Fast eine ganze Stunde später war Anna endlich zufrieden mit Jennas Erscheinung und ließ sie aus dem Zimmer. Lucian wartete bereits seit einer ganzen Weile, deshalb saß er auf der untersten Stufe, sprang aber sofort auf, als die Tür geöffnet wurde und Jenna heraustrat. Bei ihrem Anblick fiel ihm tatsächlich die Kinnlade herunter und er stand sprachlos, mit leicht geöffneten Mund auf der Treppe und starrte sie an.
„Du kannst den Mund wieder zu machen.", murmelte Jenna verlegen, konnte aber nicht wirklich behaupten dass seine Reaktion ihr unangenehm wäre. Mit geröteten Wangen drehte sie sich einmal für ihn, wobei die kleinen Diamanten bei jeder Bewegung glitzerten. Das Kleid war trägerlos und bereits so reich verziert, dass Anna ihr dazu nur eine schlichte Kette aus schwarzen Steinen gegeben hatte. Ihre Haare fielen offen in lockeren Wellen über ihre Schultern, nur an der Seite waren vereinzelte Strähnen hochgesteckt. Lucian war so in ihrem Anblick gefangen, dass er seinen Vater nicht hörte, der hinter ihm die Treppe hinunterkam. Der König schmunzelte beim Anblick der beiden und blieb stehen.
„Ich habe ja schon Vieles erlebt, aber dass meinem Sohn einmal die Worte fehlen..." Er schüttelte lachend den Kopf, dann nickte er Jenna zu und verschwand die Treppe hinunter.
Lucians Aussehen schien an ihres angepasst zu sein, er war komplett in Schwarz mit Hose, Hemd und Jacke ausgestattet.
Langsam wurde sein Blick ihr doch peinlich, deswegen ging sie zu ihm und knickste tief.
„Guten Abend, schöner Mann. Würdet Ihr mich vielleicht nach unten begleiten?"
„Mit Vergnügen."
Lucian schaffte es, seinen Mund wieder zu schließen, konnte aber seinen Blick noch immer nicht von ihr reißen.
„Fall nicht die Treppe runter.", lachte Jenna leise, einfach nur, um das peinliche Schweigen zu brechen.
„Tut mir leid. Ich... Du bist so schön.", brachte Lucian endlich heraus.
„Ich kann einfach nicht glauben, dass du mir gehörst."
„Seit wann hast du denn Besitzansprüche?", neckte Jenna ihn, konnte aber nicht verhindern, dass sie geschmeichelt rot wurde.
„Du lebst in meinem Land.", grinste Lucian.
Sie verdrehte gespielt genervt die Augen und schüttelte den Kopf.
„Männer.", seufzte sie schließlich, was Lucians Grinsen noch breiter werden ließ.
„Du solltest lieber hoffen, dass ich dich nicht den ganzen Abend eifersüchtig bewache.", sagte er und hielt ihre Hand fest, als sie an ihm vorbei laufen wollte. Problemlos zog er sie in seine Arme und küsste sie.
„Du bringst meine Frisur durcheinander.", beschwerte sich Jenna, doch klang ihre Beschwerde wenig glaubwürdig, da sie mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen zu ihm aufsah.
„Keine Sorge, du siehst immer noch perfekt aus.", beruhigte der Prinz seine Begleiterin und ging mit ihr zielstrebig auf den größten der vier im Turm vorhandenen Ballsäle zu.
Als das Paar den Raum betrat, drehten sich sofort alle nach ihnen um.
Der Prinz, ganz in schlichtem, aber edlem Schwarz, war von einer perfekten Atmosphäre aus Macht, Arroganz und Reichtum umgeben und damit eine fast so beeindruckende Erscheinung wie seine Frau, die als wandelnde, glitzernde Galaxie an seiner Seite leuchtete. Während sie weiter in den Raum schritten, nickte Lucian einigen zu und Jenna suchte ihre Familie in der Menge.
Als die Musik zu spielen begann, kam ein wenig Bewegung in die Gäste und nicht mehr alle gafften die beiden an, doch ihnen wurden noch einige verstohlene Blicke zugeworfen, manche neidisch, manche wohlwollend, einige bewundernd. Ihren ersten Tanz schenkte Jenna selbstverständlich mit Freude Lucian, wurde aber für den zweiten bereits von einem jungen Lord angesprochen, der für die Tatsache, dass sie ihn noch nie zuvor getroffen hatte, recht aufdringlich war, weshalb sie nach dem Tanz nur kurz knickste und schnell in der Menge verschwand. Die nächste halbe Stunde tanzte sie mit einigen der Adeligen, die sie am Vortag kennengelernt hatte, bis sie endlich ihren Vater fand. Dieser sah sie fragend an und streckte einladend seine Hand aus, die sie dankbar ergriff. Für ihren Geschmack gab es hier eindeutig zu viele schmierige Fürsten, Lords und Offiziere, die sich oft auch definitiv nicht mehr in ihrer bevorzugten Altersklasse befanden, die sich ziemlich an sie heranmachten, obwohl sie recht offensichtlich mit dem königlichen Thronfolger hier war.
„Vater.", begrüßte sie ihn erleichtert.
„Jenna." Er sah sie nachsichtig an. An diese allgemeine Aufmerksamkeit würde sie sich gewöhnen müssen. Dass der Prinz ihr Partner war, ließ sie nur noch begehrlicher wirken.
„Wie geht es dir, meine Kleine?", fragte er besorgt.
Sie lächelte tapfer.
„Ich gewöhne mich langsam daran. Es ist zwar anstrengend, macht aber auch Spaß, außerdem gibt Lucian sich wirklich Mühe, es mir hier schön zu machen."
Der Lord nickte bedächtig.
„Anscheinend hast du eine gute Wahl getroffen.", lächelte er.
Glücklich nickte sie, wechselte aber dann das Thema.
„Du hast Anna rausgeschmissen?"
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ihr Vater hob daraufhin nur erstaunt die Augenbrauen.
„Rausgeschmissen? Hat sie das so gesagt? Ich würde es ein wenig anders ausdrücken."
Er sah Jennas fragenden Blick und fuhr fort:
„Nachdem du weg warst, habe ich ihr für die langjährigen Dienste gedankt, ihr einen Beutel Goldmünzen und den Schlüssel zu einer schönen Wohnung in der Stadt geschenkt und sie mit einer Kutsche dorthin bringen lassen. Am nächsten Morgen habe ich dann das Geld und den Schlüssel vor meiner Tür gefunden, mit der Nachricht, dass sie jetzt im Schloss arbeiten würde." Als sie das hörte und sich an Annas empörten Blick erinnerte, lachte Jenna auf, während ihr Vater sie amüsiert ansah.
„Dieses verrückte Frauenzimmer.", murmelte, verstummte aber bei Jennas warnendem Blick. Niemand sagte etwas schlechtes über Anna, wenn es auch noch so lieb gemeint war.

DU LIEST GERADE
Jenna
FantasyJenna lernt den charmanten Prinzen Lucian kennen, mit dem sie dann bald ins Schloss zieht. Ihr kurzes Glück wird von einer Reihe von Morden getrübt, die nicht lange außerhalb des Schlosses bleiben. Haben die Morde irgendetwas mit Jennas Anwesenheit...