Kapitel 8: Der Traum I

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Um ihren neuen magischen Gegenstand testen zu können, hatte sich Iniri in dieser Nacht früher als gewohnt schlafen gelegt. Die Silberkette unterschied sich äußerlich kaum von gewöhnlichem Halsschmuck. Jedenfalls nicht von dem der edleren Sorte, mit dem sie sich üblicherweise umgab. Einen geringen Unterschied im Design, aber umso Bemerkenswerter in ihrer Wirkung, machten die sieben winzigen Anhänger, die fremdartige Symbole einer ihr unbekannten Sprache darstellten. Es erwies sich als überaus gewöhnungsbedürftig, die verhältnismäßig schwere Kette beim Schlafengehen zu tragen, doch die Fähigkeiten, die sie dadurch bekommen und das Wissen, welches sie erlangen konnte, ließen sie diese kleine Unannehmlichkeit vergessen. So fiel Iniri bereits kurz nach Anbruch der Dämmerung über Lyiapatazia, in einen festen Schlaf.

Sie versank immer tiefer im Dunkel ihrer Traumwelt, in der physikalische Gesetze nichts zählten und Zeit nur ein Wort war, dessen Bedeutung keine Rolle spielte. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange sie bereits schlief, als ihr das warme, orangefarbene Licht erschien. Um sie herum war die absolute Finsternis. Sie sah keine Wände und keinen Boden, nicht einmal eine Decke oder einen Himmel, welcher den Ursprung des schmalen Lichtkegels hätte darstellen können. Das schwache, unaufdringliche Licht mündete in einen matten Farbkreis auf dem nicht existierenden Boden vor ihr. 

Iniri hatte zuvor nie von etwas derartigem geträumt und schritt instinktiv darauf zu. Als sie in die Mitte des Kreises trat, ging ihr erster Blick zu ihren Füßen. Das Licht schien einfach durch sie hindurch zu gehen, beschien weder ihre Haut noch ihre Kleider und erhellte nicht einen Millimeter der Welt außerhalb des Kreises. Sie blickte direkt nach oben und ein ihr vollkommen neues Gefühl von Klarheit ergriff Besitz von ihrem Geist. Ihr war bewusst, dass sie schlief, doch war sie noch nie so wach gewesen. Mit einem Mal konnte sie die Wärme des Lichts auf sich spüren. Auch dieses gewisse, kaum hörbare Rauschen oder brummen war ihr nicht neu. Sie kannte es aus Momenten, in denen die gesamte Welt um sie herum den Atem anzuhalten schien. Das alles, dieser Kosmos um sie herum, musste eine fremde Wirklichkeit außerhalb ihres eigenen Universums sein. Einen Momentlang stand sie mit ihren Gedanken einfach nur so da. 

Die Atlanterin schaute konzentriert auf ihre Hände, ballte sie zu Fäusten und krallte die Nägel in ihre Handinnenflächen. Sie spürte nur einen leichten Druck, keinen Schmerz. Es fühlte sich merkwürdig an, sich selbst vor dem geistigen Auge im Bett liegen und schlafen zu sehen und doch unbeschreiblich weit von diesem ihr so vertrauten Ort fern zu sein. Gemischte Gefühle durchströmten Iniri. Wie würde sie wieder zurück in die Welt der Wachen kommen, sobald sie erfahren hatte, was sie wissen musste? Würde sie einen Weg nach draußen finden oder warten müssen, bis sie von allein erwachen würde? Und woher sollte sie wissen, ob sie jemals wieder aufwachte? Möglicherweise war alles, was von diesem Zeitpunkt an geschah, nur noch ein allzu realistischer Traum, innerhalb eines bewussten Klartraumzustandes, den sie nicht verstand. Sie warf den Gedanken beiseite. Was sollte ihr hier schon groß geschehen? Wenn ihr durch den Einsatz der Traumkette eine reale Gefahr gedroht hätte, wäre sie ganz sicher von dem jungen Mann am Stand davor gewarnt worden. Er hatte vertrauenerweckend gewirkt, dieser Okanur.

Also konzentrierte sie sich auf ihre Umgebung, versuchte, möglichst intensiv an das Regenbogenschwert zu denken. Da sie keinen blassen Schimmer von dem Ort hatte, an dem es sich befand, war sie froh, schon verschiedene Gemälde und Zeichnungen von der sagenumwobenen Waffe gesehen zu haben. Ihr Gedankenbild begann sich auf ihre Umwelt zu übertragen. Dichter Nebel umhüllte den gesamten Platz um sie herum, der ihr Sichtfeld gewaltig einschränkte. Das orangefarbene Licht verblasste allmählich, bis es vollends verschwunden war. Als sich Iniris Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte sie auch das Regenbogenschwert erkennen. Von einem starken Glanz umhüllt, blitzte seine silberne Schneide zwischen den Nebelfetzen hervor. Es schien in einem seltsamen Winkel, einige Meter vor ihr in der Luft zu schweben, bewegte sich jedoch kein Stück.

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt