Regennacht

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(Tw: Erwähnung von SA, SV, ED, Suizidgedanken)

Stetig prasselte der Regen auf den grauen Asphalt. Die Lichter der Straßenlaternen spiegelten sich auf der nassen Oberfläche.

Das Mädchen trug eine schwarze Regenjacke, dunkelgraue Jeans. Die Kapuze hing locker auf ihren braunen, langen Haaren, schützte sie aber kaum vor der Nässe.

Tropfen liefen über ihre Wangen. Sie wusste selbst nicht mehr, ob sie vom Regen oder von ihren Tränen stammten.

Sie ging langsam die leere Straße entlang. Niemand begegnete ihr, niemand sah sie. Sie war allein, nur der Regen war bei ihr, der leise mit ihr weinte.

Sie bog auf die Straße ein, die sie zum Park führen würde. Wenn ihre Mutter gewusst hätte, dass sie nachts alleine dort hinging... Sie hätte ihr einen ewigen Vortrag gehalten, über all die Gefahren, über die Männer, die dort lauerten und nur darauf warteten, so ein junges Mädchen in die Finger zu bekommen.

Ihre Mutter hatte keine Ahnung, dass sie schon längst wusste, wie es sich anfühlte, vergewaltigt zu werden.

Nicht, dass sie das unbedingt noch mal erleben wollte. Es kümmerte sie nur nicht mehr wirklich. Und falls es doch passieren sollte, hoffte sie, dass er sie wenigstens danach umbringen würde.

Inzwischen spürte sie den steinigen Weg des Parks unter ihren Schuhen. Die blattlosen Äste der Bäume boten kaum Schutz vor dem Regen, aber das war ihr ganz recht. Sie mochte das Gefühl der kalten Spuren, die die Tropfen auf ihrer Haut hinterließen. Sie waren sanfter als die brennenden der Tränen.

Die vereinzelten Laternen am Wegesrand taten nicht viel, um den Weg vor ihr zu beleuchten. Hin und wieder trat sie dadurch in eine der unzähligen Pfützen, aber ihre Schuhe waren von dem Regen ohnehin bereits völlig durchnässt.

Wenn das ihre Mutter gewusst hätte... Sie holte sich bestimmt gerade eine heftige Erkältung. Aber das bedeutete nur einen Grund, weniger essen zu können, und
vielleicht wurde sie dann ja auch wieder schwach genug, um sich nicht den ganzen Tag ihren Kopf über Dinge zu zerbrechen, an die sie gar nicht denken wollte.

Sie blieb an einer Bank stehen, unschlüssig, ob sie sich setzen sollte, entschied sich schließlich aber dafür. Von der ursprünglichen Energie, die ihr die Wut gegeben hatte, als sie aus der Wohnung gerannt war, war kaum noch etwas übrig. Der Gedanke weckte in ihr die Erinnerung an all die Abende, an denen sie ihre Wut an ihrer Haut ausgelassen hatte, als sie noch eingesperrt war in den Wänden der Wohnung ihrer Eltern, als sie nicht davor wegrennen konnte.
Vorsichtig schob sie den Ärmel ihrer Jacke hoch und strich sanft über die vernarbte Haut ihres Unterarms.
Sie stellte sich vor, wie sie wohl mit dem Tattoo aussehen würde, das sie sich schon lange wünschte - ein Herz mit einem kleinen Semikolon an der Seite.

Gedankenverloren richtete sie ihr Gesicht dem Himmel entgegen, genoss das Gefühl des Regens auf ihrer Haut. Er wischte die letzten Spuren der Tränen weg, und für einen Moment fühlte sie sich vollkommen ruhig. Sie war allein, niemand, der sie anschrie, niemand, vor dem sie sich rechtfertigen musste, niemand, der ihr irgendetwas vorschreiben wollte, niemand, dem sie es wieder rechtmachen musste.

Sie wusste, dass dieses Gefühl nicht lange anhalten würde, dass sie nach Hause würde zurückkehren müssen. Aber für den Augenblick wollte sie es einfach nur genießen.

In diesem Moment spürte sie, wie sich eine warme Hand auf ihr Handgelenk legt.
Erschrocken schaut sie den Neuankömmling an.
"Wer? Was?", stotterte sie und rutschte ein Stück von ihm weg.
Er sagte nichts, hielt ihr Handgelenk nur weiter fest. Ganz sanft, so als könnte sie ihm ihre Hand jederzeit entziehen, wenn sie es nur wollte.

