47: Immer wieder sonntags

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Es war sein Traum.
Ich wusste es von der ersten Minute an. Die Minute in der er mir erzählt hat, was er nach der Schule machen möchte.
Nach dem Abi.
Und jetzt war es soweit.
Das Abi war in der Tasche. Die Zeugnisse haben wir schon vor Wochen in den Händen gehalten.
Und während ich eine Ausbildung angefangen hatte, um Geld zu verdienen und etwas in der Tasche zu haben, arbeitete er genau auf sein Ziel hin.
Es war sein Traum.
Dagegen redete ich gar nicht. Nur machte es mir ein wenig Angst. Angst ihn zu verlieren, Angst ihn zu sehr zu vermissen. Angst, dass wir das ganze nicht schaffen werden.
Denn nachdem wir uns jetzt 2 Jahre lang, eigentlich sogar länger, jeden Tag gesehen haben und viele Nächte nebeneinander verbracht haben, heißt es jetzt Abschied nehmen. Und das immer und immer wieder.
Mama sagte mir, man gewöhne sich dran, es würde zur Routine werden.
Er sagte mir, es wird bald besser, wenn sich der Standort wechselst und er ein Auto hat. Dann können wir uns länger sehen.
Und Papa sagte mir, dass wir das schaffen, weil wir uns eine Basis geschaffen haben, die es uns erleichtert damit umzugehen.
Mit der Wochenendbeziehung.
Während er frühs aufsteht und nachmittags Feierabend hat, gehe ich vormittags zur Arbeit und komme erst abends nach Hause. Und doch schaffen wir es, jeden Abend zu telefonieren.
Es werden auch noch Zeiten kommen, wo wir nicht telefonieren können, aber daran möchte ich jetzt gar nicht denken.
Nicht jetzt, wenn es eh echon genug weh tut, dass ich heute wieder Abschied nehmen muss und mich nur darauf freue, dass das nächste Wochenende anbricht. Das kann gar nicht schnell genug passieren.
Sein Kopf liegt auf meiner Brust. Ruhig atmet er beim schlafen ein und aus.
Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen. Konnte nur daran denken, was ist, wenn es mich auffrisst, weil es etwas komplett anderes ist. Ich konnte nur an den Abschied denken und mich darüber freuen, was für einen schönen Abend wir gestern Abend in der Therne hatten.
Und doch schmerzt mein Herz jetzt schon, wenn ich daran denke, wie ich ihn nachher zum Bahnhof bringen muss.
Ich streichle über seinen Kopf und halte ihn fest. Am liebsten würde ich ihn gar nicht erst gehen lassen. Doch das geht nicht.
Und während es mir schlecht geht und ich das nicht allzu gut immer verbergen kann, versucht er nur die Zeit zu genießen, die wir haben und erst am Bahnsteig, wenn er in den Zug steigt und der Zug weg fährt und ich alleine da bleibe, erst dann kommt die Nachricht, dass es ihm auch schlecht geht, er mich vermisst und wieder zu mir will.
Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen, dass wir das schaffen werden.
Was sind denn schon vier oder fünf Jahre? Wie schnell verging bitte die Abi-Zeit? Wie schnell vergingen die letzten zwei einhalb Jahre mit ihm? Und wie schnell verging meine letzten 18 Jahre seitdem ich hier auf der Welt bin.
Und genauso schnell vergehen auch die Wochen. Schwups und es ist Freitag.
Nur ist es leider nur ein Schnippsen bis Sonntag ist und wir wieder an der gleichen Situation stehen.
Aufwachen, Kuscheln. Jedes Mal sagt er, dass wir aufstehen sollten und jedes Mal schaffen wir es beide nicht. Ich nicht, weil ich zu erschöpft bin und er nicht, weil er sagt, 'gut ok, fünf Minuten' und dann selbst nicht mehr hochkommt.
Es ist wirklich jeden Sonntag das gleiche. Und ehrlich? Ich liebe es.
Ich liebe es, einfach nur zu kuscheln, zu gammeln und die Nähe zu genießen, die ich unter der Woche nicht habe.
Ich bin überzeugt davon, dass wir auch eine schöne Zeit hätten, würden wir aufstehen und etwas machen, aber sonntags fehlt mir die Motivation dazu.
Zu wissen, dass wenn ich aufstehe, die Nähe weniger wird, die Zeit vergeht und es dann plötzlich wieder Zeit ist zum Gleis zu gehen, raubt mir jede Motivation und jeden Funken Kraft, der vielleicht in mir schlummert.
Ich liebe ihn.
Ich liebe ihn von ganzem Herzen.
Er ist mein Herz, mein alles. Meine Liebe, mein Licht, meine Sonne. Mein Mond, meine Sterne, mein Leben. Der Sauerstoff, den ich zum Atmen brauche, meine Beine, die ich zum Laufen brauche und meine Arme, die ich brauche um meinen Job auszuüben.
Er ist einfach mein Lieblingslungsmensch und zwar der allerliebste Lieblingsmensch auf der ganzen Welt.
Mit jedem Tag, mit jeder Sekunde mit jedem Lächeln, mit jedem Telefonat,  mit jeden Bild und mit jedem gemeinsamen Augenblick macht er mich zu einem besseren Menschen. Zu einer besseren Version von mir selbst.

„Guten Morgen mein Schatz”, grummelt es plötzlich auf meiner Brust, „Seit wann bist du wach?”
„Guten Morgen. Seit um sechs oder so”, gestehe ich und lasse mich von ihm in einem guten Morgen Kuss ziehen.
Nie habe ich ein Wochenende so genossen wir dieses. Und warum? Weil er mir die Augen geöffnet hat. Er hat gesagt, ich solle es genießen und mich nicht auf den Abschied fokussieren, der immer näher ist als das Wiedersehen. Und genau das habe ich dieses Wochenende gemacht.
Trotzdem lag ich wach, habe mich gesielt und gehofft, dass die Zeit stehen bleibt.

Der Tag vergeht genau wie immer. Und jetzt stehen wir am Bahnhof. Er im Zug in der Tür und ich davor auf dem Gleis, die Tränen zurück haltend.
„Ich liebe dich”, hauche ich zwischen zwei Küsse.
Noch fünf Minuten.
„Ich liebe dich auch mein Schatz”
Mehr küsse. Mehr Umarmungen.
Noch vier Minuten.
Noch ein letztes Mal küssen und umarmen, ihn davon abhalten mich in den Zug zu ziehen. „Ich lieb dich” - „Ich liebe dich auch”. Immer und immer wieder.
Noch drei Minuten.
Ich trete zurück, die Tür will zu gehen, er hält seinen Arm dazwischen, die Tür bleibt offen.
Ich sehe es in seinen Augen. Wir wollen es beide nicht.
Noch zwei Minuten.
Ein letzter Kuss, dann geht die Tür zur.
Noch eine Minute.
Wir legen unsere Hände an die Scheibe. Ich kann meine Tränen nicht mehr zurück halten.
Der Zug rollt los.
Und ich bleibe alleine zurück.
Immer wieder sonntags..
Schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Freitag...

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