Oh. mein. Gott. So lange hab ich noch nie geschlafen. Verwirrt starre ich auf die acht auf meinem Wecker. Wie konnte das denn passieren?! Sofort rappele ich mich auf und tappe zum Fenster, um den Rollladen hochzuziehen. Draußen scheint schon die Sonne und taucht die Bäume in ein herbstliches Licht. Oh man. In meinem Kopf tauchen langsam, ein wenig wie mit Nebel überzogen, die Bilder von gestern Abend und gestern Nacht auf. Ich habe Tim am Grab seiner Eltern getroffen. Ich habe ihn umarmt. Wir waren zusammen essen. Wir haben die heiße weiße Schokolade getrunken. Wir haben viel geredet. Wir sind gemeinsam heimgekommen. Schockiert starre ich aus dem Fenster und beobachte noch kurz das Eichhörnchen, das den Baum gegenüber hochklettert und in den kahlen Baumkronen verschwindet, bis ich seinen Puschelschwanz nicht mehr sehen kann. Dann sammele ich mich und suche so schnell wie möglich meine Klamotten zusammen, die ich überall am Boden verstreut habe, als ich gestern noch ein angemessenes Outfit gesucht habe. Umso erleichterter bin ich, dass ich jetzt wieder meinen schwarzen Hoodie überziehen kann und schlüpfe in meine zerrissene schwarze Jeans, bevor ich mein Handy in die Hosentasche stecke und mich auf den Weg zur Küche mache. Hoffentlich sind wenigstens die anderen noch nicht wach, schließlich habe ich irgendwie meinen Frühaufsteher-Titel zu verteidigen. Doch ich habe wie immer Pech: Luna sitzt ebenfalls in einem hellgrünen Hoodie am Tisch und löffelt die Reste aus dem Nutellaglas, während Maik eine Kunst daraus macht, den beiden Orangensaft einzuschenken. „Morgen", ich stecke meine linke Hand in die freie hintere Hosentasche, während ich an den Tisch trete. „Morgen!", Luna grinst mich an, wobei ich deutlich die Schokocreme zwischen ihren Zähnen und auf den Lippen sehen kann. „Guten Morgen, ihr zwei", Maik gähnt und hebt die Hand wie zum Gruß, weshalb ich mich umdrehe. Direkt hinter mir steht Tim in einem typischen weißen Sweatshirt und lehnt sich mit der Schulter in den Türrahmen. Als er bemerkt, dass ich ihn gemustert habe, lächelt er und schaut mich direkt an. „Wo wart ihr dann gestern noch essen?", Luna lenkt mich zum Glück ab, sodass ich mich auf meinen Platz setzen kann und meine Beine anwinkele. „McDonald's. War total wenig los", seufze ich. Hauptsache, ich verhalte mich jetzt lässig wie immer. Bloß nicht zeigen, dass ich heimlich verwirrt bin. „Ja, es war sehr schön", Tim nimmt sich einen seiner Joghurts aus dem Kühlschrank, dann setzt er sich mir gegenüber. „Oh la la", Maik lacht und hebt sein gefülltes Glas, als würde er prosten wollen. Habe ich schon mal erwähnt, dass es auch Momente gibt, in denen ich Maik am liebsten erwürgen würde? „Äh ... wir waren aber auch ewig schwimmen", Luna lächelt mich an, was ich dankbar erwidere. Diese Ablenkung kommt mir gerade recht, wenn die Alternative gewesen wäre, eiskalt klarzustellen, dass zwischen Tim und mir niemals wieder etwas laufen kann. „Wo denn?", Tim geht auch darauf ein und zieht dazu noch den Deckel seines Joghurts ab, was schon fast sehr nebensächlich wirkt. Allgemein irritieren mich die Blicke, die Maik und Tim sich zuwerfen. Es ist eindeutig, dass die beiden etwas „bereden", was uns Frauen nichts angeht. Womöglich ist es über uns, auch wenn ich nicht genau wüsste, was es da so Dringendes geben kann. „In dem neuen Hallenbad, das vor drei Wochen aufgemacht hat. Die haben sogar eine richtig wilde Rutsche eingebaut. Schwarzes Level", Luna grinst sofort. Okay, sie ist gerutscht und das sicher nicht selten. „Ja, die war echt der Hammer. Oh, und wisst ihr was auch richtig geil war? Die Wellen. Nicht solche langweiligen und schlecht gemachten, die waren täuschend echt. Luna ist sogar umgefallen", Maik lacht und erntet einen Tritt von Luna, die ihm die Zunge herausstreckt. „Aber ich habe Maik mitgerissen. Er war nämlich zu schwach, mich festzuhalten", sie grinst frech, was meinem Grinsen sogar ähneln muss. „Schwach?!", Maik tritt Luna zurück, sodass der Tisch zu wackeln beginnt. Die Gläser und das Besteck klirren verdächtig, als Luna aufkreischt und herumhampelt, sodass alles noch wackeliger aussieht. „Das ist normal", Tim grinst mich über die beiden hinweg an. Ich nicke übertrieben und beiße mir auf die Zunge. Die Tatsache, dass Tim mich den ganzen Morgen lang angrinst und anlächelt genau wie Maiks blöde Sprüche, machen mich verrückt. Umso gelegener kommt es mir, als Tims Handy auf einmal klingelt. Mein Exfreund hält sich sein Smartphone selbstverständlich ans Ohr, lauscht einer aufgeregten weiblichen Stimme und erhebt sich dann, nachdem er gesagt hat, dass er „so schnell er kann" da sein würde. Kurz macht sich etwas in meiner Brust breit, das ich nicht kenne. Denn irgendwie sticht da etwas