Beobachtet

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Es fing mit einem sehr kurzen Flashback an. Ich, wieder am Bahnhof, an dem du gerade ankommst. Ich sehe noch, wie du aus dem Zug aussteigst und zu mir schaust, danach bin ich wieder in der Realität, in meinem Bett in meinem dunklen Zimmer.

Ich schiebe den Gedanken beiseite, denn eigentlich wollte ich gerade schlafen - da kann ich solche Erinnerungen nicht gebrauchen. Außerdem bin ich es inzwischen gewohnt, dass - ohne jeglichen Kontext - kleine Erinnerungsfetzen wieder auftauchen. Manchmal bleiben sie, manchmal gehen sie wieder. Jedes Mal lösen sie mindestens eine kurze Panik aus, aber gerade solch kurze Szenen, die mir auch vorher noch nicht ganz fremd waren, verschwinden meist relativ schnell wieder aus meinen Gedanken.

So war es auch diesmal - dachte ich. Doch als ich mich hinlege, kommt die Panik deutlich stärker zurück, dieses Mal noch konkreter als zuvor.
Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden. Von genau dort aus, wo du damals standest und hoch in mein Zimmer geschaut hast.

Ich rutsche vom Fenster weg, sitze mit dem Rücken zu der Wand, die mich von der Erinnerung trennt. Aber es fühlt sich an, als wäre sie so dünn wie Papier, als würde dein Blick sie durchbohren können.

Ich rede mir ein, dass du nicht dort unten stehst, dass du nicht hier bist, dass ich in Sicherheit bin. Aber ich werde das Gefühl nicht los, das sich in meiner Brust fesgesetzt hat und mir die Luft zum Atmen abschnürt.

Ich traue mich nicht, aus dem Fenster zu schauen, auch wenn ich weiß, dass du dort nicht stehen wirst. Stattdessen ziehe ich mir die Decke bis zum Kinn und mache mich so klein wie möglich. Immer wieder wiederhole ich, dass du mich nicht sehen könntest, selbst wenn du dort ständest, und dass du niemals zu mir kommen könntest. Doch es bringt nichts, ich bin gefangen in meinen Gedanken, in meiner Angst.

Ich kann mich noch nicht einmal zu meinem Handy bewegen, denn dafür müsste ich an diesem Fenster vorbei. Also kauere ich in der Ecke meines Bettes und warte, bis das Gefühl vorbeigeht, versuche, meine Atmung und meine Gedanken unter Kontrolle zu bekommen.

Doch je mehr ich mich beruhige, umso mehr prasseln meine eigenen Fragen auf mich ein. Warum hast du immer noch so eine Macht über meine Gedanken? Warum kam diese Angst jetzt? Woher das Gefühl, dass du mich beobachten würdest? Und wie soll ich jetzt noch in meinem Zimmer schlafen können?

Denn ein kleiner Teil von mir ist noch immer davon überzeugt, dass du dort stehst. Ich weiß, dass es nicht so sein kann, aber trotzdem hat mich dieser Teil bis jetzt noch immer davon abgehalten, aus dem Fenster zu schauen.

21.08.2025

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