Kapitel zweiunddreißig

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Ich schweige. Was soll ich auch groß dazu sagen? Ja? Nein? „Tim, das ... ich wollte immer mal alleine wohnen und hab das keine Sekunde meines Lebens getan", beginne ich vorsichtig, während wir losschlendern zu einem Platz, von dem ich keine Ahnung habe, wo der überhaupt sein soll. „Ich auch, aber ... entschuldige, ich wollte dich nicht drängen, das war dumm von mir", murmelt Tim leise in seinen Jackenkragen und vergräbt die Hände tief in seinen Jackentaschen. Zerknirscht mustere ich sein Profil, bei dem der Kiefer stark zu zucken beginnt. „So war es jetzt auch nicht gemeint, ach ich weiß es doch auch nicht. Vielleicht hast du auch recht und es wäre eine gute Idee, gemeinsam umzuziehen, nur kann ich es mir gerade einfach noch nicht vorstellen, also ... lass uns lieber über etwas anderes reden, okay?", gequält schaue ich ihn an, doch Tim schaut angestrengt auf den Bürgersteig, auf dem lauter orangene Blätter und durchnässte Zweige herumliegen. „Klar doch", mit einem energischen Tritt steigt er auf den Ast, sodass er trotz seiner Porosität noch knackt. Schuldig beiße ich mir auf die Lippen und kann ihn auch nicht mehr richtig ansehen, lieber schaue ich mich um, wohin er uns überhaupt führt. Die Straßen werden enger, was bedeutet, dass wir immer weiter in kleine Siedlungen gelangen. Nur frage ich mich, was genau er hier will. Hier ist nichts, nichts bis auf Einfamilienhäuser, dazwischen noch ein Bäcker und wieder bunte Häuserreihen. „Warst du hier schon mal?", fragt Tim mich auch nebensächlich, ich kneife die Augen zusammen und lese den Straßennamen auf dem verbogenen Schild. „Nein. Wie oft gehst du denn hier lang?", nuschele ich und stecke den Kopf weiter in meinen Schal, über den ich doch ganz froh bin. Auf den Autos liegt bereits eine kleine Frostschicht, so kalt ist es innerhalb von ein paar Tagen geworden. Vor wenigen Wochen waren da noch diese heißen Sommertage, jetzt muss man sich fast Handschuhe anziehen, um nicht zu erfrieren. „Ich war hier ewig nicht mehr, aber ich glaube, der Weg stimmt. Aber freut mich, dass du keine Ahnung hast, wo wir uns befinden", Tim lächelt stolz in seine Jacke und leise kratzt sein Bart dabei über den Stoff. „Warte, du gehst extra einen Umweg, oder ...?", deute ich an, er grinst. „Möglich, sonst wäre es zu auffällig", gibt er dann locker zu. Kopfschüttelnd reiße ich ein paar der kalten Nadeln aus einer Hecke ab und puste sie auf Tim, bis er auch leise lacht. „Hey, das ist nur nett. Dann wirst du umso baffer sein, wenn du es siehst", verteidigt er sich und hält die Hand zwischen uns, sodass ich ihn weniger gut abwerfen kann – was ich im Übrigen eh nicht gut kann. „Eigentlich bin ich schon ziemlich baff, dass wir hier seit einer halben Stunde durch die Gegend laufen und uns in Vierteln aufhalten, in denen ich noch nie war", vielleicht verhalte ich mich etwas pessimistischer als nötig, aber langsam nervt mich der Spaziergang. Ich bin einfach niemand, der gerne spazieren geht, erst recht nicht im kalten Herbst und mit Gepäck für eine Übernachtung, die auch wieder eine Überraschung ist; besonders, da ich Überraschungen eigentlich hasse. „Gott, bist du negativ. Aaaber du hast Glück, wir sind nämlich schon da", Tim bleibt stehen, sodass ich erst noch ein paar Meter weiterlaufe und mich dann zweifelnd umsehe. Vor mir liegt einfach nur ein weißes Einfamilienhaus, mit einem riesigen Garten, großen grünen Fensterläden und einer hässlichen Garage. Fragend drehe ich mich zu Tim, der sich ganz gespannt auf die Lippen beißt. „Augen zu", raunt er und kommt auf mich zu, widerwillig schließe ich meine Augen, wobei meine Lider noch ein paar Mal zucken, bis ich aufgebe und die Augen wirklich geschlossen halte. Mit angehaltenem Atem und einem einzigen Schwarz vor den Augen lasse ich meine Hand von Tim nehmen. „Vertraust du mir?", flüstert er sanft, mein Herz schlägt wild. „In dieser Hinsicht schon", erwidere ich mit einer belegten Stimme und merke, wie seine Hand ganz schwitzig wird. „Okay, lass die Augen weiter zu. Ich passe auf dich auf, keine Sorge", murmelt Tim und streift mit dem Daumen über meinen kalten Handrücken, bis er vorsichtig losgeht. Unsicher folge ich ihm, wobei er mich sofort warnt, als der Bordstein kommt. Zögerlich lasse ich mich von meinem Exfreund über die Straße führen und drüben wieder auf den gepflasterten Weg, vorbei an einem Gartenzaun und über einen etwas schlammigeren Weg. Je weiter wir auf diesem matschigen Weg kommen, desto frischer wird es, als würden wir uns immer mehr auf einem offenen Feld befinden. Genauso kalt fühlt es sich auch an, als kaltes Wasser in meine Turnschuhe läuft, die mir nur bis zu den Knöcheln reichen. „Tim, bist du dir sicher, in dem, was du da tust?", frage ich skeptisch, als ich schon wieder in eine Pfütze trete. „Oh, tut mir leid, hier sind überall diese Pfützen und Löcher. Aber ja, ich bin mir sicher", antwortet Tim nah an meinem Ohr. Schauernd will ich mich zu ihm umdrehen, aber er löst seine Hand sanft von meiner und legt seine warmen Hände über meine Augen. Automatisch öffne ich die Augen, um vor allem seine Handflächen zu sehen, doch ein leichtes Sonnenlicht scheint hindurch, durch manche Lücken kann ich hohes Gras entdecken. „Ich merke übrigens an deinen Wimpern, dass du die Augen aufhast", flüstert Tim mir zu, ich höre das Lächeln in seiner Stimme. „Ja, und jetzt nimm endlich die Hände weg und wehe, es ist kitschig", grinse ich und versuche einfach, seine Hand abzulecken, wenn das alles nichts hilft. Lachend und aufschreiend zieht Tim seine Hände weg. Oh. Mein. Gott. Ich starre den gelben Wohnwagen an, der noch immer ganz genauso auf dem Feld unter dem hohen Baum steht. Manche der Äste liegen schon auf dem eingedellten Dach des Wohnmobils, während die Gräser teilweise bis an die Fenster des alten Wohnmobils ragen. „Sag was", Tim streicht mir sanft über die Schulter, aber ich schüttele ihn ab wie eine lästige Fliege und renne los durch das Gras. Die nassen Halme peitschen gegen meine Jeans und kitzeln mich, während ich immer weiter auf das Wohnmobil zurase. Immer näher liegt der gelbe Wagen vor mir, immer mehr kann ich von der alten Wand erkennen, die sogar gestrichen worden sein muss. Außer Atem lasse ich mir den Rucksack von der Schulter rutschen und fange ihn gerade noch so mit der rechten Hand, sodass er schwer an meinem Handgelenk baumelt. Mit der anderen Hand streiche ich fasziniert über die Tür, in der in neues Schloss hängt. „Soll ich das als Begeisterung werten?", ruft Tim mir zu, während er selbst auch durch das hohe Gras stiefelt, das exakt in seinem Schritt eine feuchte Spur hinterlässt, was mich schmunzeln lässt. „Vielleicht", antworte ich wahrheitsgemäß. Zwar bin ich unendlich aufgeregt und mein Herz hämmert wie verrückt in meiner Brust, aber ebenso läuft mir ein kalter Schweiß den Rücken hinunter. Hier, an dieses Ding, sind so viele Erinnerungen geknüpft, dass es wehtut. Ich weiß noch ganz genau, wie es gerochen hat, als Tim und ich das erste Mal hier waren, wie seine Lippen sich auf meinen angefühlt haben, was für eine Explosion mein erster Kuss war. Aber nicht nur das, auch, als wir öfter noch hier waren, als wir hier einmal heimlich übernachten wollten, aber von seinen Eltern erwischt wurden, wie wir uns hier drinnen das erste Mal näherkamen und jeweils unter der Kleidung des anderen waren, wie wir uns ganz fest vorgenommen haben, hier unser erstes Mal zu haben. „Willst du rein?", fragt Tim sanft, ich nicke abwesend und greife nach dem Schlüssel, den er in der Hand hat. Unter seinen Blicken brauche ich ein paar Anläufe, bis der Schlüssel richtig im kleinen Schloss steckt und die Tür wie ein Safe aufspringt. Mir schlägt ein ähnlicher Geruch wie damals entgegen, nur etwas Frisches liegt mit darin. Gebannt wische ich mir die Schuhe so gut es geht an der kleinen Matte ab, die drinnen liegt, dann wage ich mich weiter ins Innere. Fast alles ist so geblieben, doch der Wagen wirkt renoviert. Alle Farben, jedes Kissen, jede Perlenkette ist an ihrem Platz geblieben, nur die Matratze wurde ausgewechselt und alles frisch bezogen. Den Unterschied zwischen der rot-gelb-gepunkteten und der rot-gelb-gestreiften Bettwäsche fällt mir sofort auf, genau wie zwei Duftstäbchen in der Ecke des Mobils stehen. „Du hast den echt renoviert?", frage ich ungläubig; ich klinge ganz außer Atem. „Ja, ich konnte ihn doch nicht zerfallen lassen. Ich habe ihn schon vor Jahren geerbt", murmelt Tim und schließt die Tür hinter uns mit einem Quietschen. Geerbt. Also sind seine Großeltern auch längst verstorben. „Das tut mir leid", hauche ich auch und werfe Tim besorgte Blicke zu, doch er strafft nur die Schultern und wirft seine Sporttasche auf den Boden. „Schon okay, es musste ja irgendwann passieren. Seit Jahren war hier keiner, nicht einmal Luna und Maik", heiser setzt Tim sich auf eine der Bänke, die leise knarzt. „Was? Und wie hast du das hier alles gemacht?", perplex drehe ich mich noch einmal um meine eigene Achse, aber alles bleibt so kuschelig und alt eingerichtet, wie ich es noch tief in mir drinnen gespeichert habe. „Alleine halt. Der alte Weg, den du kennst, den gibt es ja noch. Da war das alles ein Katzensprung, keine große Sache", verlegen lächelt Tim mich an, als er seine Lederjacke auszieht und über die kleinen Haken in der Wand hängt, als wäre das hier sein zweites Zuhause. „Wow, hiermit erkläre ich dich für gestört", schmunzele ich und streife ebenfalls meine Schuhe ab und lege meine Jacke vorsichtig über eine der Bänke. Andächtig streife ich über die alten Polster, die sich noch wie damals unter meinen Fingern anfühlen, dann wandere ich weiter zu der Küchennische, die noch immer so wirkt, als könnte sie jede Sekunde auseinanderfallen. Vorsichtig öffne ich jedes Fach und entdecke das gleiche geblümte Geschirr wie damals, selbst eine alte Kekspackung liegt noch da; ansonsten stehen auch ein paar neue Gläser da, in dem kleinen Boardkühlschrank stehen ein paar Dosen und verschlossene Flaschen, obwohl der Schrank eben erst angesprungen zu sein scheint. „Gerne", antwortet Tim nur leise und lächelt mich noch immer stolz an, als ich mich weiter umsehe und die vertraute Schiebetür öffne, hinter der gequetscht eine Toilette, eine Minidusche und das schalengroße Waschenbecken sind; dann drücke ich die Tür wieder zu, wobei sie oben in der Verankerung hängen bleibt. Als letztes richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Bett, das fast die Hälfte des Wagens ziert, so breit ist die riesige Matratze hinten. Darauf liegen lauter Kissen, ein paar Bücher und eine zerknitterte Decke. „Und? Besser als ein Hotel?", fragt Tim nach einer Weile, die ich nur auf die quadratische Matratze gestarrt habe. „Viel besser", grinsend drehe ich mich zu ihm um und beobachte, wie er langsam zu mir kommt. „Was magst du machen? Gleich essen? Noch eine Serie oder einen Film schauen? Reden?", ich merke Tim sofort seine Aufregung an, wie er vor mir leicht auf und ab wippt, wobei er fast mit dem Kopf an die niedrige Decke stößt. „Was haben wir denn alles zu essen da?", hake ich nach und löse bei Tim sofort wieder ein stolzes Strahlen aus: „Nudeln und Chips hauptsächlich, ich dachte, den Rest findest du zu kitschig. Und zum Frühstück halt Semmeln und ... ja. Halt nichts Besonderes." „Perfekt", grinse ich ihn an und lehne mich in seine Richtung ohne groß nachzudenken. Sofort richtet Tim all seine Aufmerksamkeit auf mich, seine Pupillen werden größer und seine Iris scheint sofort ein paar Stufen dunkler zu werden, als wir uns noch weiter aneinander lehnen. Sein Atem streift bereits meine trockenen Lippen, als er seinen Kopf sanft zu mir heruntersenkt, aber ich bewege mich nicht. „Was ist los?", merkt Tim sofort, dass etwas nicht stimmt. Zart streift er mir über die Hände und sucht in meinem Gesicht nach einer Regung, aber ich rücke nur wieder ein Stück ab. „Ich möchte nur nicht ... also, ich denke nicht, dass du es vorhast, aber ...", suche ich nach Worten, wie ich meine Panik möglichst lässig ausdrücken kann und das auch noch ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. „Hm? Du meinst, unser erstes Mal hier nachholen?", Tim schüttelt ebenfalls den Kopf und setzt sich auf die Matratze. „Das würde ich niemals, niemals so blöd versuchen, Em. Ich bin hier mit dir, damit wir Luna und Maik ihren Freiraum in der Wohnung geben", spricht Tim leise vor sich hin, ich setze mich zerknirscht neben ihn. „Aber du hast recht, das ist nicht alles", fügt er vorsichtig hinzu. Augenblicklich reiße ich wieder den Kopf nach oben und schaue ihn forschend an, Tim spielt nervös an seinen Händen. „Also, wie soll ich es formulieren? Ich ... ähm ... Em, ich ... wollte dich fragen, ob du nicht mit mir zusammen sein willst. Mir ist klar, dass du mich jetzt für meine „Romantik" erwürgen willst oder gleich mit Chips abwirfst, aber ich wollte dich fragen. Das damals, als es einfach gesetzt war, indem wir uns ein paar Mal geküsst haben und du dann meinen kleinen Finger in der Schule genommen hast, das war genial. Aber ich will, dass es diesmal gigantisch ist, verstehst du? Ich möchte nicht so etwas Unausgesprochenes oder Unsicheres, ich will einfach ... alles. Ich habe einfach das Gefühl, dass es jetzt eben nicht klar ist. Wir küssen uns, wir haben nach unserem Date, äh Treffen, Händchen gehalten und du siehst mich so an, aber ich würde es gerne sagen können. Ich will sagen können, dass wir zusammen sind. Nicht, dass du meine Freundin bist, ich weiß, dass du so etwas nicht willst und so wäre es auch nicht. Aber ich würde einfach gerne sagen können, dass wir wieder ... ein Team sind, weißt du? Und wenn du das alles nicht kannst, dann ... sag es mir jetzt, brich mit das Herz, es ist okay, aber ich will wissen, woran ich bei dir bin, denn je länger wir so sind wie jetzt, desto mehr wird es schmerzen, wenn du irgendwann gehst", leicht schimmern Tränen in Tims Augen, als er mich intensiv ansieht und sich mit zuckenden Oberarmen an der Matratze abstützt. Ich kann förmlich sehen, wie er kurz davor ist zu zittern. Nur geht es mir genauso, meine Beine fühlen sich wie Wackelpudding an und ich bin verdammt froh, ihm gegenüber zu sitzen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt richtig antworten kann oder gleich nur irgendwelche sinnlosen Buchstaben aneinanderreihen werde. Überrumpelt schlucke ich meine Aufregung so gut es geht herunter. „Em?", flüstert Tim sanft, ich atme tief durch. Verdammt, kann ich das denn schon? Aber er hat recht, ich muss. Ich muss ihm sagen, woran er ist und wir wissen beide, dass es nur von mir abhängig ist. „Okay", bringe ich heraus und schaue Tim an, sein Ausdruck bleibt fragend: „Okay?" „Okay, meinetwegen", wiederhole ich und merke, wie sich meine Mundwinkel zu einem leichten Grinsen verziehen. „Deinetwegen? Ist das ein Ja?", Tim schaut mich forschend an, sodass ich noch mehr grinsen muss. „Jetzt mach es mir nicht so schwer, das alles auszusprechen", knurre ich ihn an, meine Finger verkrampfen sich langsam auch in dem Laken. „Ist das jetzt so ein 'Ja, ich will unbedingt' oder ein 'Ja, damit ich noch eine Weile schauen kann, was ich will'?", murmelt Tim und schluckt. „Es ist ein Ja", betone ich den letzten Teil, sodass sich etwas Verklärtes über Tims Augen legt: „Aber?" „Ich kann dir nicht garantieren, dass ich das kann. Ich meine, ich kann einfach nicht ... ich brauche noch ein wenig Zeit, um mir sicher zu sein, deinetwegen. Unsretwegen. Ich habe einfach Angst, dass wieder etwas wie damals passiert, obwohl ich dir eigentlich vertraue, aber da ist einfach immer diese dumme Angst", gestehe ich ihm leise und greife nach Tims Händen. Oder meine Prinzipien, ermahne ich mich selbst. „Hey", zwinge ich ihn, mich anzusehen. Sofort hebt er wieder den Blick und schaut mich tief an, als ich unser Wort verwende. Seine Hände umschließen meine, als ich Luft hole. „Ich will mit dir so etwas ausprobieren, so eine ...", deute ich an und flehe Tim mit Blicken an, dass er leicht seine Lippen bewegt: „Beziehung?" „Genau", schmunzele ich und lege meine Stirn vorsichtig an seine. „Ich verspreche dir, dass es genauso wird wie früher, nur besser", Tim drückt seinen Kopf auch an meinen, sodass sich unsere Nasen aneinander vorbeischieben. Federleicht drücken sich seine spröden Lippen gegen meine, die ebenso trocken sind. Es fühlt sich komisch an, als unsere Münder zu einem ganzen Kuss verschießen, aber auch verdammt richtig. Tim muss mir nicht erklären, was er mit dem eben meinte, ich ahne es. So gut wie früher, so locker und nicht wie eine typische Beziehung, mehr wie eine Partnerschaft oder wie ein Team, keinen Kitsch, kein Klammern, einfach nur Freiraum und Leidenschaft. Und besser als sein Betrug, besser als unser Ende damals. Ich wünschte, ich könnte genauso fest daran glauben wie er selbst. Doch seine Zunge kann ziemlich überzeugend sein, genau wie seine Lippen, die meine immer wieder umschließen und alles in mir heiß werden lassen; fordernd ziehe ich ihn an mich, Tim lässt es langsam geschehen und mich die Führung übernehmen, wie weit ich gehen will. Entschlossen streiche ich über seinen Rücken und lasse mich selbst nach hinten auf die Matratze fallen, sodass Tim sich langsam über mich beugen kann. Langsam folgt er mir und kniet sich zwischen meine Beine, während er vorsichtig seine Arme links und rechts neben meinem Kopf abstützt, wobei ich ihn fest anschaue, als wir unseren Kuss unterbrechen. Schwer atmend beugt er sich über mich und sein Gesicht schwebt dicht über mir. „Bis hierhin?", raunt Tim, sein Atem geht schwer und zittert ein wenig, als würde das hier alles zum ersten Mal geschehen. Fasziniert betrachte ich ihn, meinen FreundNicht mehr Exfreund. Wie seine Wimpern sich bei jedem Schlag heben und senken, wie geschwungen seine Augenbrauen eigentlich sind und wie sehr seine Adern an seinem Oberarm zucken, als er sich neben mir abstützt. „Wer weiß ... Aber du hast da noch eine Wunde, von der ich keine Ahnung habe, wie empfindlich die ist", erwidere ich wieder in einer normalen Lautstärke, Tim nickt. „Ich sage es dir, wenn es wehtut", verspricht er auch. „Nein, du bist nämlich jemand, der kaum noch Schmerz kennt, vergiss es. Wenn es dir wehtut, dann ist längst wieder alles offen", entscheide ich zu unserer beider Wohl, Tim seufzt. Aber er weiß, dass ich recht habe. „Tja, wärst du mal konzentriert geblieben bei deinem Einsatz", necke ich ihn, als er sich wieder zurückzieht, um sich neben mich zu legen, wobei legen nicht der richtige Ausdruck ist. Es ist irgendeine Position zwischen sitzen und liegen, in der ein Kissen unter seinen Rücken schiebt, den Kopf an die Wohnwagenwand lehnt, aber sonst locker auf der Matratze liegt. „Hm und dann?", Tim grinst mich frech an. Als Antwort verdrehe ich extra die Augen, angele nach einem Kissen und lege mich neben Tim, wobei mein Blick sofort auf das Deckenfenster in der Mitte des Raums fällt. Die großen Eichenäste ragen darüber, was fast gruselig aussieht, in der Art, in der die schweren Äste den Griff des Fensters umragen. „Könnte ich dich bedenkenlos boxen?", grinse ich die Eiche an, Tim boxt diesmal mich sanft in die Hüfte. „Hey, Frechheit", grummele ich übertrieben, Tim lacht leise. „Tut mir leid, du wirst mich die ganze Nacht ertragen müssen", schmunzelt er mich an, als wir beide den Kopf zueinander drehen. „Sicher, dass wir nicht in der Zeit abgemurkst werden?", frage ich, Tim zieht die Augenbrauen hoch, wie ich es sonst so gerne tue. „Seit wann hast du Angst?", neckt er mich, ich schaue ihn gespielt genervt an. „Ich habe keine Angst. Ich finde es nur bedenklich, in einem Wohnwagen mitten auf einem Feld zu übernachten, das ist alles", rechtfertige ich mich und schiele automatisch zu den ganzen kleinen Fenstern, die alle verschlossen sind. „Hey, Em, die sind alle von innen abgesichert, ich habe überall Schlösser eingebaut. Ganz abgesehen davon habe ich natürlich meine Dienstwaffe dabei, das wird denjenigen spätestens abschrecken, okay?", Tims Arm zuckt, als würde er überdenken, den Arm um mich zu legen, lässt es dann aber glücklicherweise doch bleiben. „Kriege ich die dann?", grinse ich ihn an, er lacht. „Nein, du wirst hinnehmen müssen, dass ich der Beschützer bin", lächelt Tim scheinheilig, ich kneife die Augen zusammen und bin kurz davor, ihn gegen die Brust zu boxen, entscheide mich dann aber doch dafür, eins der Kissen zu nehmen und auf seinen Schritt zu werfen. Lachend stöhnt Tim auf und lässt seine Finger unter meinen Hoodie gleiten, sodass sie nur über meinen Bauch streichen. „Erstens hör sofort auf heee mich zu kitzeln und zweitens kann ich uns besser verteidigen, weil heee du der Kranke bist", lache ich und schnappe nach Luft, Tim schüttelt amüsiert den Kopf über mich und kitzelt mich umso stärker, wobei ich versuche, mich zu wehren und ihn dabei mehr trete oder ihm eine Kopfnuss verpasse, als von ihm wegzukommen. Doch mein Freund lacht nur umso mehr und lässt nicht mehr locker, bis wir beide um Gnade flehen.

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