in meinem Herzen, von dem ich nicht mal mehr wusste, dass es noch da ist. Mit gesenktem Blick starre ich auf den Tisch vor mir und fahre die Fugen nach, während Tim seinen Stuhl zurückrückt und sein Zeug abräumt. „Oh man, was ist es diesmal?", Maik isst seelenruhig weiter und Luna wirft mir einen fragenden Blick zu, den ich absichtlich ignoriere. „Mord wie es aussieht. Und lasst mir etwas vom Mittagessen übrig, Leute", Tim klopft seinem besten Freund auf die Schulter und eilt dann aus der Küche. Ich bin so dämlich. Wie konnte ich nur vergessen, dass er bei der Kripo ist und meinte, dass er eigentlich immer im Einsatz ist?! „Hm? Was schaust du so, Emma?", Luna hat es natürlich registriert, dass ich das in den falschen Hals bekommen habe. „Ach, nichts", ich lüge sie nicht direkt an. Finde ich. „Oha, ich bin ja der Meinung, dass du dachtest, er würde zu seiner Geliebten fahren. Keine Sorge, das dachte Luna auch schon mal, weil die Kleine dort total auf ihn steht", Maik grinst mich an, was ich nicht erwidern kann. Entgeistert starre ich ihn an, mein Wasser, an dem ich genippt habe, bleibt mir im Hals stecken, sodass ich erst einmal husten muss. „Geliebte? Kleine?", hustend haue ich mir auf den Brustkorb. „Das dachte ich außerdem nicht. Und selbst wenn, wäre es mir egal", schiebe ich hinterher und kneife die Augen zusammen. Ich werde mich selber und die beiden gleicht mit überzeugen. „Hat er eh nicht. Als könnte Tim eine Affäre haben, seitdem du wieder da bist", Maiks Worte lassen mich gleich nochmal husten. „Alles gut?", Luna füllt mein Wasserglas besorgt auf und klopft mir ausgerechnet mit der rechten Hand, an der sie unser Band trägt, auf den Rücken. „Oh, ich wollte dich nicht provozieren oder so", Maik schaut entschuldigend. Etwas verwirrt nicke ich und muss aber trotzdem aussehen, als hätte ich es nicht kapiert. „Aber ich dachte halt, weil du gestern für ihn da warst und so ... Abgesehen davon hat er echt ewig keine Frau mehr gehabt", Maik grinst weiterhin, fast ein wenig stolz auf Tim. Verstört werfe ich Luna einen seitlichen Blick zu, bei dem sie auch nur komisch schaut. „Schön?", ich muss mich beherrschen, nicht zu seufzen oder die Augen zu verdrehen. Das Liebesleben von Tim sollte mir echt egal sein. Es stört mich nicht, dass die Barbie im Supermarkt ihn mit Blicken ausgezogen hat, dass die Kassiererin ihn angeflirtet hat und auch, dass seine „kleine" Kollegin scheinbar etwas von ihm will, ist seine Sache. Mir ist das echt egal. „Ja, finde ich auch. Dabei seid ihr langsam in einem Alter, wo ... aua!", Maik verzieht das Gesicht, als Luna ihm scheinbar auf den Arm gehauen hat. Ihr Blick ist vorwurfsvoll und zurechtweisend, was ich gar nicht von ihre kenne. „In einem Alter?", wende ich mich an Maik, der ertappt schaut. „Äh, na ja, wie soll ich sagen? Mit siebenundzwanzig suchen halt sehr viele die Liebe des Lebens, mit der sie Kinder kriegen und die sie heiraten und so", murmelt er und Luna schaut mich entschuldigend an. Aber irgendwie macht es mir nicht wirklich etwas aus. Es ist einfach eine Tatsache. Und stört mich wirklich nicht, zumal ich eh nicht vorhabe zu heiraten. Und die Kinderplanung steht auch ganz hinten, wenn es überhaupt eine gibt. Eigentlich nicht. Ich war nie wirklich ein Fan von Kindern, erst recht nicht von wütenden, kreischenden und weinenden Kindergartenkindern, die alles vollsabbern und an einem ziehen. „Das muss ja jetzt nichts heißen", Luna schaut sofort sanft mit ihren grauen Augen, die ohnehin schon eine Wärme und Fürsorglichkeit ausstrahlen. „Ach, und selbst wenn. Ich hab es eh nicht so eilig", betont gleichgültig zucke ich mit den Schultern und schaue mich lieber in der Küche um, um eine bunte Uhr zu entdecken, die mir noch gar nicht aufgefallen ist. Gerade, als ich versuche, die römischen Zahlen zu entziffern, antwortet Maik mir wieder: „Klar. Aber vielleicht ein paar Frauen mit Tim." Sofort merke ich, wie mein Bauch ein wenig drückt. „Na und? Emma und Tim sind beide sehr attraktive Singles", Luna wirft Maik einen weiteren ausdrucksstarken Blick zu, dann grinst sie mich an. Matt grinse ich zurück, auch wenn ich innerlich die letzten Tage reveu passieren lasse: Er wurde wirklich oft angeflirtet. Und wenn ich objektiv an die Sache herangehe, sieht Tim wirklich nicht schlecht aus. Im Gegenteil. Nur geht es natürlich um den Charakter und die Taten, die ein Mensch begeht. Und die eine Tat sitzt immer noch.
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Hey
RomanceTiefe, intensive, brennende Blicke bis in die Seele. Die hat Emma damals hinter sich gelassen - doch sie kehrt nach elf Jahren zurück. Wie das Schicksal es will, gibt es keinen anderen Ausweg, als in die WG ihres Exfreundes Tim, ihrer Ex-BFF Luna u...
