55.

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„Ich bin deine größte Angst, dein schlimmster Alptraum.", verkündete Lucian mit einem finsteren Grinsen.
„Woher willst du meine Ängste kennen?", fauchte Jenna und versuchte, ihm nicht zu zeigen, wie verängstigt sie war.
„Du hast Angst, alle zu verlieren, die du liebst. Deine Zofe, Anna."
Bei der Erwähnung ihrer toten Zofe zuckte Jenna zusammen, was dunkle Genugtuung in Lucians schwarzen Augen erscheinen ließ.
„Und natürlich dein Prinzchen, deinen Verlobten, deinen geliebten Lucian."
Das letzte Wort ließ er sich genüsslich auf der Zunge zergehen und freute sich an ihrer Verzweiflung.
„Ich habe ihn nicht verloren!", rief Jenna. Tränen traten in ihre Augen.
„Er ist noch da. Du bist dort drinnen, Lucian! Bitte!", schluchzte sie, doch das Bewusstsein in Lucians Körper lachte nur.
„Noch ist er das, meine liebe Jenna. Aber nicht mehr lange. Jedes Mal kann ich ihn länger unterdrücken und bald werde ich ihn komplett verdrängt haben und ihn für immer kontrollieren können."
Verzweifelt schüttelte sie den Kopf.
„Warum tust du das?", hauchte sie.

Beinahe nachdenklich legte er den Kopf schief, doch die Geste wirkte herablassend.
„Niemand hat es dir gesagt.", murmelte er mehr zu sich selbst.
„Es ist dein Erbe. Es ist meine Rache."
Jenna schluckte.
„Ich- ich kenne Euch nicht. Ich habe Euch nie etwas getan!"
Er lachte leise. Das bei ihm so unnatürlich klingende Geräusch jagte eine Gänsehaut über ihren Körper.
„Nein, du hast nichts getan. Aber deine Mutter."
Sie erstarrte. Woher kannte er ihre Mutter? Nicht einmal sie hatte ihre Mutter gekannt.
„Weißt du, Jenna, deine Mutter hat mir alles genommen. Mein Land, mein Geburtsrecht, meine Krone! Meine wahre Liebe und meine Familie. Meine Zukunft. Alles!"
„Das wusste ich nicht. Es- es tut mir leid!", flüsterte sie.
„Das ist mir egal! Ich werde dir das Selbe antun! Deinen geliebten Königssohn habe ich schon fast und damit deine Familie und Zukunft! Praktischerweise, meine Liebe Jenna, hast du dir den König ausgesucht. Dank dir kann ich mit der Eroberung eines Körpers all meine Ziele erreichen. Ich- nein, König Lucian!- wird sein Land zerstören! Es wird Aufstände geben, Rebellionen, dein Land wird brennen!"

„Das könnt Ihr nicht machen!", rief Jenna verzweifelt und versuchte, an ihm vorbeizukommen, doch er fing sie mit Leichtigkeit wieder ein.
Da sie keine Waffen dabei hatte, schlug sie nach ihm, aber er fing ihre Faust ab.
„Aber Hoheit, Ihr wollt doch nicht Euren Verlobten verletzen?", spottete er.
Jenna stemmte sich gegen ihn, die Wand hinter sich, doch Lucians muskulöser Körper bewegte sich keinen Zentimeter.
Sie krallte sich in seine Schultern und schluchzte verzweifelt:
„Lucian! Hilfe, bitte. Ich brauche dich! Du kannst es besiegen. Lucian, Lucian..."
Ihre Stimme versagte.
„Bitte Lucian.", wiederholte sie wie ein Mantra, immer und immer wieder.

Plötzlich taumelte Lucian zurück, wieder riss er die Hände an den Kopf und wendete sich ab.
Als er sich zu Jenna umdrehte, leuchteten seine Augen wieder eisblau. Entsetzt starrte er erst sie, dann seine Hände an.
„Jenna, bist du verletzt?! Was habe ich getan?"
Sie wollte auf ihn zugehen, doch er wich zurück.
„Ich bin ein Monster! Halte dich von mir fern, Jenna. Bitte!"

Entsetzen durchströmte ihn. Er hatte sie angegriffen, seine Verlobte. Er konnte sich nicht erinnern, aber er hatte ihre Stimme gehört, wie sie seinen Namen gerufen hatte und er hatte gekämpft. Er hatte sich gegen die Dunkelheit in seinem Geist aufgelehnt und sie vertrieben, nur um dann dort zu stehen, seine Geliebte vor sich, wie sie ihn verzweifelt und mit tränenüberströmtem Gesicht angesehen hatte. Was hatte er nur getan? Er musste hier weg, weg von ihr. Er könnte es nicht ertragen, ihr etwas anzutun. Er hörte sich selbst sagen, dass sie von ihm fern bleiben sollte.

Sie sah ihn an, so verletzt, so verraten, dass sich alles in ihm zusammenzog. Aber es war besser so, sicherer für sie. Sie machte einen unerwartet schnellen Schritt auf ihn zu und krallte ihre Finger in seine Schultern, bevor er zurückweichen konnte.
Wollte sie ihm wehtun? Er könnte es verstehen, sie hätte jedes Recht dazu. Es wäre das Beste, wenn sie ihn umbrachte. Regungslos stand er dort, in dem dunklen Gang, in der Erwartung, ein Messer zwischen den Rippen zu spüren, doch sie sah ihn nur an. Mit einer schmerzlichen Endgültigkeit studierte sie seine Augen, dann küsste sie ihn. Überwältigt schloss er die Augen.
Im einen Moment spürte er noch ihre weichen Lippen, im anderen hatte er nur noch einen Hauch ihres süßen Geschmacks auf den Lippen und sah sie um eine Ecke davon laufen. Er hoffte nur, dass sie sich in Fandrum nicht verlief oder sich verletzte.

JennaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt