Was du mir beigebracht hast

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(TW: kurze Erwähnung von SV, Suizid, SA, ED, Homophobie)

Die Erinnerungen schießen durch meinen Kopf, Szenenauschnitte wie aus einem Horrorfilm. Die Filmmusik - dein Lachen.
Ich bin gefangen in den Bildern meiner Vergangenheit, gefangen in meinem eigenen Körper, der mich an sie erinnert, in einem Wechsel zwischen Angst und Verzweiflung.

Und im Hintergrund immer nur dein Lachen.

Du weißt nicht, was mir passiert ist.
Dass es mich jedes Mal an mich selbst erinnert, wenn in den Filmen jemand versucht, sich umzubringen, sich verletzt, vergewaltigt wird.
Du weißt nicht, dass ich selbst queer bin, und dass all deine Worte gegen sie auch gegen mich gehen.

Du weißt nicht, dass dein Lachen sich anfühlt, als würdest du mich, meinen Schmerz, meine Identität, meine persönliche Hölle auslachen.

Du hast mir immer wieder gezeigt, dass das nichts wert ist. Ich habe dir von meinen Gedanken erzählt, du hast die Narben gesehen. Du hast selbst vermutet, dass ich lesbisch sein könnte. Aber das alles war ja nur eine Phase, die inzwischen längst vorbei ist. Eine Phase, die deshalb auch nichts mehr wert ist, die mir egal sein sollte. Genauso, wie sie dir egal ist.

Ich solle nicht so empfindlich reagieren, bekomme ich jedes Mal zu hören, wenn ich doch mal bemerkbar mache, dass du mich mit deinem Verhalten verletzt.

Also lasse ich es. Es interessiert dich nicht, es ist nicht wichtig, ich stelle mich ja eh nur wieder an. Das ist doch genau das, was du mir beigebracht hast. Oder nicht?

Warum wunderst du dich, wenn ich dir nicht von Verletzungen erzähle? Wenn ich Krankheiten vor dir verstecke? Warum ich dir nicht von meiner Vergangenheit erzähle, sondern alles vor dir verstecke? Hast du selbst nie realisiert, dass alles, was ich dir erzählt habe, dich nie interessiert hat? Denkst du wirklich, dass ich noch genug Vertrauen in dich hätte, damit ich dir die wirklich wichtigen Dinge erzähle, wenn du mir nicht einmal bei den kleinen genug vertraust, mir zutraust, dass ich einschätzen kann, was wichtig ist?

Wenn ich dir von mir erzähle und du mir nicht glaubst, weil du denkst, dass du es ohnehin besser beurteilen kannst als ich - schließlich bist du ja die Ältere und Erfahrenere, obwohl du nie dieselben Lebenserfahrungen gemacht hast wie ich - wie kannst du dann von mir erwarten, dass ich weiter mit dir rede?

Ich habe gelernt, alles zu verstecken. So sehr, dass du es nicht einmal merkst, dass ich überhaupt etwas vor dir verheimliche.
Ich habe einen kompletten Nervenzusammenbruch? Sobald du das Zimmer betrittst, sehe ich aus, als wäre alles normal.
Ich würde mich am liebsten übergeben, weil mir von deinen Kommentaren noch übler wird, als mir ohnehin schon ist? Ich bleibe sitzen und esse brav weiter.
Mein Kreislauf ist kurz davor, zusammenzubrechen? Solange du in meiner Nähe bist, lasse ich mir nichts anmerken, selbst wenn mir schwarz vor Augen wird.

Du wirst es nicht sehen, wenn ich es dich nicht sehen lasse.
Dabei gibt es inzwischen schon Situationen, in denen ich meine Gefühle nicht mehr unterdrücke. Ich sitze manchmal einfach still da und starre aus dem Fenster, reagiere nicht einmal auf deine Ansprache. Ich lasse das Zittern zu, wenn ich beim Mittagessen dir gegenüber sitze.
Denn du merkst es eh nicht. Du fragst nicht, was los ist. Du siehst nicht, dass etwas nicht stimmt. Oder aber es ist dir egal. Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass es in diesen Momenten einfacher ist, die Gefühle einfach zuzulassen, weil sie ohnehin keine Auswirkungen haben werden.

Und versteh mich jetzt bitte nicht falsch - ich finde es fast schon gut, dass es diese Momente gibt. Denn so muss ich mich weniger verstecken und es ist weniger anstrengend für mich.
Das heißt aber dennoch nicht, dass ich es nicht trotzdem schade finde, dass du nichts merkst und ich auch nicht wollen würde, dass du es merkst, weil ich nicht mit dir reden kann.

Natürlich wünsche ich mir manchmal, dass ich eine Mutter hätte, mit der ich über meine Probleme reden kann, die sie erkennt und die zumindestens versuchen würde, mir damit zu helfen.

Aber die habe ich nicht.
Ich habe nur die, die mir beigebracht hat, zu schweigen.

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