Aber sie wollte es nicht.
Denn die Wärme, die von ihm ausging, breitete sich langsam von ihrem Arm in ihrem ganzen Körper aus. Sie bildete sich sogar kurz ein, dass ihre Adern am Arm golden geleuchtet hätten, ganz schwach.

Der Fremde sah ihr in die Augen. Seine grünen mit goldenen Sprenkeln waren voller Wärme. Noch immer schwieg er, doch in seinem Blick sah sie etwas, wonach sie sich solange schon gesehnt hatte - Verständnis.

Sie hatte sich nicht erklären müssen. Sie hatte nichts sagen müssen. Und trotzdem wirkte es, als würde er sie verstehen, als wüsste er, wie es ihr wirklich geht.

Ein eigenartiges Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit breitete sich in ihr aus. Vorsichtig rutschte sie wieder näher zu ihm.

"Wer oder was bist du?", flüsterte sie, aus Angst, ihn zu verschrecken.
Wie zur Antwort legte er ihr einen seiner Flügeln um die Schultern. Für einen Moment wunderte sie sich, dass sie ihr nicht früher aufgefallen waren, bis sie sah, dass sie vollkommen schwarz waren und perfekt mit der dunklen Umgebung verschmolzen. Genauso wie er.

Vollkommen überfordert starrte sie ihn an.
"Wir Schutzengel sehen nicht immer so aus, wie man denkt, und wir kommen nicht immer in den Momenten, in denen man es erwarten würden. Manche von uns sind auch nicht anders als ihr - gebrochene Seelen, die alles dafür geben, die zu schützen, die ihnen wichtig sind."

"Schutzengel?", wiederholte sie verwirrt. "Ich hatte die Hoffnung an so etwas schon lange aufgegeben."
Etwas verletzt blickte der Engel sie an, bevor sein Blick wieder weicher wurde. "Ich denke, das ist dein gutes Recht. Aber ja, ich bin dein Schutzengel."

"Und wo warst du die ganze Zeit, als ich dich gebraucht hätte?" Wut baute sich in ihr auf.
"Wir funktionieren nicht so, wie die Menschen sich das immer vorstellen. Wir sind bei euch, begleiten euch, aber wir können nicht alles Leid von euch abwenden. Wir sind mehr dafür da, euch zu helfen. Und wenn wir das nicht können..." Er verstummte.

"Dann... dann zerbrecht ihr? Werdet ihr auch zu gebrochenen Seelen, wie du es gerade so schön ausgedrückt hast, genauso wie die Menschen? Wie ich?"
Er nickte. "Es tut mir leid. Und ich wünschte so sehr, ich hätte dich schützen können."

"Warst du die ganze Zeit bei mir?", fragte sie.
Er nickte. "Wir zeigen uns nicht immer. Manchmal nie. Manchmal nur, wenn es nicht anders geht. Und manchmal, da zeigen wir uns als Menschen, als Tiere in dem Umfeld unserer Menschen. Aber egal, ob wir gerade zu sehen sind oder nicht, wir sind immer bei den Menschen. Ich bin immer bei dir. Hier", sagte er und deutete mit seiner Flügelspitze auf ihr Herz.

"Warum zeigst du dich mir jetzt?", wunderte sie sich.
"Weil du mich gebraucht hast. Und weil ich es nicht länger ertragen konnte, dass du dachtest, du wärst ganz allein. Du bist nie allein. Ich bin immer an deiner Seite, wenn du mich brauchst."

Er sagte das wie ein Versprechen. Ein Versprechen, das er niemals brechen würde. Und zum ersten Mal seit Langem glaubte sie wieder einem Versprechen.

Sie rutschte das letzte Stück zu ihm und umarmte ihn. Er legte ihr seinen Flügel noch enger um die Schulter und hob ihn ein wenig höher, sodass sie zumindest zu einem großen Teil vor dem Regen geschützt war. Und zum ersten Mal fühlte sie sich von der Wärme besser geschützt als von der Traurigkeit des Regens.

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Danke an F, dass du mein Schutzengel bist.
Ich liebe dich.

~21.10.2025

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