Chrissy

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„Chris, das ist ja schrecklich." theatralisch schnappte ich nach Luft, ehe ich mich nicht mehr halten konnte und in ein leises kichern verfiel. Der kleine Bruder meines Verlobten blickte mich finster an, weshalb ich mir ein erneutes Auflachen nicht unterdrücken konnte. „Ach Chrissy, schau nicht so.", gespielt kniff ich Christian in die linke Wange.
In Chrissy zu nennen war leider ein sehr großer Fehler, den ich nur all zu schnell bereute. Auf seinem Gesicht breitete sich ein diabolisches Lachen aus. Ohne Möglichkeit die Flucht zu ergreifen, saß ich wohl oder übel fest und musste mich der Rache meines Gegenüber stellen. „Nein Chris bitte nicht! Becks, Anna, Sandy, bitte hilft mir!" Verzweifelt blickte ich meine drei Begleiter, die auf einem großen Sofa Platz genommen hatten, an. Jedoch sah mich jede Einzelne von ihnen mit einem >Das hast du dir selbst eingebrockt-Blick< und einem Kopfschütteln an.
In einem von Chris's ausgewählten Kleidern stand ich nun auf einem kleinen Podest, um das ganze Brautkleid besser an mir beurteilen zu können. Doch nun fühlte und war ich, die Maus in der Mausefalle. Und Christian, die Katze, die mich am liebsten mit Haut und Haar fressen würde. Und tatsächlich keine Sekunde später, wandt ich mich unter den Händen des jüngsten Reinelts, der mich mit größten Vergnügen folterte. „Christian hör auf mich zu kitzeln." kicherte ich während ich zeitgleich verzweifelt nach Luft schnappte. „Sag die drei Zauberworte und du bist frei." waren die einzigen Worte, die aus seinem Mund drangen.
In ihnen lag ein siegessicherer Unterton. „Du hast recht." presste ich hervor, doch er schüttelte nur amüsiert den Kopf. „Gib es zu, in was habe ich recht?" flüsterte er und neigte seinen Kopf leicht zur Seite. Gib es zu, die Worte halten in meinen Ohren, während ich verzweifelt nach einer Antwort suchte. „Es ist perfekt." keuchte ich, nachdem mir endlich etwas eingefallen war. Natürlich meinte Christian das Brautkleid. Es war leicht nostalgisch angehaucht, aber dennoch schlicht und einfach nur wunderschön. Besser hätte ich es mir gar nicht ausmalen können. Noch bevor ich es anprobiert und an mir gesehen hatte, hatte ich mich sofort darin verliebt. Es sollte mein Kleid werden. Mein Traumkleid, in dem ich vor dem Traualtar stehen, meinen größten Traum, meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und meinem Traummann das Ja-Wort geben wollte.
Meine Augen wanderten Richtung Schaufenster und mein lächeln verstarb auf der Stelle. Erschrocken schnappte ich nach Luft, trat einen Schritt nach hinten, sodass ich von dem kleinen Podest, auf dem ich bis vor kurzem stand herunter fiel. Jedoch von Chris rechtzeitig aufgefangen wurde, bevor ich den Boden auch nur berühren konnte.
„Lia alles in Ordnung?" mein Retter blickte mich besorgt mit seinen braunen Augen an. Doch ich schüttelte nur den Kopf. Nichts war in Ordnung. Nein, rein gar nichts. „Simon... dort steht Simon." presste ich schließlich heraus, nachdem ich meine Fassung etwas zurück gewonnen hatte. Doch als ich ein weiteres Mal in die Richtung des Fenster schaute, war er verschwunden, einfach in Luft aufgelöst.
„Das hast du dir sicherlich nur eingebildet." meinte Chris und zuckte dabei merklich mit den Schultern. Vermutlich hatte er recht, das ganze erinnerte mich sehr an meine damalige Verlobung mit Simon. Mein Gehirn hatte mir einfach einen Streich gespielt, mehr nicht.
„Mhhh", war jedoch das einzige Geräusch, das aus meinem Mund drang.
„Und? Wie haben Sie sich entschieden?", fragte die Verkäuferin und lenkte uns somit vollständig vom Thema ab.
Nachdem ich schließlich noch den restlichen Nachmittag mit den anderen verbrachte, trat ich erschöpft am frühen Abend den Heimweg an.
„Bin wieder da!", rief ich so laut ich konnte, während ich mich meiner Schuhe entledigte. Doch auf eine Antwort wartete ich vergebens, Andreas war nicht zu Hause. Somit war ich alleine mit meinen erneut aufkommenden Gedanken über Simon.

By your side || EhrlichBrothersWo Geschichten leben. Entdecke jetzt