Hm?", schmunzelt er mich scheinheilig an, während ich unbequem auf dem Mittelsitz klemme. „Na warte, das nächste Mal schubse ich dich auch von deinem Platz", drohe ich ihm halblaut und boxe ihn hart gegen den Oberarm, ehe ich über die Mittelkonsole klettere und auf den Platz hinter dem Fahrersitz steige. „Faszinierend, ihr seid fast so schlimm wie Maik und ich. Damals. Als wir noch zusammen waren", Lunas Stimme klingt ausdruckslos, als sie ihren Kopf aus dem Fenster drehen will, aber Maik greift sofort in ihre Haare, um sie sanft wieder zu sich zu drehen. Dadurch, dass ich direkt hinter ihm sitze, habe ich eigentlich noch eine viel bessere Sicht auf das Geschehen. „Was hast du gerade gesagt? Waren?", panisch schaut Maik sie an, seine Hand zittert schon fast. Besorgt schaut Tim zu mir rüber, ich schüttele den Kopf unmerklich, was heißen soll, dass ich es ihm später erklären werde. „Ja", Lunas Lippen beben, ihre Nase zuckt, als sie Maik so ernst ansieht, doch ich merke, dass etwas nicht stimmt. Eine Sekunde später lacht sie los und versucht noch das Kichern zu unterdrücken, indem sie sich auf die Lippen beißt, aber sie hat keine Chance mehr. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen. Und du hast es verdient", bringt sie gerade noch hervor, ehe es ganz um meine beste Freundin geschehen ist und sie sich den Bauch halten muss. „Hast du", bestätige ich und lache auch, Maik schaut noch eine Weile erleichtert, bis er auch lachen kann. „Also ist alles wieder gut?", fragt er sanft und blinzelt seine Verlobte an, Luna nickt: „Jap, aber ich musste dich einfach kurz bestrafen." „Ihr habt ja recht, ich habe es verdient", brummt Maik und schüttelt den Kopf. „Hallo? Worum geht es eigentlich?", Tim schaut verwirrt und runzelt die Stirn, aber wir anderen schweigen nur, beziehungsweise lacht Luna immer noch. „Nichts nichts", kichert Luna und vergräbt ihren Kopf in ihrer Kapuze. „Tja ...", grinse ich Tim frech an und zucke bedeutungsvoll mit den Schultern. „Na dann, alle bereit für das schlimmste Familientreffen aller Zeiten?", Maik tritt einfach schon auf das Gaspedal, ehe wir ihm geantwortet haben. „Ja, aber habt ihr eigentlich an meine Tasche gedacht?", fragt Tim. Sofort lachen Maik, Luna und ich wieder los – dabei ist es eigentlich gar nicht so lustig, dass ich das eben schon gefragt habe.
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Hey
Roman d'amourTiefe, intensive, brennende Blicke bis in die Seele. Die hat Emma damals hinter sich gelassen - doch sie kehrt nach elf Jahren zurück. Wie das Schicksal es will, gibt es keinen anderen Ausweg, als in die WG ihres Exfreundes Tim, ihrer Ex-BFF Luna u...
