(TW: indirekte Erwähnung von SA)
Zitternd trat er vor den Eingang des Hotels. Wie ferngesteuert lief er zu der Bank, die in der Nähe an der Hausfassade stand. Er musste sich setzen. Am liebsten wollte er rennen, doch seinen Körper hatte jegliche Kraft verloren.
Vor ihm liefen Menschen entlang. Sie sahen in das Schaufenster neben ihm. Er war für sie unsichtbar.
Er nahm es nicht wahr. Seine Gedanken waren in dem Zimmer gefangen. Er realisierte noch nicht, was passiert war. Er würde es später tun, aber jetzt gerade fühlte er nur, dass es sich falsch angefühlt hatte. Er starrte ins Leere. Er spürte noch jede Berührung, doch gleichzeitig war es, als wäre sein ganzer Körper taub.
Niemand sieht ihn. Er sitzt in mitten einer Fußgängerzone, doch er war ganz allein. Allein mit seinem Schmerz, allein mit diesem Gefühl, das seine Berührungen auf seiner Haut hinterlassen haben.
Er versuchte, zu atmen. Einfach nur zu atmen. Aber es kam keine Luft in seinen Lungen an. Sie waren genauso leer, genauso eine leblose Hülle, wie der Rest von ihm.
Er fühlte keine Schmerzen mehr. Er fühlte nicht einmal mehr Ekel. Er hatte ihm alle Emotionen genommen, er hatte ihm alles genommen. Er lebte noch, aber er fühlte sich wie ein Geist.
Manch einer ging einfach so an ihm vorbei, manche warfen ihm verwirrte Blicke zu. Er merkte nichts davon. Aber sie tat es.
Frustriert blieb sie stehen. Ihr Handy klingelte schon wieder, und schon wieder war es nur eine 3-Sekunden-Sprachnachricht. Anstatt dass die Leute einfach 3 Worte tippen, die man einfach lesen kann, wenn man nur auf seinen Bildschirm schaut. Aber nein, man musste die anderen ja immer zwingen, den ganzen Weg bis zu WhatsApp zu gehen und dann noch die Nachricht abzuhören.
Sie blickte umher, während sie die Nachricht anhörte. Ihr Blick blieb an einem Jungen hängen, der auf der gegenüberliegenden Seite auf einer Bank saß. Er wirkte abwesend, als wäre er mit den Gedanken ganz woanders.
Doch es war noch irgendetwas an ihm, was ihr merkwürdig vorkam.
Sie schob den Gedanken beiseite und anwortete auf die Nachricht.
Eigentlich wollte sie einfach weitergehen, aber er ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie sah noch einmal zu ihm. Da fiel ihr der kleine Blutstropfen auf, der von seiner Lippe hinunter rann.
Sie beobachtete den Jungen noch einen Moment, aber er reagierte nicht darauf.
Sie steckte das Handy zurück in ihre Tasche und holte stattdessen eine Packung Taschentücher heraus. Sie stellte sich vor ihn und hielt ihm ein Taschentuch entgegen, doch er schien sie gar nicht wahrzunehmen.
"Entschuldigung? Du blutest", sprach sie.
Er blickte auf. "Wie bitte?"
"Deine Lippe. Du blutest an der Lippe."
"Oh. Danke", sagte er, als er das Taschentuch nahm.
"Hast du das selbst nicht bemerkt?", fragte sie. Irgendwie hatte dieser fremde Junge es geschafft, dass sie sich jetzt schon um ihn sorgte. Und sie hoffte, dass er ihr antworten würde. Denn wenn er sie jetzt einfach nur wegschicken würde oder so etwas, dann würde sie ihn vermutlich tagelang nicht aus ihren Gedanken bekommen würden.
Doch er schüttelte nur leicht mit dem Kopf. "Ich war wahrscheinlich zu sehr in Gedanken versunken", murmelte er. Sie spürte, dass noch mehr dahinter steckte, aber sie wollte ihn auch nicht ausquetschen. Immerhin ist sie immer noch eine Fremde für ihn, und sie würde vermutlich auch nicht einfach jedem Dahergelaufenen über ihr Privatleben erzählen.
Sie sah ihn immer noch an. Wollte sie gerade wirklich wissen, warum? Interessierte es sie wirklich? Prüfend musterte er sie. Sie hatte ihm schon geholfen. Vielleicht meinte sie es wirklich ernst.
Er rutschte ein wenig zur Seite. Sie verstand die Einladung und setzte sich neben ihn. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste, dass er ihr Gesellschaft gerade brauchte. Dass er es nicht ertragen würde, wieder allein zu sein.
"Darf ich?", fragte sie sanft. Sie zeigte auf das Taschentuch, das sich langsam rot färbte. Er nickte, und sie legte das Tuch neu zusammen, doch die weiße Fläche verfärbte sich schon bald wieder.
"Er muss mir auf die Lippe gebissen haben", wisperte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Doch sie hörte es. Er sah es an der Art, wie sich der Ausdruck in ihren Augen änderte. Sie war schon davor bevor besorgt gewesen, aber jetzt mischte sich ein Hauch von Wut darunter.
Doch sie fragte nicht weiter nach, sie wartete ab, bis er bereit war, mehr zu erzählen.
Wie lange würde sie wohl warten?, schoss es mir durch den Kopf. An uns liefen unzählige Menschen vorbei, alle so hektisch, als hätten sie alle noch Termine, die sie unbedingt einhalten mussten. Ihn und dieses Mädchen dort beachtete kaum jemand, und stehen geblieben wäre von denen vermutlich erst recht niemand.
Aber sie schien sich nicht dafür zu interessieren, was sie noch vorgehabt hatte, sie blieb bei ihm, um ihm zu helfen.
"Was ist dir passiert?"
Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, und gleichzeitig brachen alle Dämme. Wo bis gerade Leere war, wurde er überflutet von Emotionen. Tränen schossen in seine Augen. "Er... er hat mich... ich dachte, es war richtig... Er ist doch... mein Freund... Aber... Vielleicht habe ich es falsch verstanden... Vielleicht... es tat weh... Aber er ist doch mein Freund", sprudelten die Worte aus ihm heraus.
Auf die Lippe gebissen.... und diese Aussagen dazu. Sie brauchte nicht mehr zu hören, um zu verstehen, was passiert war. Sie legte einen Arm leicht um ihn und wartete seine Reaktion ab. Er rutschte ein kleines Stück näher an sie und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Sie legte auch ihren zweiten Arm um ihn und hielt ihn einfach nur. Seine Tränen durchnässten den Stoff ihres T-Shirts, aber das war ihr egal. Sie wollte für ihn da sein. Und auch wenn er ein Fremder war, auch wenn die beiden sich nicht kannten, wusste sie, dass ein verständnisvoller Mensch, der einfach nur da ist, vermutlich genau das war, was er gerade am meisten brauchte.
Er fühlte sich, als wäre dieses fremde Mädchen ein Rettungsring, an dem er sich festklammerte, während sein Schiff langsam hinter ihm unterging. Während sein Leben unterging. Sie blieb dort, sie ließ ihn nicht los, sie ließ ihn nicht fallen, sie stieß ihn nicht von sich weg, weil sie plötzlich genug von ihm hatte. Sie blieb, und sie schien nebenbei die Wellen um sie herum zu glätten. Sie konnte das Schiff nicht mehr retten, dafür war es zu spät. Aber sie schaffte es, ihm genug Halt zu geben, um seinen Kopf über Wasser zu halten.
Er wusste nicht, was passiert wäre, wenn sie nicht da gewesen wäre. Wenn sie wie alle anderen an ihm vorbeigelaufen wäre. Wenn er immer noch hier allein säße, mit seinen blockierten Gefühlen, mit der endlosen Leere. Wenn er niemanden gehabt hätte, der ihn in diesem Moment auffangen konnte, als er es am meisten brauchte.
Dieses Mädchen musste ein Engel sein. Sein persönlicher Schutzengel. Denn auch, wenn es ihn nicht vor dem schützen konnte, was passiert ist, so konnte er sie ein wenig auffangen, bevor er auf dem Boden aufschlug.
Ein kleiner Schritt für sie.
Ein riesiger Unterschied für ihn.
So viele Menschen sind vorbei gelaufen,
blind für das, was direkt vor ihren Augen passiert.
Warum ist es die Ausnahme,
dass jemand auf Mitmenschen achtet?
Warum ist es die Ausnahme,
anderen zu helfen,
wenn man sieht, dass sie Hilfe brauchen?
Warum sind wir so egoistisch geworden,
warum achten wir nur auf uns.
Eine kleine Geste.
Ein Moment Zeit,
den man sich für jemand anderen nimmt.
Ein wenig Verständnis.
Für einen Moment
Vorurteile vergessen,
angebliche Grenzen vergessen,
Unterschiede vergessen,
um einem anderen Menschen
einen Moment zu verschönern,
einen Tag zu retten,
vielleicht sogar das Leben.
DU LIEST GERADE
Gedankenwelt
LosoweDies ist ein Einblick in all die Gedanken, die mich Tag täglich im Leben begleiten, und auch in ein paar Träume. !Achtung! !TW! Beschreibung von Selbstverletzung und Suizidgedanken in manchen Kapiteln! (sind einzeln gekennzeichnet) Teilweise Texte...
