Sie hat es immer geliebt zu singen. Wie die Melodien zu einem Song verschmelzen, die Töne und Texte eine ganze Geschichte erzählen können. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag nichts anderes gemacht. Sie wollte ihr ganzes Leben mit der Musik verbringen, vielleicht auch irgendwann mal einen eigenen Song schreiben.
Manchmal sang sie auch vor anderen - vor ihren Eltern, vor Freunden. Ihre Eltern liebten ihren Gesang - auch wenn, oder vielleicht auch gerade weil sie es selbst nicht gut konnten.
Sie sang weiter - manchmal nur für sich, manchmal auch für andere.
Bis ihre Eltern sie zu einem Gesangswettbewerb anmeldeten. Zuerst dachte sie sich nicht viel dabei- sie konnte ganz gut singen, ja. Aber sie würde nur eine von vielen sein, vermutlich würden sich die meisten nach ihrem Auftritt nicht einmal mehr an sie erinnern können.
Doch sie gewann.
Die Geschichte hätte so schön weitergehen können. Schließlich hatte sie nun die Bestätigung, dass sie in dem, was sie so liebte, auch noch gut war.
Doch natürlich musste es anders kommen.
Die ersten Kommentare waren ihr noch egal. Viele sagten, dass es bessere Teilnehmer gegeben hätte, oder beschwerten sich über die Technik. Und bei beidem stimmte sie zu.
Doch dabei blieb es nicht. Es wurde ihre Stimme, die kritisiert wurde.
Wie ein Elefant klang sie, der durch einen verstopften Rüssel sang, keinen Ton habe sie getroffen.
Sie dachte, sie würden diese Aussagen kaltlassen. Ihr fiel nicht auf, dass sie immer stiller wurde. Bis sie irgendwann nur noch unter der Dusche sang, in der Hoffnung, dass sie niemand hört.
Die Kommentare haben schon lange aufgehört, doch noch immer traut sie sich nicht, bei Karaoke mitzusingen.
Sie schreibt Texte, aber sie würde sie niemals vertonen.
Sie tanzt, um den Geschichten und Gefühlen wieder nah zu sein.
Sie hört die Musik, aber singt nicht mehr dazu.
Sie hat das Singen geliebt. Sie wollte es nie aufgeben. Aber die anderen haben sie zu sehr verunsichert. Sie hat ihre Leidenschaft aufgegeben, um der Kritik der anderen zu entgehen. Und sollte sie doch einmal singen wollen, denkt sie wieder an die Stimmen, die ihr sagen, dass sie es eh nicht kann,dass niemand ihre Stimme hören will, dass alle besser dran sind, wenn sie einfach stumm bleibt.
Sie haben es geschafft, ihr diesen Rückzugsort, diese Leidenschaft, für immer zu zerstören.
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Gedankenwelt
RandomDies ist ein Einblick in all die Gedanken, die mich Tag täglich im Leben begleiten, und auch in ein paar Träume. !Achtung! !TW! Beschreibung von Selbstverletzung und Suizidgedanken in manchen Kapiteln! (sind einzeln gekennzeichnet) Teilweise Texte...
