"Lasst mich doch einfach alle in Frieden! Es ist meine Beziehung, mein Leben und verdammt noch mal meine Entscheidung!" Die Worte brannten in ihr, sie wollte sie ihren Eltern entgegenschleudern, wollte sie genauso treffen, wie sie es die ganze Zeit mit ihr taten. Doch sie konnte sie nicht aussprechen. Stattdessen verätzten sie ihre Zunge, bis sie gar nicht mehr in der Lage war, etwas zu sagen. Schweigend ließ sie die Worte ihrer Eltern über sich ergehen. Die Wut schmeckte bitter, doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie versuchte, den Geschmack herunterzuschlucken. Auf keinen Fall durfte sie jetzt auch noch vor ihnen explodieren; das würde alles nur noch schlimmer machen.
Ihre Eltern merkten nichts von ihrem inneren Kampf. Sie fuhren immer weiter fort, schienen nicht einmal eine Antwort, eine Verteidigung zu erwarten. Oder sie gingen davon aus, dass sie gar nicht widersprechen wollte und das Schweigen eigentlich nur eine Form der Zustimmung war. Und selbst wenn das nur eine Illusion ihrerseits gewesen ist, so war es ja doch das, was sie erreichen wollten. Keine Widerworte und kein sinnloses Verteidigen waren schließlich die ersten Schritte in die richtige Richtung - dahin, dass sie verstand, dass sie eigentlich doch recht hatten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte.
Es war keine Zustimmung. Es war der verzweifelte Versuch, ihre Eltern nicht genauso zu verletzen, wie sie es mit ihr taten. Auch wenn sie es vermutlich nie geschafft hätte, dieses Level zu erreichen, so hätte wahrscheinlich eine einzige Andeutung in diese Richtung gereicht, damit ihre Eltern noch verletzender wurden. Und das Risiko wollte, konnte sie nicht eingehen. Denn das hätte früher oder später vermutlich damit geendet, dass sie vollkommen zusammenbrechen würde. Doch das musste warten, bis sie alleine in ihrem Zimmer war. Auf keinen Fall durfte sie vor ihren Eltern schwach wirken - die hätte ohnehin nie verstanden, warum sie verletzt sein sollte.
Hoffentlich verstand sie, dass ihre Eltern eigentlich nur versuchten, sie zu beschützen. Sie wollten doch nur, dass sie nichts tat, was sie später bereuen würde. Und sie war noch nicht erfahren. Sie wusste nicht, was gut für sie war, was ihr schaden würde. Sie war doch ihre kleine Tochter. Ihr durfte nichts passieren.
Wahrscheinlich dachten ihre Eltern noch, sie würden ihr damit helfen. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie wenig ihre Eltern über sie wussten. Gut, sie hatte selbst einen großen Teil davon zu verantworten, weil sie einfach nie mit ihnen sprach. Allerdings lag das daran, dass sie nie das Gefühl hatte, ihre Eltern könnten sie verstehen. Stattdessen würde sie immer mit Ablehnung und Verurteilung ihrerseits rechnen.
Sie war schon lange nicht mehr das kleine, unerfahrene Mädchen, das ihre Eltern anscheinend immer noch in ihr sahen. Sie hatte Erfahrungen gemacht, schmerzhaftere als ihre Eltern vermutlich je machen würden. Und doch dachten ihre Eltern immer noch, dass sie so viel besser über die Welt Bescheid wüssten, obwohl sie nicht einmal ihre eigene Tochter kannten.
Ihre Gefühle für ihren Freund, die gesamte Beziehung mit ihm - ihre Eltern hatten keine Ahnung, worauf die aufbauten oder wie viel es ihr bedeutete. Sie kannten die Seite von ihr nicht, die Gefühle zuließ. Sie verstanden sie nicht, auch wenn sie das dachten. Dementsprechend verstanden sie auch ihre Beziehung nicht. Es wäre ja nur halb so schlimm gewesen, wenn ihre Eltern die einfach akzeptieren würden und einsehen würden, dass sie es nie verstehen werden.
Sie wollten nicht akzeptieren, dass es einen offensichtlichen Teil an ihrer Tochter gab, den sie nicht verstanden. Das hatte es noch nie gegeben. Sie war ihre Tochter - natürlich verstanden sie sie und kannten sie. Aber plötzlich gab es diesen geheimnisvollen Teil, und sie weigerte sich, den zu erklären. Da war es doch logisch, dass sie versuchten, mehr darüber herauszufinden. Schließlich hatten sie ja auch ein Recht dazu, zu erfahren, was in ihrer Tochter vorging. Doch solange sie nicht sicher sein konnten, dass er, ihr Freund, wirklich so gut für sie war, wie sie zu glauben schien, war es ihre Aufgabe, ihr alles Mögliche aufzuzeigen, weshalb sie später verletzt werden könnte, oder nicht?
Warum konnten ihre Eltern sie nicht einfach damit in Ruhe lassen? Es hatte sie doch noch nie interessiert, wenn sie wirklich verletzt gewesen war. Nun, daran waren sie auch einige Male beteiligt gewesen waren - da war es natürlich auch schwer, sich zu gestehen, dass der Fehler bei einem selbst lag.
Doch jetzt, als sie endlich wirklich glücklich war und sich sicher war, nicht wieder verletzt zu werden - zumindest nicht von ihm - da mussten ihre Eltern dazwischenfunken. Vielleicht wollten sie sie ja wirklich nur beschützen. Aber konnten sie nicht sehen, dass es ihr das erste Mal seit Ewigkeiten wirklich gutging? Denn auch wenn sie die meiste Zeit die Fassade der glücklichen Tochter aufrecht gehalten hatte, so war sie trotzdem schon einige Male gebröckelt. Konnten sie denn nicht sehen, dass ihr Lächeln endlich echt war, dass sie sich nicht mehr nur hinter einer Fassade versteckte, sondern wirklich selber glücklich war? Warum konnten sie nicht einmal bei ihr, ihrer eigenen Tochter, erkennen, ob sie schauspielerte oder ehrlich glücklich war? Aber nein, stattdessen mussten sie Salz in alte Wunden streuen, die langsam verheilten und neue aufreißen.
In diesem Moment bereute sie es mehr als je zuvor, ihren Eltern überhaupt davon erzählt zu haben, dass sie einen Freund hatte. Hätte sie es einfach gemacht wie immer und es ihnen verheimlicht, dann müsste sie sich all das nicht antun. Es bestätigte sich immer wieder - es war einfach besser, ihnen nichts zu erzählen. Denn letztendlich fanden sie immer einen Weg, ihren Schmerz zu verstärken oder neuen zu erschaffen.
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Gedankenwelt
De TodoDies ist ein Einblick in all die Gedanken, die mich Tag täglich im Leben begleiten, und auch in ein paar Träume. !Achtung! !TW! Beschreibung von Selbstverletzung und Suizidgedanken in manchen Kapiteln! (sind einzeln gekennzeichnet) Teilweise Texte...
