Vergessen

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(TW Demenz)

Ich sitze im Auto, mit meinen Eltern, meiner Schwester. Im Radio läuft ein Song, aber ich höre ihn kaum. Meine Eltern unterhalten sich, aber auch ihre Worte ziehen an mir vorbei, ohne dass ich etwas davon aufnehme. Die Landschaft an der Seite der Straße wechselt zwischen Feldern und Häusern, doch ich könnte nicht einmal sagen, welche Farbe ihre Wände haben.
Meine Gedanken sind nicht hier. Meine Gedanken sind immer noch bei dir. Bei den letzten Worten, die du zu uns gesagt hast. Dass der Tag schön war.
Die letzten Worte, die deine Freundin gesagt hat. Dass wir immer dein ganzer Stolz waren.

Ich hatte Angst, bevor wir zu dir gefahren sind, wie jedes Mal. Ich hatte keine Ahnung, in was für einer Verfassung du sein würdest. Ich hatte keine Ahnung, ob du uns erkennen würdest.

In Anbetracht dieser Fragen war der Tag heute echt gut. Auch wenn es vermutlich nicht einer deiner besten war, war es zumindest einer der besseren.

Trotzdem tat es weh. Es tat weh, dich so zu sehen. Ich frage mich jedes Mal, was dein altes Ich sagen würde, wenn es sehen könnte, wie es dir jetzt geht. Auf Hilfe angewiesen, fast den ganzen Tag im selben Raum, kaum noch draußen.
In einem Kopf voller Erinnerungen, und doch voller Vergessenem.

Wenn ich an dich denke, dann ist das erste Bild nicht das einer Frau mit grauen Haaren und leerem Blick. Es ist das Bild einer liebevollen Oma, die immer voller Energie und Lebensfreude war. Die mit uns gespielt hat, die um die ganze Welt gereist ist, die mit uns gemalt und gebastelt hat.

Ich bin froh darüber. Ich bin froh, dass es dieses Bild ist, das alles andere überlagert. Dass deine Krankheit nicht das ist, was meine Erinnerungen an dich prägt.

Und doch kann es nicht über das Gefühl hinweg täuschen, das ich jedes Mal habe, wenn wir bei dir waren. Dass es vielleicht das letzte Mal war, dass ich dich gesehen habe. Dass ich die Zeit mit dir mehr hätte wertschätzen müssen, als ich bei dir war. Solange ich die Möglichkeit habe.

Ich sage mir das jedes Mal, bevor wir zu dir fahren. Und jedes Mal stelle ich wieder fest, dass ich es nicht kann. Ich kann nicht so tun, als wäre alles gut. Ich kann nicht glücklich lächeln, wenn ich dich anschaue. Ich kann nicht dein altes Ich in deinem jetzigen sehen. Ich kann dir nicht in die Augen schauen.

Man sagt immer, dass die Augen der Spiegel zur Seele sind. Aber wenn das wirklich stimmt, dann muss deine Seele inzwischen ein wirklich verwirrender, leerer und zugleich trotzdem überfüllter Ort sein.
Doch vielleicht habe ich auch nur Angst, dass sie nicht deine, sondern meine Seele widerspiegeln. Dass ich selbst nicht mit deiner Krankheit umgehen kann. Dass ich meine eigene Angst, dich zu verlieren, darin sehen könnte.

Manchmal erinnerst du mich an ein kleines Kind. Dein verträumter Blick nach draußen, teilweise, als könntest du Dinge sehen, die den anderen Menschen verborgen bleiben, wie die Tiere in den Wolken, die man als Kind immer gesucht hat. Deine Freude über die kleinsten Dinge.
Aber dann ist da wieder diese Leere. In deiner Stimme, in deinem Ausdruck. Die Leere des Vergessens. Du weißt manchmal nicht, wer wir sind. Manchmal vergisst du die Dinge, die vor Kurzem passiert sind. Und manchmal, da entstehen ganz neue Geschichten aus deinen Gedanken, die nie passiert sind. Manche von ihnen sind schön, aber bei manchen zerreißt es mir mein Herz, sie zu hören.

Ich hoffe wirklich, dass es sich für dich nicht so schlimm anfühlt, wie es von außen aussieht. Du vergisst, ja, aber weißt du das überhaupt wirklich? Irgendwie wirst du es merken, ja. Gerade bei Dingen, die erst vor Kurzem passiert sind und jetzt eigentlich auch noch eine Rolle spielen, auf die dich andere vielleicht auch noch ansprechen. Aber was ist, wenn jemand vor dir steht, den du kennen müsstest? Wenn du diese Person mit dem falschen Namen in Verbindung bringst, dann hast du immer noch wenigstens irgendeine Verbindung. Aber was ist, wenn du keine Ahnung mehr hast, wer vor dir steht? Weißt du dann noch, dass du das Gesicht kennen müsstest, hast aber keinen Zusammenhang dazu, keine Erinnerungen? Oder fragst du dich dann eher, wie dieser Fremde zu dir ins Zimmer gekommen ist?
Ich weiß nicht, welche dieser Vorstellungen schlimmer ist.

Ich habe Angst, dass du mich irgendwann ganz vergisst. Dass du mich irgendwann gar nicht mehr erkennst. Dass du alle Erinnerungen verlierst, die wir zusammen hatten. Ich will nicht die einzige sein, die sich daran noch erinnert. Ich will die Erinnerungen teilen. Und auch wenn wir nicht darüber reden, kann ich jetzt trotzdem zumindest noch davon ausgehen, dass mein Gesicht in dir noch Erinnerungen weckt, dass da noch irgendwelche Gefühle sind, die du mit mir verbindest.

Wie würde es sonst in deinem Kopf aussehen? Gar keine Erinnerungen? Oder fehlen dir nur die Menschen darin? Oder eine Mischung aus beidem? Gibt es in deinen Gedanken Erinnerungen mit Menschen, denen du schon keinen Namen mehr zuordnen kannst?

Das Leben eines Menschen besteht doch irgendwie daraus, dass man Erinnerungen sammelt, dass man immer wieder auf sie zurückgreifen kann, dass sie einen verändern können, auch noch Jahre, nachdem sie passiert sind, und vor allem das man etwas hat, worüber man sich freuen kann, dass man es im Leben erreicht hat, dass man es erlebt hat. Gibt es das bei dir noch? Oder lebst du nur noch im Hier und Jetzt?

Manche Menschen meinen ja, dass man das ohnehin tun sollte. Die Vergangenheit ruhen lassen, den Moment erleben. Und wie sollte man das besser, als wenn man keinen Zugriff mehr auf die Vergangenheit hat?

Aber kann das wirklich so schön sein? Ganz auf den Kopf gefallen bist du ja auch nicht. Du müsstest wissen, dass die Erinnerungen fehlen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein schönes Gefühl ist. Selbst meine grausamsten Erinnerungen würde ich nicht unbedingt aufgeben wollen. Denn auch sie haben mich geformt, auf ihre Weise.

Ich hoffe einfach nur, dass man mit der Zeit einen Weg findet, mit dem Vergessen zu leben. Vielleicht kann man es irgendwann akzeptieren. Oder man vergisst einfach irgendwann, dass man vergisst.

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