Verlorener Verstand?

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Liebe.

Es gibt so viele Geschichten über sie. So viele Menschen, die von diesem einen Gefühl berichten. Dem Gefühl, das stärker sein soll als alle anderen. Kein anderes Gefühl könne den Verstand von Menschen, ihr Denken, ihr Handeln so stark beeinflussen. Es sei das schönste, berauschendste, mächtigste Gefühl von allen. Aber wie alles Gute habe auch sie ihre Schattenseite. Eifersucht. Hass. Liebeskummer. All diese Gefühle sollen aus ihr entstehen. Die tiefste, dunkelsten Gefühle. Die, die Menschen zu grausamen Gedanken und Handlung bringen.

Doch diese Liebe, was ist sie überhaupt?
Wie kann ein simples Gefühl so starke Auswirkungen auf die Menschen haben? Wie soll dieses Gefühl Menschen dazu bringen, die andere Person komplett über alles andere zu stellen? Wie soll die allseits bekannte „rosa-rote Brille“ einen alle Fehler ausblenden lassen können? Ich meine, Liebe ist ein Gefühl. Nicht mehr. Ich habe immer fest daran geglaubt, dass es eine Sache gibt, die stärker ist, als es Gefühle je sein könnten – Verstand.

Ich war von jeher ein sehr rationaler Mensch. Egal, was ich gefühlt habe, ich konnte immer klar denken. Naja, zumindest glaube ich das. Ich bin anderen Menschen gegenüber nicht unnötig laut geworden, wenn ich wütend war. Ich habe in niemandem alle Fehler gesucht, die ich finden konnte, nur weil ich die Person nicht mochte, sondern habe eher versucht, noch etwas Positives zu finden. Ich habe niemanden für etwas verurteilt, dass er in seiner Vergangenheit gemacht hat. Für mich haben immer nur zwei Dinge gezählt – wie sich jemand mir und meinen Freunden gegenüber im Hier und Jetzt verhält und ob er sich, wenn er etwas falsch macht, ändert. Zudem war ich immer jemand, der alles hinterfragt hat – rein rational. Egal, was ich gefühlt habe, ich habe immer versucht, alles aus einer neutralen Perspektive zu sehen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich nie daran geglaubt habe, dass Liebe wirklich einen Menschen komplett verändern könnte oder dass man blind wird für die Fehler, die ein anderer Mensch gemacht hat, dass man ihn immer als den besten, den tollsten Menschen auf der Welt ansieht. Ich hatte mich gefragt, wie jemand mit einem Menschen zusammen sein kann, der einem doch eigentlich schadet. Vielleicht aus Abhängigkeit, zum Beispiel in finanzieller Hinsicht oder wenn man beispielsweise ein gemeinsames Kind hat, das nicht ohne ein Elternteil aufwachsen sollte. Diese Gründe habe ich verstanden. Aber nur aus Liebe? Es muss doch eine Grenze geben, die selbst die Liebe nicht überschreiten kann, oder nicht? Ich konnte mir nie vorstellen, dass jemals ein Gefühl es schaffen könnte, dass der Verstand komplett aussetzt. Würden nicht manche Dinge stark genug sein, damit das Schöne an der Liebe überdeckt wird?

Ich glaube, ich muss all meine früheren Gedanken über Bord werfen. Wobei… nein. Ich muss sie nur mit neuem Wissen auffrischen. Zu Beginn habe ich gefragt, was Liebe eigentlich ist. Früher war die Antwort für mich klar – Liebe ist wie Freundschaft, wie beste Freundschaft. Dieselbe Art von Zuneigung, Fürsorge, Verbundenheit wie bei einer Freundschaft, nur stärker. Vom Prinzip her ist denke ich noch immer dasselbe. Nur gibt es einen Unterschied. Wenn man eine Person liebt, macht man sich von ihr abhängig. Ob es dem anderen gutgeht oder nicht, wirkt sich darauf aus, wie es einem selbst geht. Was der andere von einem denkt, ist wichtiger als die Meinung aller anderer. An sich wird die Meinung anderer ziemlich uninteressant. Einzig und allein die Meinung der Person, die man liebt, zählt. Wahrscheinlich sogar mehr als die eigene. Und damit auch mehr als das, was man selbst denkt – was der eigene Verstand einem sagt. Denn das Einzige, was man sich in diesem Moment wünscht, ist, diese Person niemals zu verlieren, und dass man ihr genauso wichtig ist, wie sie einem selbst.

Und da wären wir – beim Verstand. Es ist nicht so, dass der Verstand gar nicht mehr existieren würde – so hatte ich es mir früher immer gedacht. Er zählt nur einfach nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so sehr. Das gilt vor Allem in Bezug auf Verzeihung – der Punkt, den ich früher am allerwenigsten verstanden habe. Egal, ob es Dinge sind, die in der Vergangenheit passiert sind, Dinge, die nichts direkt mit einem selbst zu tun haben – man verzeiht alles. Doch alles umschließt auch noch einen weiteren Punkt – Dinge, die mit einem selbst passiert sind.

Wenn man die andere Person liebt, verzeiht man alles. Denn es verliert schlichtweg an Bedeutung. Gedanken wie „es wird nicht wieder passieren“ oder „so schlimm war es ja nicht“. Denn schließlich gilt ja immer noch der (unterbewusste) Gedanke, dass die Person niemals etwas falsch machen würde. Die Fehler liegen bei allen anderen – oder bei einem selbst. Genau dieser Gedanke, dass die Person, die man liebt, perfekt ist, lässt einen den Fehler immer bei sich selbst suchen. Sieht man selbst die Situation gerade als viel schlimmer als sie ist? Hat man selbst nicht deutlich genug gezeigt, was man will und was nicht? Hat man selbst sich nicht gut genug kommuniziert und hat der andere einen deswegen falsch verstanden? War man selbst vielleicht der Auslöser für das Verhalten der anderen Person?

Diese Gedanken sind eine logische Schlussfolgerung. Und ich glaube, damit ist nun klar, inwiefern der Verstand „aussetzt“. Es ist nicht so, dass die Stimme der Vernunft komplett verschwindet. Man ignoriert sie nur beziehungsweise sieht das, was die Person, die man liebt, sagt, als richtig an, auch wenn es das nicht ist. Die andere Person ist perfekt – und perfekt heißt, dass sie keine Fehler macht, oder zumindest keine, die nicht gerechtfertigt wären. Und wenn nun mal kein anderer involviert war als man selbst, muss man selbst schuld sein.

Doch das größte Problem an all dem ist nicht, dass man es denkt, sondern dass man es nicht merkt. Man merkt nicht, dass all das, was gerade zu wissen glaubt, nur durch die Liebe beeinflusst wird. Die Meinung anderer ist egal, die Person würde niemals etwas gegen sich selbst sagen – man ist also auf sich selbst und seinen vernebelten Verstand angewiesen – und bis man selbst es erkennt, dauert es – manchmal auch zu lang.

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