Kapitel 28: Die Beschwörung I

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Kurz darauf; Im Palast von Lyiapatazia

„Wie lange wird der Oberälteste nun ausfallen?" fragte Uvāri seinen Freund Muriyet besorgt. Er konnte an nichts Anderes mehr Denken, als die Geschehnisse des vergangenen Abends.

„Ich bin nicht sicher, doch es sieht nicht besonders gut aus." antwortete Muriyet bedrückt. „Er wird wieder werden, aber es ist noch nicht klar, wie lange es dauern wird."

„Von seinem eigenen Enkel beinahe ermordet. Ich könnte mir kein Schicksal vorstellen, dass mich härter treffen würde." überlegte Uvāri und lehnte sich in seinem Stuhl zurück an die weiche Lehne. Sein Blick ging ins Leere, während er den unwillkürlichen Gedanken nicht vertreiben konnte, bald ein Mitglied seiner zweiten Familie zu verlieren.

Der Ältestenrat existierte bereits seit vielen Jahrhunderten, doch in den letzten dreißig Jahren, hatte sich nichts mehr an ihm verändert. Die Mitglieder waren noch immer die Selben und es hatte auch nie ernsthafte Streitigkeiten unter ihnen gegeben. Der Anblick der fehlenden beiden Stühle, die bei dem Kampf zwischen Viyalān und seinem Enkel zerstört worden waren, löste eine kaum zu beschreibende Beklemmnis in dem alten Mann aus.

„Dann wird für's Erste Ukāla das Amt des Oberältesten übernehmen müssen." stellte Muriyet fest. „Das ist immerhin seine Aufgabe als Stellvertreter von Viyalān."

Jemand klopfte dreimal kurz gegen die große Eingangstür und öffnete. An dieser Geste erkannten die beiden Männer im Inneren schon, dass es sich wohl um ihren Mitältesten Yurenas handeln musste. Tatsächlich trat dieser ein, jedoch hatte er Palk bei sich. Yurenas ging durch den Raum, bis er vor seinen Kollegen stand und sah Uvāri ernst an.

„Ich grüße euch beide." sagte er laut. „Kommen wir gleich zur Sache. Wo befinden sich die anderen Ältesten?" wollt er wissen. Muriyet schüttelte ärgerlich den Kopf.

„Was ist denn nun wieder, Yurenas? Immer wenn du diesen Jungen hier anschleppst, oder was von den Anderen willst, gibt es einen Riesenärger."

„Deine Direktheit beeindruckt mich stets aufs Neue, Mitältester." honorierte Yurenas den Übereifer seines Kollegen. „Doch kommen wir zu meiner Frage zurück. Wo sind die anderen Ältesten." wiederholte er etwas nachdrücklich.

„Ich glaube, Stellvertretender Oberältester Ukāla ist im Moment unterwegs, um etwas für den Oberältesten zu..-"

„Ich bitte dich!" unterbrach Yurenas Uvāri. „Lassen wir die Förmlichkeiten weg!"

„Darf man fragen, aus welchem Anlass diese Dringlichkeit hervorgeht?" fragte Muriyet entgeistert.

„Nein!" zischte Yurenas scharf. „Wo sind Makarik und seine Frau?"

„Jetzt genügt mir dieser Ton allmählich!" Muriyet erhob sich und stellte sich Stirn an Stirn mit Yurenas. Die beiden funkelten sich böse an. „Yurenas, du bist hier der Jüngste und dementsprechend respektvoll solltest du gegenüber uns Höhergestellten auftreten! Seit vielen Jahren, toleriere ich dein verhalten, weil du der Jungspund bist, der einen geschätzten Kollegen ersetzt hat. Aber wage es nicht nochmal, dich im Ton zu vergreifen, sonst werden wir beide ein arges Problem bekommen!"

Eine bedrohliche Ruhe breitete sich in dem Saal aus, den Palk bisher immer als eher friedlichen Ort erlebt hatte. Er kannte seinen Freund und Mentor lange genug, um über dessen Achtsamkeit bescheid zu wissen und wusste, wie wichtig ihm gutes Benehmen und Etikette waren. Doch nun baute sich eben jener alte Mann vor dem Ältesten Muriyet auf und machte ein finsteres Gesicht.

„Du willst mir drohen? In diesen heiligen Hallen, wie du sie selbst immer so schön genannt hast, willst du mir, deinem Kollegen und Gleichgestellten, drohen? Überlege dir das gut, Muriyet!" Sein harter Tonfall verfehlte seine Wirkung nicht. Muriyet schluckte seinen Zorn runter und und ging wieder zu Ukālas Stuhl, den er sich als Ersatz für seinen zerstörten geliehen hatte. Als er nichts mehr sagte, wandte sich Yurenas, nun etwas ruhiger, wieder an Uvāri, der ohne zu zögern sprach.

„Ältester Makarik ist heute noch nicht hier aufgetaucht."

„Was ist mit Merkuri?" mischte sich Palk ein.

„Auch sie nicht." antwortete Uvāri verunsichert über die Situation.

„Vielen Dank!" sagte Yurenas nur noch und führte Palk mit einer sanften Bewegung an der Schulter wieder mit nach draußen. Er schloss die Tür absichtlich nicht hinter sich, weil er wusste, wie sehr Muriyet das hasste. „Kann es sein, dass ich was verpasst habe?" fragte er Palk, als sie die Treppe hinuntergingen und ihm auffiel, dass der seit einiger Zeit leicht grinste.

„Nichts Besonderes." erwiderte er. „Ich komm nur immer noch nicht drüber weg, dass du hier der 'Jungspund' bist." Endlich hatten sie mal wieder was zu lachen, als sie sich auf den Weg machten, um Merkuri und Makarik zu besuchen.

Sie waren noch nicht ganz am Fuße der Treppen angekommen, als Yurenas auf eine Frage kam, die ihm rückblickend sehr viel früher hätte einfallen müssen.

„Wieso hast du diese Lady Atokēla eigentlich nicht um deine Kristalle gebeten? Immerhin müsste sie sie ja haben und wenn ihr euch schon so gut verstanden habt.."

„Hm, daran hab ich ja überhaupt nicht gedacht. Die ganze Situation hat mich ehrlich gesagt komplett überfordert." gab Palk etwas ärgerlich zu. „Aber ich denke sowieso nicht, dass sie meine bei sich hatte. Tiraitān hätte die nicht auch noch so leicht aus der Hand gegeben."

„Aber wenn diese Frau nun gelogen hat und er doch unter ihrem Bann steht, wäre das durchaus möglich." erwiderte Yurenas grüblerisch. Palk fiel dazu nichts ein und schließlich schwiegen die beiden, bis sie das Haus des Ältesten Makarik sehen konnten. Schnurstracks gingen sie darauf zu und klopften laut und deutlich an der Tür.

„Macht keiner auf." bemerkte Palk nach einer knappen halben Minute. „Könnte er in die Stadt gegangen sein?"

„Das darf ich stark bezweifeln." Yurenas' Ton hatte etwas Hochnäsiges. „Der Gute zieht es vor, sich außerhalb seines Dienstes im Ältestenrat, zwischen seinen Büchern aufzuhalten und zu lesen."

„Ich hatte keine Ahnung, dass ihr euch..-" In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und zwei trübe Augen sahen zu ihnen hinaus. Der Mann, der auf Palk wirkte, als sei er in den letzten Tagen um viele Jahrzehnte gealtert, stützte sich schwer an der Türklinke ab und schien Mühe zu haben, seinen Kopf aufrecht zu halten.

„Ja, bitte?" Seine Stimme klang heiser und schwach. Palk zog eine Augenbraue hoch und ließ den Blick zu Yurenas wandern, den dieser jedoch nicht erwiderte, sondern seinen Kollegen lediglich etwas fragte.

„Würde es große Umstände machen, uns zu verraten, wo sich deine werte Gattin befindet?"

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt