Etwa zur selben Zeit, Lyiapatazia
Seit einigen Minuten standen Palk und Lakran vor dem Oberältesten Viyalān und warteten darauf, dass er eine Entscheidung traf. Da sie im gesamten Haus keine Spur des heiligen Schwertes gefunden hatten, wollten sie dies zuerst dem Ältestenrat mitteilen. Doch Viyalān schien über das Verschwinden der heiligen Waffe nicht besonders überrascht zu sein und auf die Frage, was nun zu tun sei, hatte er noch immer keine Antwort gegeben. Die drei waren allein in dem großen Versammlungsraum, abgesehen von der neuen Sondereinheit, die rechts und links neben der Tür positioniert war. Endlich hob Viyalān seine weiße, faltige Hand.
"Ihr werdet euch aus dieser Sache von nun an heraushalten", beschloss er und Lakran blickte hektisch zwischen ihm und Palk hin und her.
"Aber das kann doch nicht..-"
"Einverstanden!", entschied Palk und ging einfach weg. Lakran wartete, bis er sich von dem kleinen Schock wieder erholt hatte und ersetzte ihn durch Ärger.
"Hey, warte doch! So einfach geht das nicht!", rief er und eilte Palk hinterher.
"Doch, geht es. Mission ist Mission, Pause ist Pause", klärte Palk ihn gelangweilt auf und als sie aus der Tür getreten waren und einer der Wachleute sie hinter ihnen geschlossen hatte, schaute Lakran ihn noch einmal irritiert an.
"Du hast das doch nicht ernst gemeint, oder?"
"Selbstverständlich nicht. Seit wann tu ich das, was andere wollen?", entgegnete Palk.
"Das mag ich an dir. Du bist so schön verlogen", lachte Lakran.
"Ich bin nicht verlogen", widersprach Palk. "Ich bin immer ehrlich, außer dann, wenn ich gerade keine Lust dazu hab." Als Lakran mit dem Lachen aufgehört hatte, runzelte er plötzlich die Stirn.
"Wieso hast du den alten Mann überhaupt angelogen?"
"Weil er stur ist und wenn ich ihm sage, was ich vorhabe, wird er mich daran hindern wollen. Seit er sich diese komischen Imitate von Kriegern zugelegt hat, traue ich ihm nicht mehr."
"Wow, das ist schon ziemlich hart", fand Lakran und seine Augen wurden etwas größer.
"Ich denke, dass er der Insider ist, mit dem wir es zu tun haben. Vielleicht wendet er irgendeinen Trick an, um seine wahre Identität zu verschleiern", vermutete Palk.
"Was?! Du denkst wirklich, dass er selbst hinter dem ganzen Theater steckt?" Lakran konnte nicht fassen, was sein Freund da eben gesagt hatte. "Aber wie soll das dazu passen, dass Tiraitān verschwunden ist?" Beim Rausgehen klopfte Palk ihm auf die Schulter.
"Tja, zufällig habe ich rausgefunden, dass einer seiner Leute ein 1-A-Spion ist und..-"
"Das hat er uns doch selbst gesagt", unterbrach Lakran ihn.
"Falsch! Er hat uns gesagt, dass einer von ihnen ein Spion ist, aber von dem hab ich nicht geredet", stellte Palk klar. "Dieser Spion gehörte zu der zweiten Gruppe, die nach Tiraitān gesucht hat. Rein zufällig waren die beiden sehr gut befreundet und er hat den Angriff auf das Team nur deswegen überlebt, weil er - ebenfalls rein zufällig natürlich - gerade nicht dort war."
"Und woher weißt du das alles?" Lakran sah ihn oft fragend an, doch in diesem Fall schaute er besonders dämlich aus der Wäsche, was Palk ein leises Lächeln entlockte.
"Makkatū ist für mich bei ihm eingebrochen und hat es herausgefunden", erklärte er. Eine Weile überlegte Lakran, wie er reagieren sollte, während die beiden das Gelände verließen und er einfach neben seinem Freund hertrottete. Als er sich entschieden hatte, drehte er Palk wieder den Kopf zu.
"Was hast du jetzt vor?", fragte er ernst und er wirkte entschlossen.
"Wir werden uns heute Nachmittag bei diesem Spion - sein Name ist übrigens Rāvakum - ein bisschen umsehen." Von dieser Idee, schien Lakran nicht allzu begeistert zu sein.
"Das kannst du vergessen!", rief er. "Ich lege mich nicht mit dem Ältestenrat an. Weißt du, was wir für Probleme kriegen, wenn sie das rausfinden?" Palk legte den Kopf schräg und sah ihn an, als er stehen blieb.
"Natürlich weiß ich das. Ich zwinge dich nicht, mitzumachen. Schließlich hast du recht und es ist riskant. Wenn man uns erwischt, könnten wir aus Lyiapatazia verbannt werden."
"Wieso willst du das dann unbedingt machen?", wollte Lakran wissen und starrte ihn verständnislos an.
"Weil ich ein bestimmtes Bild von Gerechtigkeit habe, Lakran. Wenn ich etwas gegen das Unrecht in diesem Land unternehmen kann, werde ich es tun, ganz gleich, was für eine Gefahr damit verbunden ist." Lakran seufzte laut.
"Du weißt wirklich immer, wie du mich überzeugst", meinte er etwas genervt und Palk grinste.
"Das hier ist also sein Haus", murmelte Lakran leise. Noch immer hatte er größte Bedenken, was ihren Plan betraf und als Palk so 'vorsichtig' wie möglich die Tür eintrat und hereinspazierte, kämpfte Lakran mit einer Tränenmischung aus Besorgnis und Belustigung. Er war nun schon seit einiger Zeit mit dem verschlossenen Kämpfer befreundet und hatte mit ihm schon das ein oder Andere erlebt, doch noch immer hatte er Schwierigkeiten, Palks Denkweise zu verstehen. Er schien intelligent und kampferfahren zu sein, gleichzeitig aber Gewalt nicht besonders zu mögen und auch noch nicht sehr viel herumgekommen zu sein.
"Wir werden etwa eine halbe Stunde Zeit haben", verkündete Palk. "Du durchsuchst das hintere Schlafzimmer und die Küche. Ich werde mich um das Wohnzimmer und das Gästezimmer kümmern." Als er in den vorderen Teil des Hauses marschieren wollte, hörte er Lakran noch fragen:
"Was ist mit dem Bad?"
"Wie bitte?"
"Was ist mit dem Badezimmer? Sollten wir das nicht auch durchsuchen." Palk legte den Kopf schief.
"Du willst in seinem Badezimmer nach Hinweisen zu Geheimaktivitäten suchen? Dann kann ich nur hoffen, dass du nicht fündig wirst. Das wäre eine Zumutung für uns alle." Lakran musste wieder lachen und machte sich an die Durchsuchung. Ihm war nicht ganz klar, wieso es nötig gewesen war, die Tür einzutreten, wenn sie innerhalb einer halben Stunde, unauffällig wieder verschwinden mussten, doch er hinterfragte Palks Entscheidungen nicht mehr. Dafür hatte er ihm eindeutig zu oft recht.
Es dauerte nicht einmal drei Minuten, als Palk ihm aus dem Wohnzimmer etwas zurief. Lakran eilte herbei und setzte sich neben ihn. Palk hockte auf den Knien, über einem länglichen Holzschrank, der keinen Meter hoch, dafür aber fast zwei Meter breit war und nur aus einem Innenraum bestand, den man an zwei Griffen öffnen konnte. Er hatte das Fach geöffnet, alles rausgeworfen und ein kleines Loch in den hinteren Teil des Kastens gebrannt. Als Lakran ein Auge schloss, um besser hindurchsehen zu können, sah er etwas glitzern.
Palk griff durch die Öffnung und hielt plötzlichen einen funkelnden Stein in der Hand, den er sofort als seinen vermissten Topas identifizierte. Er drehte den strahlend orangen Kristall mit seiner perfekten Kugelform, zwischen seinen Fingern hin und her und Lakran fiel auf, dass sein Freund einmal genau so überrascht sein musste, wie er selbst.
"Woher hast du gewusst..-"
"Ich hab schon öfter gesehen, dass Leute so eine Art von Versteck benutzen", erklärte Palk gedankenversunken und blickte weiter auf seinen Kristall.
"Das ist der Topas, oder? Dieser Stein, den Tiraitān dir geklaut hat."
"Sieht ganz so aus."
"Was heißt das für uns?", wollte Lakran wissen und Palk lächelte seltsam.
"Dass wir auf der richtigen Spur sind. Tiraitān und Rāvakum stehen nicht nur in Kontakt miteinander, sie arbeiten offenbar auch noch zusammen."
"Puh!", entfuhr es Lakran. "Also noch ein Gegner."
"Und noch eine Chance mehr", fügte Palk hinzu und stand auf.
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Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasyDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...