Kapitel 23: Das Erbe eines Halbgottes IV

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Etwa 30 Minuten später, Palast von Lyiapatazia

"Ich frage mich, ob jemand den Blitz gesehen hat, als wir am Eingang gelandet sind." überlegte Rāvakum.

"Hast du nicht behauptet, der Ring macht uns unsichtbar?" fragte Tiraitān hämisch, während sie die Treppen nach oben stiegen. Er mochte es, einen einigermaßen großen Auftritt hinzulegen, wenn er schon die Gelegenheit dazu bekam.

"Tut er normalerweise ja auch, aber ich hab keine Ahnung, wie das funktionieren soll, wenn wir uns zum Teil dematerialisieren." erklärte der Spion seine Unsicherheit und wieder hatte Tiraitān nur Spott für ihn übrig.

"Du kennst dich ja richtig gut aus. Vielleicht muss ich dich gar nicht umbringen." irritiert glotzte Rāvakum ihn an.

"Warum solltest du auch? Ich helfe dir schließlich die ganze..-"

"Was hast du denn bisher so für mich getan?" unterbrach Tiraitān ihn brüsk. "Bis jetzt hab nur ich dir einen Gefallen getan und zwar den, dass du noch lebst."

"A...aber ich hab für dich den...den Stein aufbewahrt und..-" plötzlich dämmerte dem hektisch vor sich hin stotternden Rāvakum etwas. Was er gesehen hatte, als er für einen kurzen Moment in sein Haus gekommen war, in das offensichtlich jemand eingedrungen war. Jemand hatte das Geheimfach in seinem Schrank gefunden. Der Kristall war darin gewesen und vermutlich war er es nun nicht mehr. In jeder anderen Situation, hätte er es Tiraitān sofort gebeichtet, damit sie möglicherweise noch etwas hätten tun können, doch diesmal behielt er das Problem für sich. Er wollte schließlich nicht gerade um den Tod betteln, wo es für ihn sowieso nicht sehr gut aussah.

"Und was?!" riss Tiraitān ihn aus seinen Gedanken. Sofort gab sich der Spion Mühe, sich zusammenzureißen. 

"Und...und ich finde, du könntest mir ruhig auch etwas dankbar sein." stotterte er und Tiraitān kicherte amüsiert. Dann hob er die Faust und hämmerte gegen die Flügeltür, hinter der Viyalān vermutlich schon auf sie wartete. Er verwendete den Ring, ohne wirklich zu wissen, wie es funktionierte. Er wurde unsichtbar und lief vor dem eingeschüchterten Rāvakum her, direkt auf den uralten Mann zu, der ihn bereits erwartungsvoll ansah.

"Da bist du ja wieder, junger Soldat." begrüßte er ihn und winkte ihn so nahe zu sich heran, dass Tiraitān neben ihm stehen bleiben musste, um seinem Großvater nicht auf dem Schoß zu sitzen.

"Verehrter Ober...Oberältester Viyalān." begann Rāvakum. Dann flüsterte er, als er sein Gesicht so nahe wie möglich ans Ohr seines Befehlshabers bewegte. "Der Auftrag ist erfüllt. Er...er ist hier." Viyalān konnte seinen absolut überraschten Gesichtsausdruck nicht verbergen, doch keiner seiner Wachleute bemerkte etwas. 

"Ihr könnt jetzt eine Pause machen! Kommt in zehn Minuten wieder auf eure Posten!" befahl Viyalān in seiner fürstlichsten Aussprache und die Männer nickten stumm, als sie den Raum verließen und die Türen hinter sich schlossen. "Bist du da, Junge? Tiraitān, bist du..-"

"Ja, das bin ich." erwiderte Tiraitān, nahm den Ring ab und steckte ihn in die Tasche seiner schwarzen Jacke. Dann warf er den schwarzen Umhang wieder darüber und steckte die Hände in die Hosentaschen. Er blickte Viyalān kalt an. "Also, was ist?"

"Was los ist? Tiraitān, wir haben dich gesucht! Warum bist du einfach verschwunden und was..-"

"Spar dir die Fragerei!" meinte Tiraitān streng. "Sag mir, was du von mir willst und dann entscheide ich, ob ich mich darauf einlasse."

"Du bist zwar nicht mehr der gute Junge, der du mal gewesen bist, aber etwas von mir, ist bei dir offenbar noch geblieben." stellte Viyalān fest und erntete einen ungnädigen Blick seines Enkels. "Schön, ich werde dir sagen, wieso ich dich habe herholen lassen." gab der alte Mann nach. "Weißt du, warum du mir schon immer das Wertvollste auf der ganzen Welt warst?"

"Und?" Tiraitān verschränkte die Arme vor der Brust.

"Weil du nicht wie all die Anderen bist." fuhr Viyalān fort. "Deine Fähigkeiten sind wie deine Intelligenz, einfach nur überragend und du bist allen so weit voraus, dass du zweifellos eine ganze Gruppe von Ausbildern aus Lyiapatazia besiegen könntest, ohne dein volles Potenzial zu nutzen."

"Dass ich großartig bin, weiß ich selbst." bemerkte Tiraitān hochnäsig. "Ist aber alles noch ausbaufähig. Wie ich jemals auf einer Stufe mit diesem Wurm Palk stehen konnte, ist mir unbegreiflich." Er ballte die Hände zu Fäusten.

"Zum Einen" begann Viyalān, "ist auch Palk sehr viel stärker, als die Meisten Anderen und weiterhin hast du noch lange nicht alles erreicht, was du schaffen könntest. Wenn du wüsstest, welche Macht du wirklich besitzt, du würdest zu einer wahren Legende werden, Tiraitān."

"Was hab ich denn so für Fähigkeiten, die ich noch nicht kenne?" wollte Tiraitān wissen und lächelte mokant.

"Deine Eltern waren ganz gewöhnliche Auserwählte und wie du weißt, ist das in Meluhha nichts Besonderes." antwortete Viyalān und seine gräulichen Augen, begannen zu leuchten. "Aber du bist mehr, viel mehr als das. Du bist ein göttlicher Auserwählter. Du bist ein Halbgott, Tiraitān!" Bei seinen letzten Worten war er lauter geworden und Rāvakum fühlte sich plötzlich noch unwohler als zuvor, was er für kaum möglich gehalten hatte. 

"Was soll das sein, ein göttlicher Auserwählter?" fragte Tiraitān und mit einem Mal, hatte seine Arroganz sich wieder in die Neugier verwandelt, die sein Großvater so an ihm geliebt hatte, als er noch ein freundliches Kind gewesen war. 

"Die Götter haben dich persönlich auserwählt und dir einen Teil ihrer Macht gegeben." antwortete Viyalān euphorisch. "Du bist göttlich und deine Macht ist rein. Du hast sie nicht vererbt bekommen, du bist von einem Gott berührt und gesegnet worden. Hast du nur die geringste Vorstellung, was ein göttlicher Segen für einen Menschen bedeutet?"

"Einen Augenblick mal!" preschte Tiraitān dazwischen. "Du sprichst hier von der gleichen Art von Kraft, die auch dieser legendäre Kobra gehabt haben soll, stimmt's? Habt ihr den nicht verbannt, bloß weil er anders war?"

"Das ist eine Lüge! Wir haben ihn verbannt, weil..-" Viyalān mäßigte sich und atmete einmal tief durch.

"Weil?!" Tiraitān wurde ungeduldig.

"Das tut jetzt nichts zur Sache, Junge!" beschloss Viyalān. "Du kennst die Geschichten über die unheimliche Macht, die Kobra hatte und über den Einfluss, den er auf die Welt genommen hat. Du könntest der nächste Revolutionär sein. Du könntest derjenige sein, der die Welt wieder zum Besseren verändert, Tiraitān!" tönte der alte Mann und man merkte, dass er bei dem Thema richtig kribbelig wurde. Tiraitān interessierte allerdings etwas ganz anderes.

"Warum kommen mir immer alle damit, dass ich helfen soll, die verdammte Welt besser zu machen?" schnaubte er wütend. "Soll ich dafür sorgen, dass sich auf der Welt alle lieb haben und immer schön miteinander kuscheln und vielleicht noch helfen, ein paar Kekse für alle zu backen?"

"Das ist etwas melodramatisch, findest du nicht?" Viyalān grinste leicht. "Ich mach dir ein Angebot, Tiraitān." sagte er schließlich. "Komm zurück nach Lyiapatazia - ganz offiziell - und ich helfe dir, die Strafe so klein wie möglich zu halten. Wenn du dann wieder frei bist, werde ich dir alles beibringen, was du wissen musst, um deine Kräfte noch um ein Vielfaches zu steigern."

"Lass mich überlegen!" sagte Tiraitān, steckte die Hände in die Taschen und schloss kurz die Augen. In dem Moment flog die Flügeltür auf.

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt