Kapitel sechsunddreißig

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„Em? Hey, machst du mal die Tür auf?", Tims Stimme klingt rau und sanft zugleich, als er wieder gegen die Tür klopft. „Nein", erstickt höre ich mich antworten und hole Luft. „Bitte, lass mich rein. Sonst ... muss ich das Schloss aufschießen, ich habe meine Waffe heute zufällig noch dabei", ich höre die Unsicherheit in Tims Stimme, ob der Spruch noch in Ordnung war oder ob es mir zu schlecht geht. Eigentlich geht es mir dafür zu mies, aber trotzdem lächelt mein Spiegelbild melancholisch. „Em, bitte", Tim schlägt wieder mit der flachen Hand dagegen und ich höre dumpf, wie er seine Stirn gegen die Holztür legt. Zögerlich bewege ich meine Hände in Richtung des Schlosses, bis ich wirklich den kleinen Knauf herumdrehe, sodass das Schloss lautstark aufspringt. Sofort drückt Tim die Klinke hinunter und öffnet die Tür. Besorgt schaut er mich an und schiebt sich durch den kleinen Spalt, bis er gerade so hindurchpasst, dann sperrt er hinter sich ab. „Eng hier", murmelt er und nickt auf die Toilette, die jetzt in meinen Kniekehlen endet, weil hier zu zweit wirklich gerade so viel Platz ist, dass Tims Hüfte schon das Waschbecken berührt. „Hm", mache ich nur und glaube, dass meine Mundwinkel zucken. „Okay, so schlimm also? Was ist los, Em? Du kannst mit mir über alles reden", vorsichtig greift Tim nach meinen Händen, aber ich entziehe sie ihm reflexartig. „Em, wir sind zusammen, wir sind ein Team. Du kannst mir alles, aber auch alles sagen. Ich weiß, dass es dir schwer fällt, aber ... ich merke doch seit Wochen, dass dich etwas belastet. Es war für mich okay, dass du nicht reden wolltest, weil es dir gut ging, aber jetzt geht es dir nicht mehr gut und ab jetzt bin ich gezwungen, solange nachzuhaken, bis es dir besser geht", bei Tims Worten tut mein Herz nicht mehr ganz so weh. Er ist so unfassbar. Einfach nur eine unfassbare gute Medizin. Ich muss schon fast lächeln, als er mich sanft an der Hüfte auf den Toilettendeckel verfrachtet, während er sich vor mich kniet. Sein Blick, wie er mich von unten so tief anblickt und der Ozean in seinen Augen tobt, als würde er mich mitreißen wollen, ist einfach nur erdrückend und entwaffnend. Fast bin ich dazu gewillt, ihm alles zu sagen, mich einfach an den Schultern meines Freundes auszuweinen, aber hier und so kann ich das nicht. „Hey, es ist okay, lass es raus", Tim streift über meine Knie und legt vorsichtig seine großen Handflächen auf meinen Oberschenkeln ab, um sich etwas abzustützen. Ansonsten bleibt er still, kniet einfach nur vor mir und schaut mich warm an, was mich zur Ruhe kommen lässt. Dieser panische, hastige Atem wird immer weniger; langsam schaffe ich es, wieder richtig zu atmen. Kaum tue ich einen normalen Atemzug, lächelt Tim erleichtert und drückt kurz meine Beine. „Em, was ist los? Lass mich an deinem Leben teilhaben, ich ...", er bricht den Satz ab und schüttelt den Kopf. Ich ahne, was er sagen wollte. Ich hab es doch auch getan. Ich habe mich dir von Anfang an geöffnet. Dass er sich mir immer geöffnet hat, immer, lange, bevor wir zusammenkamen. Natürlich weiß ich das, natürlich kann ich mich an jeden Moment erinnern und fühle ihn jetzt wieder, genau in der Situation – wie den Moment am Grab seiner Eltern, als ich seine Narben berührt habe, als er angeschossen nach Hause kam, als ich an seinem Bett war, als ich ihn geduscht habe, als wir bei dem Oles waren. „Ich weiß", nuschele ich deshalb auch und kneife die Augen zusammen. „Aber?", Tims Hand wandert von meinem Bein in mein Haar und sanft über meine Wange, was mich überraschenderweise nicht aggressiv macht. Stattdessen öffne ich wieder schwer die Augen und blicke Tim fertig an. „Ich kann jetzt einfach nicht, es tut mir leid", flüstere ich und merke, wie schwer meine Lippen sich überhaupt erst bewegen lassen. Tim schweigt und verharrt mit seinen Händen an mir. „Ich will jetzt nicht wieder zu weinen anfangen. Es war schlimm genug, dass ich es eben nicht unter Kontrolle hatte", murmele ich und lasse den Kopf kraftlos hängen, aber Tim richtet sich so unter mir auf, dass ich gezwungen bin, dass wir beide unseren Kopf heben. Fragend blinzele ich ihn an, diesen Mann, der allen Ernstes vor mir kniet und mich anfleht, ihm von meinen Problemen zu erzählen. Verdammt. Womit habe ich ihn verdient? „Das ist doch nicht schlimm, Em", Tim schmunzelt hilflos und wischt mir mit dem Ärmel seines Langarmshirts eine Träne weg. Noch eine Weile bleibt das raue Gefühl seines dünnen Shirts an meiner Haut haften. „Doch, es ist mir unangenehm. Ich bin erwachsen und wirke nach außen hin eigentlich so kalt und dann sitze ich mit Leuten an einem Tisch, die ich elf Jahre nicht gesehen habe, und breche in Tränen aus", meine Stimme klingt langsam wieder normal. Meine Trauer über meine Mutter mischt sich mit der Wut auf mich selbst, dass ich mich nicht unter Kontrolle hatte. „Hey, Moment. Zum einen kannst du stark sein und weinen und zum anderen ... wir können immer noch etwas anderes behaupten", Tim schmunzelt mich an und streicht mir das Haar hinter das Ohr, um andere rote Strähnen komplett zu verwuscheln und Chaos zu verbreiten. „Ach ja? Und was?", brumme ich und schaue ihn missmutig an, Tim grinst. „Ich weiß nicht, ob dir die Idee gefällt und was für dich schlimmer ist", grinst er mich liebevoll an und schnappt sich meinen Hoodiesaum, um daran zu ziehen und mein Oberteil durchzuschütteln. „Entweder alle denken, dass du geweint hast oder, dass wir gerade eine heiße Nummer im Gäste-WC hatten", Tim lächelt vorsichtig, aber ich muss auch leise lachen. „Du bist bescheuert", flüstere ich und schaue meinen Freund an. Tim guckt entschlossen zurück, erwidert den Blick und gibt mir einen Halt, den ich auch vor elf Jahren noch nie in ihm gesehen habe. Da ist auf einmal noch ein weiteres neues Gefühl an ihm, das alles in mir auslöst. Alles in mir wird warm und fühlt sich nach Zuhause an. Ein Urgefühl. „Also? Was sollen die anderen denken, hm?", Tim grinst und richtet sich langsam auf. „Sie würden eh nie glauben, dass wir eben etwas hatten", streite ich ab, Tim schüttelt den Kopf. „Warum nicht? Alle haben gesehen, dass ich meine Hand bei deinen Beinen hatten und dann bist du eilig aufgestanden, so einfach ist das. Keiner weiß, ob wir schon am Tisch etwas hatten und du auf einmal verdammt heiß auf mich warst oder ob ich dich einfach nur getröstet habe", Tim zuckt mit den Schulten und schaut mich lange an. Bei seinen Worten zieht sich etwas in meinem Magen zusammen, was sich eigentlich nicht regen sollte, nachdem ich eben noch geweint habe. Nur ist da etwas, das meinen Bauch brennen lässt. Seine Worte, die Erinnerungen von damals hochgeholt haben. „Ja, aber Luna und Maik wissen, dass wir ... nicht längst annähernd so weit sind, wie wir damals waren", immer noch kritisch schaue ich Tim an, dessen Wangen sich immer dunkler färben. „Das klingt, als würdest du nicht so tun wollen, als hätten wir Sex gehabt", brummt er dann; halb ironisch, halb beleidigt. Jetzt muss ich wirklich lachen. „Hey", weist Tim mich grinsend zurecht und knufft mich in die Seite. „Also, was magst du machen?", wiederholt Tim leise, aber eindringlich seine Frage. Seufzend stehe ich auf, sodass Tim und ich direkt aneinander stehen, unsere Oberkörper berühren sich bereits. „Na gut. Außerdem haben Luna und Maik darum gebeten, dass wir zwei die Aufmerksamkeit auf uns ziehen und nicht die beiden", schmunzele ich Tim vorsichtig an, er grinst breit. „Siehst du, dann geben wir eben all diesen spießigen Verwandten etwas zu reden", raunt er mir übertrieben sexy zu und lacht leise, ich grinse auch breit. Also zupft Tim nochmals an meinem Hoodie herum und verrückt ihn ein wenig, während ich meine Hand in seine Haare schiebe. Es fühlt sich komisch an, so zu tun, als hätten wir etwas gehabt. Weil wir einander so präparieren, wie es gewesen wäre. Und das ist nochmal etwas anderes. Und zwar etwas, das mich komischerweise ein bisschen anmacht. Weil ich auf einmal Fantasien habe, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – fahre ich durch Tims Haare, was ihn mich dunkel ansehen lässt. Je öfter meine Finger durch sein dichtes Haar gleiten und es verwuscheln, desto dunkler färben sich seine Pupillen. „Hab's gleich", wispere ich und lasse meine Hand tiefer wandern, um den Kragen seines Shirts zu verknittern, nur springt das Shirt immer wieder in die Ursprungsform. „Und jetzt?", raunt Tim, ich schmunzele. „Ach", flüstere ich nur und umfasse mit beiden Händen seinen Gürtel, Tim wartet still ab, wie ich die Schnalle öffne, eins lockerer stelle und wieder falsch herum aufwickele in diesem Lederriemen. „Zufrieden?", raunt Tim, ich nicke. „Hoffentlich. Und wehe, dein Plan funktioniert nicht", ich atme tief durch und werfe einen flüchtigen Blick in den kleinen Spiegel, der mir aber den Atem raubt. Wir sehen beide so gut aus nach dem angeblichen Sex, den wir hatten. Tim strahlt fast glücklich und nur, wenn ich genau hinsehe, erkenne ich, dass er sich noch etwas Sorgen macht. „Hey, Tim", genauso behutsam, wie er mit mir umgeht, streiche ich über seinen Oberkörper. Sofort ist seine Aufmerksamkeit bei mir, seine Augenlider flackern sofort. „Danke. Danke, dass du für mich da warst und ich werde es dir irgendwann sagen, okay? Bald", murmele ich und sehe ihn entschuldigend an, Tim nickt. „Ist okay", erwidert er sanft und lächelt mich an. Bevor er noch etwas Weiteres sagen kann, lehne ich mich einfach nach vorne und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. Ohne den Abstand einer Millisekunde erwidert Tim den Kuss warum und vertraut, was wieder dieses Ankergefühl in mir auslöst. Wäre mein Herz mein Magen, würde es jetzt vor Hunger nach ihm knurren. Und dass ich solche derartig schlimmen, kitschigen Gedanken habe, lässt mich wirklich knurren. Bevor Tim noch eine Frage stellen kann, löse ich mich schon von ihm und quetsche mich an ihm vorbei zur Badtür. „Unsere Lippen sollten ja auch echt geküsst aussehen", grinse ich ihn frech wie immer an. Dass eben das mit meiner Mutter hochkam, sitzt tief. Aber er hat es fast wieder geheilt, einfach nur, weil er da war. Und das macht mir Angst, dass Tim innerhalb der über sechs Wochen, die wir jetzt zusammen sind, wieder einer der wichtigsten Menschen für mich geworden ist – nach mir selbst natürlich.

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