48.

19 8 0
                                    

Die Neuigkeit über den Tod des Königs hatte sich schnell in Fandrum verbreitet, sodass auch Felician es an seinem neuen Arbeitsplatz mitbekommen hatte.
Seit Gem das Training erstmal abgesagt hatte, machte er sich Sorgen um sie.

Der Münzpräger, Geor, hatte ihm glücklicherweise die nächsten Tage frei gegeben, sodass er bei Shenni bleiben konnte, die fleißig las und lernte.

Er bürstete seiner kleinen Schwester gerade die Haare, da sie der Beerdigung beiwohnen würden. Währenddessen fragte er sich, weshalb alle Burgbewohner kommen und sich auch noch herausputzen mussten.
Immerhin hatte er mit der Königsfamilie nichts zu tun, er kannte sie nicht, sie kannten ihn nicht und bisher war er damit ganz zufrieden.
Er seufzte und stand auf.
Shenni hatte eines ihrer alten Kleider an, das eine Schleife um die Taille hatte, ihr aber zu klein war. Trotzdem das Feinste was er hatte finden können. Er trug ein gewaschenes Hemd und einen weiten schwarzen Umhang, ansonsten nichts Besonderes. Felician nahm seine Schwester an die Hand und sie verließen die Wohnung.

Als er sah, wie aufgeregt sie war, bereute er es wieder, dass sie so selten aus der Wohnung kam. Sie waren auf dem Weg zu einer Beerdigung, aber für seine kleine Schwester war es ein Ausflug.
Auch Shennis gute Laune legte sich, als die Geschwister den Strom der schweigenden schwarz gekleideten Leute erreichten und sich einreihten. Natürlich waren viele über den plötzlichen Tod geschockt, aber sie ärgerten sich mehr, dass sie bei diesem Wetter nach draußen mussten. Auf dem Schlosshof stand schon eine mürrische Gruppe von Burgbewohnern im Regen und versuchte, sich irgendwo unterzustellen. Für die wohlhabendere Gesellschaft war am Bergfried eine Plane aufgehängt worden.

Wie alle anderen nur darauf bedacht, möglichst bald wieder ins Warme zu kommen und das möglichst trocken, schob sich Felician durch die Menge, Shenni nah genug neben sich, dass er den Umhang um sie legen konnte. Glücklicherweise war sie noch klein genug, sich einfach unter dem Stoff vor dem Regen verstecken zu können, während ihrem Bruder das Wasser übers Gesicht lief.
Über den Wartenden lag eine dumpfe Stille, nur unterbrochen von leisem Murren oder dem Scharren von Füßen.

Felician beobachtete die Adeligen auf der gegenüberliegenden Seite. Zwischen ihnen und dem Fußvolk lag der Weg, den der Sarg getragen werden würde, sodass die Seiten ordentlich getrennt waren.
Während den feinen Schnöseln unter ihrem Dach und mit ihren Stühlen und Sesseln heiße Getränke gebracht wurden, drängten sich frierende Leute im Regen. Die Blicke der einen Seite waren oft arrogant oder sogar angewidert, während die Armen die Reichen ignorierten. Niemand wollte vor Augen gehalten bekommen, wie gut es den Wohlhabenden ging. Felician konnte nur den Kopf schütteln.
Mit dem Preis eines dieser Kleider könnte man eine vierköpfige Familie ein paar Jahre lang ernähren.

Nach ein paar weiteren kalten, nassen Minuten schwang endlich die Tür zum Bergfried auf und warf einen warmen Schein nach draußen. Die Reichen reckten die Hälse, um einen Blick auf den Prinzen und die Prinzessin zu erhaschen, während die Armen ihre ehrfürchtig neigten. Zuerst marschierten ein paar Soldaten, deren Uniformen so durchnässt nicht allzu beeindruckend wirkten, dann kamen wichtige Kirchenleute und Adelige, dann endlich der Sarg, der von sechs Männern getragen wurde. Dahinter lief das neue Königspaar mit stolz erhobenen Köpfen.

Ungeduldig wollte Felician warten, bis die unglaublich langsame Prozession endlich vorbei gezogen war, als Shenni auf einmal unter seinem Umhang hervor schlüpfte und in der Menge verschwand.
Verdammt! Jetzt konnte er sie nicht rufen, also stürzte auch er sich in die Menge und schob sich zwischen den Leuten hindurch.
„Shenni!", zischte er in der Hoffnung, sie würde ihn hören.
Er sah einen Zipfel ihres Kleides verschwinden und folgte ihr. Sie hielt auf die Trauernden zu, von denen ihn zum Glück noch niemand bemerkt hatte. Kurz bevor sie auf den Weg laufen konnte, erwischte er sie am Arm und hielt sie fest.
Verärgert kniete er sich neben sie, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.

„Was sollte das?", flüsterte er und bedeutete ihr, den Kopf zu senken, da gerade die Soldaten an ihnen vorbeiliefen.
„Ich möchte was sehen.", verteidigte Shennon sich unschuldig und ihr Bruder seufzte.
„Mach das nie wieder!", zischte er.
„Du kannst nicht einfach weglaufen."
Sie senkte den Blick.
„Tut mir leid.", murmelte sie kleinlaut, sodass Felician nicht anders konnte, als sie in den Arm zu nehmen.
„Dafür kannst du jetzt was sehen. Halt aber den Kopf unten."
Sie nickte und schielte zu den Fürsten hinauf, die den Weg entlang schlurften.

Schützend legte er wieder seinen Umhang um sie und zog sie sicherheitshalber noch ein Stück zurück, nur für den Fall, dass jemandem auffiel, dass sie nach oben sah und den Blick nicht gesenkt hatte. Als der Sarg an ihnen vorbeigetragen wurde, konnte auch er sich einen Blick nach oben nicht verkneifen. Ein schwarz lackierter Holzkasten, der mit einem Kreuz und Blumen verziert war. Darin lag die Leiche des Königs.

Felician verstand nichts von Politik, aber unter Malcolms Herrschaft war es ganz gut gelaufen. Vor allem Fandrum hatte schon dunklere Zeiten gesehen.
Ob der junge Prinz seinen Vater würde ersetzen können?
Er warf dem Königspaar einen verstohlenen Blick zu. Eine Frau. Die Gerüchte stimmten also und der Prinz hatte tatsächlich jemanden gefunden. Die beiden hatten die Finger ineinander verschlungen und schritten hinter dem Sarg den Weg entlang. Obwohl sie sich immer wieder Regen aus den Augen blinzeln mussten und komplett durchnässt waren, strahlten sie Stärke aus.

Gerne hätte Felician den Prinzen näher gesehen, doch leider war die Frau auf der Seite, auf der er mit Shenni am Boden kniete.
Trotzdem versuchte er, einen Blick auf Prinz Lucian zu erhaschen, als die Prinzessin ihn sah. Er zuckte zusammen und senkte schnell den Blick. Für eine solche Respektlosigkeit konnte man hart bestraft werden.

Obwohl er sich sicher war, dass sie ihn gesehen hatte, sagte sie nichts.
Überrascht sah er aus dem Augenwinkel zu ihr.
Noch immer erwiderte sie seinen Blick mit ihren leuchtend grünen Augen. Sein Blick wurde von ihrem gefangen und er sog scharf die Luft ein.
Er kannte dieses Grün.
Grün wie eine Wiese an einem Sommermorgen.
Grün wie die Augen von Gem.

JennaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt