Kapitel siebenunddreißig

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Noch immer liegt mir das Frühstück schwer im Magen, obwohl wir uns vor fast einer halben Stunde auf den Weg ins Schwimmbad gemacht haben. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich so schlecht fühle, dass ich nach dem Auftritt gestern wieder allen Verwandten von Luna und Maik unter die Augen treten musste. Tim schien das Ganze nicht wirklich zu belasten, er hat wie immer freundlich gelächelt und mit den anderen Erwachsenen geredet, als sei nie etwas vorgefallen. Aber ich bin da nicht so, ich bin anscheinend zu sensibel, um die Blicke der anderen nicht zu spüren. Ich habe doch genau gemerkt, wie abfällig mich Maiks Tante angesehen hat und wie sein Onkel beinahe vor Lachen an seinem schwarzen Kaffee erstickt ist; wie Lunas Großeltern Tim und mich geflissentlich ignoriert haben; und Cora hat natürlich nur Tim angeschmachtet. Die Einzigen, die normal waren, waren Lunas Eltern und Maiks Mutter; vielleicht haben die sogar geahnt, dass es ein anderes Problem gab. Aber wie dem auch sei – wir haben Luna und Maik zufällig exakt den Gefallen getan, um den sie uns gebeten haben und weswegen wir mitkommen sollten: Etwas noch Katastrophaleres bringen und somit von den beiden ablenken. Und das ist Tim und mir wohl perfekt gelungen. „Da ist es ja schon", Maik dreht sich grinsend zu Tim und mir um, während Luna den Wagen auf den Parkplatz lenkt. „Hmhm", brummt Tim leise und lehnt seinen Hinterkopf schluckend an die Kopfstütze des Rücksitzes. Forschend schaue ich meinen Freund an, doch er erwidert den Blick nicht, sondern schließt kurz die Augen. „He, Mann, wir müssen da auch nicht rein. Oder einer von uns wartet draußen mit dir", Maik schaut seinen besten Freund ebenfalls besorgt an, wirft mir aber einen Blick zu, der heißen soll, dass ich draußen warten soll im Falle eines Falles. „Vergiss es, die Rutschen sehen zu vielversprechend aus", erwidere ich und grinse nach vorne, hauptsächlich wegen der absolut coolen Rutschen, die sich um den Turm des Bades ranken. Sämtliche Farben von rot bis blau bis schwarz winden sich in unterschiedlichen Steilungsgraden und Kurven aus dem hohen Gebäude und münden erst am Sockel wieder in das Schwimmbad, das in einem großen Quader vor uns liegt. „Oh ja, und Sprungtürme haben sie angeblich auch noch", bestätigt Luna, wobei ich die Vorfreude in ihrer Stimme höre. „Zehn Meter?", fragt Maik sofort begeistert und gluckst fast, Luna nickt und parkt ruckartig ein. „Leute, seid ihr nicht langsam ... zu alt für so etwas?", Tim ist natürlich der Einzige, der dagegen ist. Sofort drehe ich mich zu meinem Freund und sehe ihn vorwurfsvoll an, diesmal grinst Tim minimal zurück. „Was? Ihr wisst, dass ich Action auch liebe, aber in einem Wasserpark wie Jugendliche die Rutschen hinunterstürzen ...", deutet er an, ich trete ihn sofort über die Mittelkonsole hinweg. „Hey!" „Das hast du verdient. Außerdem zwinge ich dich jetzt mit reinzukommen. Du musst es auch einfach ausprobieren", grinse ich meinen Freund frech an und löse sofort meinen Gurt, als wir stehen. Ohne die Antwort von Tim abzuwarten, stoße ich die Tür vorsichtig aus, sodass sie nicht gegen den Jeep neben uns stößt, dann klettere ich aus dem Opel und knalle die Tür hinter mir zu. „Schneller", drängelt Luna mich grinsend und stupst mich an, ich schmunzele und quetsche mich durch die Lücke nach hinten zum Kofferraum; sie folgt mir. „Na, geht ihr zwei eigentlich in eine Umkleide?", wendet Maik sich amüsiert an Tim und mich, während er den Kofferraum öffnet und die Tasche von Luna und sich herausholt. „Hä?", frage ich nur und runzele ernsthaft die Stirn. „Nach gestern Abend? Oder was lief da genau auf dem Klo?", Maik wackelt mit den Augenbrauen und boxt Tim amüsiert in die Schultern, ich knirsche mit den Zähnen. Tim lächelt nur und schüttelt dann den Kopf, während er sich seinen Tasche herausholt; meine hole ich mir selbst. „Wie? Also war nichts?", lässt Maik einfach nicht locker, sodass ich das dringende Bedürfnis habe, ihn zu erwürgen. Dabei sollte ich weniger streng mit ihm sein, ich weiß; er kann schließlich nicht wissen, dass ich gleich wieder in Tränen ausbrechen könnte und echt keine Lust darauf habe – erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Nur muss ich nicht weinen, nicht einmal meine Augen brennen verdächtig. Seit ich es Tim gesagt habe, ist es anders. Es tut weh, ja, aber es fühlt sich auf einmal entfernter an. Als wäre es jetzt wirklich um die drei Monate her und nicht mehr erst gestern gewesen, dass meine Mutter mich verlassen hat. „Emma?", Luna legt mir ihre Hand kurz auf die dick eingepackte Schulter, sodass ich ihre Bewegung viel mehr durch das Ziepen in meinen offenen Haaren wahrnehme. Ich atme tief ein. Mustere Maik, der gespannt schaut. Drehe mich zu Luna, die inzwischen eher besorgt schaut und die Augen bei der Kälte zusammenkneift. Dann zu Tim, der mich warm und beruhigend wie immer anschaut. Verdammt nochmal, das sind meine besten Freunde. Die einzigen Menschen, die ich in meinem Leben habe, abgesehen von Sid vielleicht. „Mir ging es nicht gut, aber es ist alles gut", öffne ich mich den beiden etwas, Tim nickt bekräftigend. „Okay, gehen wir rein?", fragt er nervös, ich schüttele diesmal den Kopf. „Warte. Du musst dich nicht meinetwegen so beeilen. Außerdem ... solltet ihr endlich mal annähernd wissen, was mit mir los ist, auch wenn Luna schon einen Teil weiß. Es war einfach zu viel, ich vermisse meine Mutter. Okay? Es geht ihr nicht gut und ... ja", das muss fürs Erste reichen. Sofort entschuldigt Maik sich, dass er Scherze gemacht hat, bis ich ihm auf den Rücken klopfen muss und ihn darum bitte, seine frechen und zweideutigen Sprüche weiterhin über Tim und mich zu machen. „Na dann: Schade, dass da nichts lief", grinst Lunas Verlobter frech und legt den Arm um sie, doch sie schüttelt ihn ab und legt stattdessen ihren Arm um ihn. Grinsend wende ich mich Tim zu, der mir zunickt. „Ausnahmsweise", raune ich ihm in das von der Kälte leicht rote Ohr zu, dann greife ich nach seiner warmen Hand. Sofort umschließen Tims Finger meine und krallen sich daran fest, sodass ich da Gefühl habe, dass gleich einer meiner Knochen bricht. „Oh oh, Emma wird doch noch soft", zieht Luna mich auf und zwinkert mir zu, ich schnaube. „Auf keinen Fall. Und dafür zahlst du die Tickets", protestiere ich und schultere meine Sporttasche, doch Luna flüstert Maik schon etwas zu. Keine Sekunde später rennen die beiden los über den nassen Asphalt und an den ganzen parkenden Autos vorbei Richtung Eingang, über dem ein Rettungsring hängt. „Wer zuletzt an der Kasse ist, zahlt!", brüllt Maik lachend über die Schulter und rennt durch die Tür, die Luna ihm kichernd aufhält und danach selbst sofort dahinter verschwindet. „Bereit?", wir bleiben in dem langsamen Schritttempo, in dem Tim sich dem Schwimmbad nähert. Den Kopf in den Nacken gelegt betrachtet er noch einmal die Rutschen und die hochgezogenen Fenster, auf den die schwarzen Vogelaufkleber kleben. „Wenn du bei mir bleibst", nuschelt er und erhöht den Druck an meiner Hand. Ich stoppe. Er auch. „Tim, ich verspreche es dir. Und ich kann dir auch versprechen, dass ich derjenigen, die blöd guckt, den Kiefer brechen kann", schmunzele ich ihn an, Tims Gesichtszüge beruhigen sich ein wenig. „Also kann man blöd über meine Narben denken?", hakt er dann mit einer rauen, unsicheren Stimme nach. Ich beiße mir auf die Lippen. Ich kann ihn nicht anlügen, denn es stimmt, dass viele gucken werden. Ja, er ist damit verdammt auffällig. „Es ist egal, was andere denken", erwidere ich und hole tief Luft, ehe ich Tim einfach küsse. Zittrig schließen sich seine Lippen um meine und erwidern den Kuss, seine Nase schmiegt sich an meine und seine leichten Barthaare kitzeln rau meine Lippen und Wange. Ich merke, wie er kurz davor ist, die Hände um mich zu schlingen, aber unsere beiden Taschen halten uns davon ab. Und womöglich die Tatsache, dass Luna und Maik bereits drinnen warten.

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